Frauenrechtlerin bei einer Demonstration in Madrid: Die Rechte sieht im Feminismus eine Bedrohung. Foto: imago//Nacho Boullosa

Spanien wird bei den Wahlen wahrscheinlich nach rechts rücken. Das liegt diesmal nicht an der Wirtschaft. Es geht um wie Feminismus und den Umgang mit nicht binären Menschen. Manche nennen es Kulturkampf.

Der Moderator schaut seinen Gast mit herausforderndem Lächeln an. „Wo wir über Garderobe sprechen“, sagt er. „Wenn du schläfst“, und er hebt sein Kinn, und seine Stimme wird eine Spur lustvoller, „trägst du sexy Wäsche oder bequeme?“ Die so befragte Frau dreht sich zur Kamera und sagt: „Wenn ich ein Kerl wäre, hätte er mir diese Frage nicht gestellt.“

 

Das ist so nie passiert. Die Szene ist Teil einer Videokampagne des spanischen Gleichheitsministerium vom vergangenen Herbst, mit der Spaniens Männer zu größerer Sensibilität gegenüber Frauen aufgefordert werden. Das Ministerium drückt es anders aus. „Eine von zwei Frauen hat im Laufe ihres Lebens machistische Gewalt erlebt“, schreibt es im Begleittext. „Wenn du nichts tust, wer dann?“

Die Frage des Moderators, das impliziert die Kampagne, ist machistische Gewalt. Obwohl die Szene in dem Spot gestellt ist, ist die Frage echt. Formuliert hat sie Pablo Motos, ein sehr erfolgreicher spanischer Fernsehmann, und sein Gast war der Filmstar Elsa Pataky. Die hat sich allerdings nicht zur Kamera umgedreht.

Verzweifelte Suche nach Fehltritten

Pablo Motos war über die Regierungskampagne nicht erfreut. In einer seiner Sendungen erklärte er die Gründe. Als er Elsa Pataky im November 2016 in seine Unterhaltungsshow „El Hormiguero“ (der Ameisenhaufen) eingeladen hatte, machte die Schauspielerin gerade Unterwäschewerbung. Deshalb die Frage. Deren Ton war nicht anzüglich, und die Angesprochene fühlte sich auch nicht belästigt. Als das geklärt war, zeigte Motos noch ein paar Videos aus früheren Sendungen, in denen er Männer nach ihren Unterwäschegewohnheiten befragt hatte und auch, ob sie ihr „Paket“ (jenes, das jeder Mann zwischen seinen Beinen hat) links oder rechts tragen. Das ist manchmal der Ton des Programms.

Damit hätte alles gut sein können. Es war aber noch nicht alles gut. „El País“ und „La Vanguardia“, einstige Flaggschiffe des liberalen Journalismus aus Madrid und aus Barcelona, fanden, dass sie ihrem Kollegen Motos auf die Finger klopfen müssten, nicht der Regierung. „El Hormiguero“ läuft seit 2006, anfangs einmal, sehr bald viermal wöchentlich. Gut 2500 Sendungen standen zur Verfügung, um Verfehlungen des Moderators zu finden. „El País“ fand, meist sehr bemühte, zehn. Eine Bemerkung über den raffinierten Ausschnitt einer Schlagersängerin in einer Sendung von 2009 („Ich kann dir gar nicht in die Augen schauen“) ärgerte die Betroffene noch 13 Jahre später. Das war die Ausbeute.

Acht weitere Monate sind seit dieser kleinen TV-Affäre vergangen, und jetzt wird gewählt, weswegen sich Pedro Sánchez, der Regierungschef, in den letzten Wochen von vielen Journalisten interviewen ließ, was er sonst nicht tut. In einem dieser Gespräche ging es um die Gleichheitsministerin Irene Montero, jene Ministerin von der Linksaußenpartei Podemos, in deren Zuständigkeit die damalige Kampagne fiel. Montero hat der rechten Opposition einmal unterstellt, die „Kultur der Vergewaltigung“ zu befördern, und einen unbescholtenen Mann öffentlich einen „Misshandler“ genannt, wofür sie vom Obersten Gerichtshof gemaßregelt wurde. Auf den Politikerbeliebtheitslisten steht sie ganz unten. „Ich habe Freunde, die sich bei einigen der Diskurse, die eher konfrontativ als integrativ sind, unwohl gefühlt haben“, sagte Sánchez. Zu den Aufgaben des „progressiven Spanien“ gehöre in den kommenden Jahren der „Aufruf zum integrierenden Feminismus“.

