Das öffentliche Bild von Sophie Scholl, dem Gesicht des studentischen Widerstands gegen Hitler, hat sich Carina Rosenlehner mal genauer angeschaut. Foto: Karina Eyrich

So muss Geschichtsunterricht sein: Im Stauffenberg-Schloss sind Carina Rosenlehner und Tim Delle einer brisanten Frage nachgegangen: Wie stehen Claus von Stauffenberg und Sophie Scholl als Gesichter des Widerstands gegen Hitler im Vergleich da?

„Wie erfolgversprechend waren solche Widerstandsversuche?“ Das wollten Carina Rosenlehner und Tim Delle von den Museen Albstadt an den Beispielen Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Gesicht des militärischen, und Sophie Scholl, Gesicht des zivilen Widerstands gegen das Nazi-Regime, eruieren – und stellten beide ausführlich vor.

 

Was wohl manche Zuhörer im Stauffenbergschloss überraschte: Sophie Scholl war Mitglied im „Bund Deutscher Mädel“ gewesen, obwohl ihr Vater und ihre Mutter, eine Diakonisse, Gegner der Nationalsozialisten waren – aber so liberal, dass ihre fünf Kinder selbst herausfinden sollten, dass die Nazi-Jugendorganisationen einengten und das Ziel hatten, „eine monolithische Jugend herzustellen“, wie Scholl es empfunden habe.

Unglücklich in Krauchenwies

Die „unglücklichste Zeit ihres Lebens“ habe sie in Krauchenwies verbracht, beim Reichsarbeitsdienst, so Rosenlehner, habe dort aber den Kirchenvater Augustinus gelesen, der Eigenverantwortung im Denken und Handeln fordere.

Warum gerade Sophie, die keines der Flugblätter der Weißen Rose verfasst, erst ab dem fünften welche verteilt habe und nicht zu den Gründern der studentischen Widerstandsgruppe in München gehörte, deren Aushängeschild sei – darüber entstand eine muntere Diskussion. Vielleicht weil sie nach ihrer Verhaftung, wie ihr Bruder Hans, Verantwortung übernommen und nicht die Möglichkeit genutzt habe, sich dem Todesurteil zu entziehen, indem sie Schuld auf andere geschoben hätte – im Gegenteil. „Der Scharfrichter sagte, er habe noch nie eine Gefangene mit so viel Ruhe und Würde sterben sehen“, berichtete die Museumspädagogin. Deren Schwester Inge habe Sophie und Hans Scholl später sehr in den Mittelpunkt gerückt – auch das könne ein Grund sein.

Tim Delle hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg unter die Lupe genommen, der wie kein anderer für den militärischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten steht. Foto: Eyrich

Den ambivalenten Lebensweg Claus Schenk Grafs von Stauffenberg zeichnete Tim Delle nach, hob dessen kulturelle und humanistische Bildung, das adelige Selbstbewusstsein der Familie und sein Motiv, in die Reichswehr einzutreten, hervor: „Er sah in Hitler eine Führungsfigur, die das Reich wieder aufrichten kann“, nach der schmachvollen Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg.

Warum dann die Wandlung vom Saulus zum Paulus? Das „militärische, strategische und organisatorische Talent“ habe nach seiner Verwundung im Afrikafeldzug gesagt: „Jetzt ist es Zeit, dass ich Deutschland rette“, so Delle – und als Planungschef des Ersatzheeres, das nach dem Hitler-Attentat die Macht übernehmen sollte, habe er auch die Möglichkeit zum Handeln gehabt. „Aber alles ging schief, was schief gehen kann.“

Weder Lichtgestalt noch Verräter

Sein Umsturzversuch sei der erfolgreichste gewesen, betonte Rosenlehner, und dennoch werde Stauffenberg heute ambivalent gesehen, sei „weder Lichtgestalt noch Verräter“, so Delle.

Während die Weiße Rose nie darauf eingegangen sei, wie es nach einem Umsturz weitergehen soll, habe sie die Judenvernichtung thematisiert – die militärischen Widerständler nicht. Sophie Scholls Büste stehe – anders als die ihrer Mitstreiter – in der bayerischen Ruhmeshalle Walhalla, sie gelte als Märtyrerin, als „Deutschlands Johanna von Orleans“ – und Alexander Schmorell, Mitbegründer der Weißen Rose mit russischen Wurzeln, in der russisch-orthodoxen Kirche als „Heiliger Alexander von München“.

Klein und gleichwohl höchst interessiert und engagiert in der Diskussion war die Gruppe der Besucherinnen der spannenden Geschichtsstunde. Foto: Eyrich

Die Zuhörer, die nach den Referaten engagiert mitdiskutierten, bewerteten Stauffenberg als „mutig“, „verschwörerisch“, „verantwortungsvoll“, „ehrenhaft“ und „heldenhaft“, Scholl als couragiert, „engagiert“, „sympathisch“, „bewundernswert“ und „außergewöhnlich“.

Wirklich vergleichbar seien beide letztlich nicht, fasste eine Zuhörerin die kontroverse Diskussion zusammen. „Er war in einer ganz anderen Position als sie.“ War Stauffenberg mutig, obwohl er nicht mit seiner Bombe bei Hitler geblieben war, um sicherzustellen, dass diese den Diktator tatsächlich tötet?

„Er wusste, dass es ihn das Leben kosten kann“

Die große Mehrheit der Zuhörer bescheinigte ihm das: Er habe gewusst, dass es ihn das Leben kosten könne, und habe gehandelt, obwohl US-Präsident Roosevelt nicht dafür zu gewinnen war, den militärischen Widerstand zu unterstützen.

Eine Wanderausstellung zum Gedenktag „80 Jahre 20. Juli 1944“ wird ab 18. Juni im Rathaus und der Stadtbücherei gezeigt, am 13. Juli ab 19 Uhr liest Autor Tim Pröse ab 19 Uhr im Stauffenbergschloss aus seinem Buch „Wir Kinder des 20. Juli. Die Töchter und Söhne des Widerstands gegen Hitler erzählen ihre Geschichte.“