Auf der Straße gegen Rechtsextreme demonstrieren – oder lieber politische Bildung betreiben? Die Jugendinitiative Immerwaslos hat sich für Letzteres entschieden und zwei beeindruckende Vortragsredner eingeladen, die eine höchst aktuelle Botschaft haben.
Deutschlandweit gilt der Mössinger Generalstreik als der einzige Versuch, die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am ersten Tag nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler zu vereiteln. Warum es 50 Jahre gedauert hat, bis er öffentlich wieder wahrgenommen wurde, und weitere 30 Jahre, bis „die Nachfahren der Streikenden aufrecht durchs Dorf gehen“ konnten, das wissen Irene Scherer, Vorsitzende des Löwenstein-Forschungsvereins, und Welf Schröter, mit dem sie den Talheimer Verlag betreibt.
Im KulTurm haben sie auf Einladung der Jugendinitiative Immerwaslos und ihres Gründers Peter Demmer ebenso verständlich wie beeindruckend davon erzählt. Sie wissen, warum im Handwerkerdorf, dessen Gesellen auf der Walz weit herumkamen und dessen pietistisch geprägte Einwohner selbstbewusst etwas gegen die Armut tun wollten, der Zusammenhalt der jungen Menschen in Vereinen so groß war und warum alle nach dem Ersten Weltkrieg „nie wieder Krieg“ wollten.
Den Hitlerschatten überwinden
Das „Komitee zur Überwindung des Hitlerschattens“ wurde dort gegründet, und in der „kleinen Mössinger Moderne“ sei Kultur aufgeblüht, die Spuren hinterlassen habe, so Scherer und Schröter. „Auch die Frauen wollten turnen – im Hemdchen“, wie die Männer. Mit ihnen seien sie auf motorisierten Zweirädern unterwegs gewesen, „und auch beim Generalstreik waren eine ganze Menge Frauen dabei“.
Dass die Buntweberei Pausa der jüdischen Brüder Artur und Felix Löwenstein als erster der drei großen Betriebe im Ort, vor der Trikotwarenfabrik Merz und der Buntweberei Burkhardt, still stand, führt Irene Scherer auch darauf zurück, dass sie – ungewöhnlich für die damalige Zeit – einen Betriebsrat hatte. Zudem sei sie durch die Kontakte zum innovativen „Bauhaus“ – in Person dreier Frauen, die Schröter vorstellte – sehr fortschrittlich gewesen. „Als die Löwensteins vom Generalstreik hörten, gaben sie den Beschäftigten frei, um sie zu schützen“, so Scherer. Dem Unternehmer Merz hätten sie empfohlen, „spazieren zu gehen“.
Zwar sei der Generalstreik niedergeschlagen worden und das Denunziantentum habe um sich gegriffen, doch der reichsweite Generalstreik gegen den Kapp-Putsch 1920, der das Ende der Weimarer Republik zum Ziel hatte, habe die Wirksamkeit von Generalstreiks gezeigt, betonten die Referenten, die in ihrem Kleinstverlag seit 36 Jahren gesellschaftspolitische Sachbücher publizieren, Erinnerungskultur pflegen, aufklären, ermutigen und zeigen, „welchen Einfluss und welche Macht das Wort haben kann“ – als konstruktiver Bestandteil einer demokratischen Gegenwart und Zukunft, wie es auf ihrer Internetseite heißt.
„Staatlich organisierter Raub“
Den Druck der Nazis 1936 auf die Brüder Löwenstein, ihre renommierte Firma deutlich unter Wert zu verkaufen, nennen sie einen „staatlich organisierten Raub“, die Zwangsenteignung ein „antisemitisches Verbrechen“. In Anbetracht der Tatsache dass zwei der Haupttäter von damals heute noch Ehrenbürger von Mössingen seien, freut es sie um so mehr, dass Tübinger Wissenschaftler durch die Befragung noch lebender Zeitzeugen die Erinnerung an den Generalstreik wieder geweckt hätten: „Zum 50. Jahrestag 1983 waren 10 000 Menschen da.“ Und doch habe es noch 20 Jahre gedauert, bis mit einer Plakette an der Langgass-Turnhalle, Ausgangspunkt des Streiks, an diesen erinnert wurde.
„Das KPD-Flugblatt war nur ein Faktor“
2013 habe der Auftritt von fünf Bloggern, die den Generalstreik zum Versuch erklärt hätten, ein stalinistisches System zu etablieren, einen Aufschrei hervorgerufen: „Ein Flugblatt der Kommunistischen Partei Deutschlands war ein Faktor beim Generalstreik – aber nicht der einzige“, so Scherer und Schröter. „Wir glauben, dass es notwendig ist, die jüdischen Strukturen des Streiks zu betonen und daran zu erinnern.“ Deshalb haben sie das Buch von Bernd Jürgen Warneken und Hermann Berner „Da ist nirgends nichts gewesen außer hier. Das ‚rote Mössingen‘ im Generalstreik gegen Hitler. Geschichte eines schwäbischen Arbeiterdorfes“ neu verlegt.
Irene Scherer und Welf Schröter wollen zeigen, was Schröter nach dem eindrucksvollen Abend deutlich machte: „Mit vielen zusammen arbeiten – da muss man nicht immer einer Meinung sein. Dann kann man etwas stemmen.“