Wahrscheinlich wird diese Aufgabe vorerst unerledigt bleiben. Alle seriösen Umfragen sehen an diesem Sonntag in Spanien einen Sieg der Rechten voraus, und es ist gut möglich, dass die konservative Volkspartei (PP) nach der Wahl eine Koalitionsregierung mit Vox, einer dezidiert antifeministischen Rechtsaußenpartei, auf die Beine stellt. Das bedeutet Konfrontation. In Madrids Schwulenviertel Chueca hängt seit ein paar Tagen ein überdimensionales Plakat, das vor den „Hass-Pakten“ zwischen PP und Vox warnt. Der „integrierende Feminismus“ kommt an seine Grenzen, wenn er Gegnern des Feminismus begegnet.

Die Spanier fühlen sich Genderdebatten überfordert

Warum der erwartbare Rechtsruck? 1996 war es die Korruption im Schoß der González-Regierung, 2004 die Irreführung der Aznar-Regierung über die Hintergründe des schlimmsten Terrorattentats auf europäischem Boden, 2011 die Hilflosigkeit der Zapatero-Regierung angesichts der Wirtschaftskrise und 2018 wieder die Korruption, diesmal unter der Ägide der Rajoy-Regierung, die den Schwenk von links nach rechts oder von rechts nach links erklären konnten. Man möchte sagen: Die Spanier haben über die Jahrzehnte zur rechten Zeit das Rechte getan. Aber was ist diesmal in sie gefahren?

Viele wollen vor allem Sánchez loswerden. Sie finden ihn eitel, unberechenbar und wortbrüchig: Dass er den führenden Köpfen der katalanischen Separatisten Amnestie gewährte, obwohl er das Gegenteil versprochen hatte, verzeihen sie ihm nicht. Es gibt in Teilen der Gesellschaft aber noch ein allgemeineres, diffuses Unbehagen. Wer Sánchez wohlgesinnt, aber nicht blind ist für diesen Unmut, erklärt ihn mit Überforderung. Demnach hätte die linke Koalitionsregierung weitgehend das Richtige getan, sich aber schlecht erklärt. Etwas unbekümmerter drückte sich die Podemos-Staatssekretärin im Gleichheitsministerium, Ángela Rodríguez – bekannt unter ihrem Spitznamen „Pam“ – aus: „Teil der Regierung zu sein ist eine Anomalie, eine Ausnahme. Leute wie ich sind nicht an der Regierung.“ So erkläre sich auch unsere „gesetzgeberische Diarrhö: Wir versuchen die ganze Zeit, viel zu machen, weil es vielleicht morgen vorbei ist.“

In der pressierenden Eile sind der Regierung Fehler unterlaufen, der gröbste bei der Reform des Sexualstrafrechts, die Hunderten Delinquenten Straferleichterungen brachte, was so nicht vorgesehen war. Der Unmut speist sich aber auch aus den geglückten Reformen, deren Sinn sich nicht allen erschließt. Das neue Transgesetz, das einen voraussetzungslosen Wechsel des administrativen Geschlechts erlaubt, lässt etliche Spanier, vor allem die Älteren, ratlos zurück. Als die linke Zapatero-Regierung 2005 in Spanien – als einem der ersten Länder der Welt – das Eherecht auf Homosexuelle ausweitete, protestierten einige, aber die meisten feierten. Es war leicht zu verstehen, dass Homosexuelle genauso lieben wie Heteros. Dass allerdings ein Mann äußerlich ein Mann bleiben, seinen Namen behalten und trotzdem vor den Behörden als Frau gelten kann, wenn er oder sie es will, bleibt vielen rätselhaft. Wer es aber versteht, versteht nicht, wie man es nicht verstehen kann. Und umgekehrt. Ein Minenfeld.

