Stoisch und unbeirrt führt SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz seine Partei ins Umfragehoch. Was steckt hinter dem überraschenden Höhenflug?
Berlin - Geht es nach Olaf Scholz, kann der Wahlkampf genau so weitergehen. Der Kanzlerkandidat der SPD steht an einem lauen Spätsommerabend in einem Biergarten an der Spree im Ostberliner Ortsteil Alt-Treptow. Die Luft ist mild, das letzte Sonnenlicht des Tages weich, auf dem Wasser schippern Tretboote und Ausflugsschiffe vorbei. Olaf Scholz, der Städte am Wasser liebt und vor einigen Jahren das Rudern für sich entdeckt hat, winkt einigen von ihnen zu und erklärt den Zuhörern, was er als Kanzler alles anders und besser machen würde.
Dabei lässt sich Scholz nicht aus der Ruhe bringen. Nicht von dem Mann mit dem Megafon, der unzufrieden mit der Coronapolitik ist. Nicht von den Klimaaktivisten, die mit Lautsprechern und Transparenten die Veranstaltung stören. Für einen Moment der Verwunderung sorgt bei dem Finanzminister nur die Frage, wann die Abgabe auf Aktiengeschäfte gesenkt werde. Er müsse den Fragesteller enttäuschen, so Scholz. „Wir haben die Finanztransaktionssteuer noch gar nicht eingeführt.“ Sei Ziel sei aber, dass sie kommt. Der Besuch im Berliner Osten ist der geruhsame Abschluss eines guten Tages für Scholz.
Der Trend ist selbst den Genossen unheimlich
Am Morgen hatte die Forschungsgruppe Wahlen eine neue Umfrage veröffentlicht. Darin klettert SPD auf 25 Prozent. Die Sozialdemokraten sind damit in der Erhebung des Instituts erstmals seit 19 Jahren wieder an der Spitze. CDU und CSU kommen im Politbarometer auf 22 Prozent, die Grünen nur noch auf 17 Prozent. Im direkten Vergleich mit Unionskonkurrent Armin Laschet und Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock schneidet Scholz noch besser ab. Würden die Meinungsforscher danach fragen, welcher der drei Bewerber am ehesten übers Wasser laufen kann, der Sozialdemokrat läge wohl auch hier mit Abstand vorne.
Selbst manchen Genossen ist der Trend der Umfragen etwas unheimlich. Freudig, aber vorsichtig, werde die Entwicklung betrachtet, erzählt einer aus der Parteizentrale. Auf keinen Fall will man sich Euphorie erlauben. Das Motto laute: Bloß keine Fehler mehr machen. Es sind noch zwei Wochen bis zur Bundestagswahl und das Undenkbare scheint möglich: Die SPD könnte bei der Wahl am 26. September stärkste Kraft und Olaf Scholz damit der nächste deutsche Kanzler werden.
Scholz ist der Mann der Krise
Das wäre ein politisches Comeback, das der mehr als 150 Jahre alten SPD und dem 63-jährigen Scholz kaum jemand zugetraut hätte. Rückblick auf das Jahr 2019: Zerrüttet von innerem Streit und einem katastrophalen Ergebnis bei der Europawahl suchten die Genossen über Monate hinweg nach einer neuen Parteiführung. Scholz zögerte erst, bewarb sich dann aber doch – und unterlag in einer Mitgliederabstimmung dem linken Duo aus Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Die beiden hatten sich zuvor ausdrücklich von Scholz und dessen Linie distanziert. Nach ihrem Sieg wird darüber spekuliert, ob Scholz seine politische Karriere beendet.
Olaf Scholz aber macht stoisch und nach außen unbeeindruckt von der herben Schlappe seine Arbeit als Finanzminister und Vizekanzler. In der Coronakrise ist er der Mann, der das Geld mit der Bazooka verteilt. Mit dem Duo an der Parteispitze findet Scholz einen Weg der Zusammenarbeit, bereits im vergangenen Sommer tragen die Vorsitzenden ihm die Kanzlerkandidatur an. Angesichts der damaligen Umfragewerte von nur etwa 15 Prozent werden die SPD und Scholz dafür ausgelacht, dass sie sich überhaupt die Mühe machen.
Die SPD auf einem Marathonlauf
Die Strategen der SPD und das Umfeld von Olaf Scholz verbreiten zu dem Zeitpunkt allerdings bereits eine Erzählung, die sich nun zu bewahrheiten scheint. Je näher die Wahl rücke, desto mehr Bürgerinnen und Bürger würden sich fragen, wer nach der Ära von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die Verantwortung im Land übernehmen solle. Dann – so das Kalkül – werde der in Hamburg und im Bund regierungserfahrene Scholz punkten. Die SPD stellt sich auf einen Marathonlauf ein. Bis in diesen Juli hinein bewegt sich die SPD in den Umfragen allerdings kaum.
Doch dann verändert sich etwas. Erst erleidet die Kampagne von Annalena Baerbock wegen einer Reihe von Anfängerfehlern beinahe Schiffbruch. Dann ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet von der Hochwasserkatastrophe in seinem Bundesland sichtlich überfordert. Scholz hingegen besucht die zerstörten Gebiete mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn und verspricht schnelle Hilfe.
In der Union herrscht blanke Panik
Das kommt offenbar an. Die Sozialdemokraten bemerken seit einigen Wochen, dass das Interesse an den Wahlkampfveranstaltungen von Scholz zunimmt. Im Anschluss an die Termine wollen viele Besucher ein Selfie mit dem Kandidaten machen. Schließlich klettert die SPD in den Umfragen nach oben, während Union und Grüne verlieren. Für die SPD unterwegs zu sein, macht wieder Spaß. Liefen einige Genossen zuletzt mit gebeugtem Rücken durch die Gegend, seien sie nun motiviert und stolz, erzählt eine Sozialdemokratin, die mit einem SPD-Sonnenschirm in Berlin auf der Straße steht.
Dass der stoische Scholz und seine schon abgeschriebene SPD kurz vor der Wahl so stark dastehen, löst in der Union mittlerweile blanke Panik aus. Nachdem der SPD-Kandidat für die Impfung gegen das Coronavirus mit den ironisch gemeinten Worten warb, die bisher Geimpften seien die Versuchskaninchen für die Zögerlichen gewesen, wittern CDU und CSU eine Chance, Scholz zu schaden. Prominente Unionspolitiker bis hin zu Angela Merkel werfen dem SPD-Kandidaten vor, Impfskepsis zu schüren. Scholz reagiert betont gelassen. Es müsse auch mal mit einem Witz für das Impfen geworben werden, entgegnet er. „Wenn einige nicht lachen wollen und sich darüber aufregen, hat das vielleicht etwas damit zu tun, dass sie beim Blick auf ihre Umfragewerte wenig zu lachen haben.“
Aus unserem Plus-Angebot: So hat sich der SPD-Kanzlerkandidat geschlagen
Unangenehmer ist für Scholz die Frage, mit wem er denn im Falle eines Wahlsiegs regieren will. Ein Dreierbündnis mit der Linken und den Grünen schließt er bisher nicht ausdrücklich aus. Auch ein Bündnis mit den Grünen und der FDP wäre kein Selbstläufer. Auffällig häufig reden Sozialdemokraten in diesen Tagen nun darüber, dass auch ein Zweierbündnis mit den Grünen in Reichweite gerate. „Ich möchte gerne mit den Grünen zusammen regieren“, betont der Kanzlerkandidat. Dafür müsste Scholz seinen Marathon jedoch mit einem spektakulären Schlussspurt beenden.