Soziologin gibt Tipps Nein sagen im Job – wie das gelingt

Lea Krug
Manuela Rukavina berät als systemischer Coach in Karrierefragen. Foto: Duncan Smith

Zusätzliche Aufgaben übernehmen und noch mehr Stress? Wie man im Job lernt Nein zu sagen, erklärt die Soziologin Manuela Rukavina. Ein Karrierekiller muss das nicht sein.

 Überstunden, zusätzliche Aufgaben, spontane Vertretungen – im Berufsalltag fällt es vielen schwer, Nein zu sagen. Stattdessen nicken viele, obwohl innerlich längst Widerstand aufkommt. Dabei ist Abgrenzung keine Schwäche, sondern eine wichtige berufliche Kompetenz, wie die Soziologin Manuela Rukavina erklärt. Sie begleitet als systemischer Coach Menschen dabei, ihre Rolle im Job bewusster zu gestalten. „Die meisten von uns wollen anderen nicht auf die Füße treten, denn das kann anstrengend sein“, sagt die 46-Jährige aus Stuttgart.

 

Besonders heikel sei das Neinsagen für Berufseinsteigerinnen und -einsteiger. „Wer neu im Job ist, möchte gefallen, dazugehören und sich einen Platz im Team sichern“, erklärt Rukavina. Genau dann aber sei es wichtig, „Kante zu zeigen“. Denn was oft harmlos beginnt, kann schnell zur Gewohnheit werden. Wer immer wieder aus Höflichkeit Ja sagt, rutscht leicht in eine Rolle, aus der er oder sie nur schwer wieder herausfindet. Ein weitverbreiteter Irrtum im Berufsleben: Wer besonders engagiert ist, wird automatisch gesehen und wertgeschätzt. „Viele denken, dass Fleiß wahrgenommen und honoriert wird – aber das ist nicht zwangsläufig so“, sagt die Coachin. Statt Anerkennung ernten manche vor allem noch mehr Arbeit. Ohne klare Grenzen verschwimmen Zuständigkeiten, und das eigene Engagement wird schnell als selbstverständlich angesehen.

Nicht schroff oder unkollegial

Aber wie den richtigen Weg finden? „Es geht um Balance“, betont Rukavina. Ein Nein müsse nicht schroff oder unkollegial sein – aber es sollte ehrlich sein. Besonders problematisch werde es, wenn äußeres Verhalten und innere Haltung dauerhaft auseinanderklaffen. „Wenn ich Ja sage, während in mir alles Nein schreit, dann schadet das – vor allem auf Dauer“, warnt Rukavina.

Mit einer einzelnen Branche habe es im Zweifel ebenfalls nichts zu tun. Rukavina arbeitet mit ganz unterschiedlichen Organisationen: „Ich berate Mittelständler, Krankenkassen, die Polizei und auch Verwaltungen. Das Spannende ist: Die Probleme sind überall die gleichen.“ Unterschiede beim Neinsagen sieht die Soziologin vor allem zwischen den Geschlechtern. „Frauen tun sich schwerer damit als Männer“, sagt sie. Sie seien oft stärker beziehungsorientiert, und weil ein Nein auch konfrontativ sein kann, falle es ihnen daher schwerer, es auszusprechen.

Ein weiteres Hindernis ist Erschöpfung: Wer müde und ausgelaugt ist, tut sich besonders schwer, Nein zu sagen. „Das hat mit dem Dopamin im Körper zu tun“, erklärt Rukavina. Fehlt es an Energie, greifen Menschen häufiger zu kurzfristigen Lösungen – etwa einem schnellen Ja, um Konflikte zu vermeiden, erklärt die Soziologin. Auch wenn dieser Zusammenhang nicht immer sofort sichtbar ist, spielen ausreichender Schlaf und gute Selbstfürsorge eine zentrale Rolle beim Neinsagen.

Perspektivewechsel kann helfen

Wer unsicher ist, ob er zu einer zusätzlichen Aufgabe Ja oder Nein sagen soll, dem empfiehlt Rukavina einen Perspektivwechsel. Hilfreich sei die Frage, wie es einem ganz realistisch in der Zukunft mit dieser Aufgabe gehen wird – etwa in einer Woche oder in einem Monat. Fühlt sich der Gedanke daran schon jetzt belastend oder schwer an, sei das ein deutliches Signal: Dann solle man auch Nein sagen. Entscheidungen gegen das eigene Gefühl führten selten zu guten Ergebnissen – weder für sich selbst noch für die Qualität der Arbeit.

Aber warum fällt es vielen Menschen überhaupt so schwer, Nein zu sagen? „Das hat auch mit Erwartungshaltungen zu tun, und die sind oftmals nicht klar definiert“, erklärt Rukavina. Häufig sei unklar, was von einem erwartet wird – und ob es überhaupt legitim ist, eine Aufgabe abzulehnen. Diese Unsicherheit führe dazu, dass viele automatisch Ja sagen, um keinen Konflikt zu riskieren oder um nicht negativ aufzufallen.

Das Neinsagen müsse außerdem nicht immer ausführlich begründet werden. Auch ein schlichtes „Nein“ dürfe geübt werden, betont Rukavina. „Seien Sie ruhig direkt und schwächen Sie Ihre Aussage nicht im nächsten Atemzug wieder ab“, rät die Soziologin. Wer nach einem Nein sofort Rechtfertigungen oder Entschuldigungen nachschiebt, sende unbewusst das Signal, doch noch verhandelbar zu sein. „Probieren Sie es auch im Alltag aus und beobachten Sie, was ein einfaches Nein bewirkt“, ergänzt sie. Oft sei die Sorge größer als die tatsächliche Reaktion des Gegenübers.