Auch die Linke ahnt, dass ein Teil ihrer Wählerschaft nicht mehr mitkommt. Einer ihrer bekanntesten Denker, der Politologe Ignacio Sánchez-Cuenca, beschrieb das Unbehagen so: Die Linke müsse, fänden die Kritiker, „die ideologischen und identitären Auseinandersetzungen, die fast schon theologisch geworden sind, vergessen und über Löhne, Ausbeutung und die Verteilung des Reichtums sprechen“. Der Vorwurf ist insofern ungerecht, als die Regierung die Sozialpolitik nicht vergessen hat. Mehr Lärm haben aber die Reformen aus dem Haus des Gleichheitsministeriums gemacht, was auch an der Ministerin liegt. Irene Montero, die Ministerin, wird an diesem Sonntag auf keiner Wahlliste mehr stehen. Ihre einstigen Weggenossen wollten sie nicht mehr. Wer den freundlichen Pablo Motos zum machistischen Gewalttäter erklärt, wäre im Wahlkampf eher Last als Gewinn.

Die jungen Männer wählen Rechts

Der Kulturkampf, der Kampf um die korrekte Interpretation der gesellschaftlichen Wirklichkeit, wird auch ohne sie weitergehen. Zunächst auf symbolischem Terrain. Ein paar rechte Rathäuser waren in den vergangenen Wochen dumm genug, den Pixar-Kinofilm „Lightyear“, Virginia Woolfs „Orlando“ oder ein Theaterstück über ein Franco-Mordopfer abzusetzen. Linke Vorbilder hatten sich in der Vergangenheit an „Rotkäppchen“, einem Film über Gewalt gegen Männer gerieben. Nicht die Rückkehr der Zensur steht an, wie manche befürchten, sondern die Ausweitung der Kampfzone.

Gelegentlich bringt dieser Kampf auch Erhellendes hervor. Ein junger Datenanalyst, der für die Vox-Denkfabrik Disenso („Dissens“) arbeitet, hat die Onlinearchive von 124 Tageszeitungen und anderen Medien aus 36 Ländern nach den Begriffen Sexismus, Machismus und Frauenfeindlichkeit durchsucht und fand heraus, dass diese Begriffe im Zeitraum 2015 bis 2021 in spanischen Medien – linken wie rechten – etwa dreimal so häufig auftauchten wie im Rest der Welt. Wahrscheinlich stimmen die Daten. Dass sie in der Öffentlichkeit und in der Schule als Mikro- oder Makromachisten am Pranger stehen (oder es so empfinden), macht manche junge Männer sauer. Das wäre eine Erklärung für eine bemerkenswerte Disparität: Vox ist – nach Umfragen für „El País“ – bei Männern deutlich beliebter als bei Frauen, aber in keiner Altersgruppe ist die Spanne so groß wie bei den Jungwählern zwischen 18 und 29 Jahren. 11 Prozent der jungen Frauen wollen Vox wählen, bei den jungen Männern sind es 25 Prozent, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Der Kulturkampf ist auch ein Krieg der Geschlechter.

Manche beginnen, wie Pedro Sánchez, imaginäre Dämme zu bauen gegen die „reaktionäre Strömung“ in Europa, die er in Spanien stoppen wolle. Neulich ließ er sich in die abendliche Show von Pablo Motos einladen. Motos, der Entertainer, war dem Ministerpräsidenten nicht gewachsen. Aber einmal fragte er doch nach: als Sánchez berichtete, dass in seiner Regierungszeit das jährliche Budget gegen die Gendergewalt (wie in Spanien die Gewalt von Männern gegen ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen genannt wird) von 80 Millionen auf 320 Millionen Euro gestiegen sei. „Gibt es Ergebnisse? Gibt es weniger Morde?“, fragte Motos. Wenn Sánchez ehrlich gewesen wäre, hätte er sagen müssen: leider nein. So wie die jährliche Gesamtzahl aller Mordopfer in Spanien in dieser Zeit um die 300 pendelte, so pendelte die Zahl der getöteten Partnerinnen um die 50. Sánchez sprach stattdessen von der gewachsenen Sensibilisierung und dem Wissen der Frauen, dass ihnen geholfen werden könne. Die meisten Spanier überzeugt das. Die anderen wählen Vox. Einen Dialog gibt es nicht. Nur Kampf und Wut und Schrecken.