Drogen wie Alkohol, Zigaretten und Cannabis schütten Glücksgefühle aus und wirken entspannend - wie eine Flucht aus dem negativen Corona-Alltag. (Symbolfoto) Foto: Voyagerix – stock.adobe.com

Verlangen wird verstärkt. Was Experten in Donaueschingen dazu sagen und wozu sie raten.

Die Nachrichten in Zeitung und Fernsehen sind wegen Corona voller negativer Meldungen: Infektionszahlen steigen an, Unternehmen bauen Arbeitsplätze ab und auch das Feiern ist in diesen Zeiten unmöglich - um die Gesellschaft vor dem Virus zu schützen.

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Donaueschingen - Drogen wie Alkohol, Zigaretten und Cannabis schütten Glücksgefühle aus und wirken entspannend - wie eine Flucht aus dem negativen Corona-Alltag.

Der Grad zur Abhängigkeit kann sehr schmal sein. Was machen die Corona-Pandemie und sämtliche Maßnahmen, welche sie eindämmen sollen, mit der Neigung zur Sucht?

Inge Häßler, die sich als Sozialpädagogin der Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen mit Niederlassung in Donaueschingen auch um entsprechende Fälle auf der Baar kümmert, sagt, dass sich der Stress und der Druck verbunden mit dem Coronavirus fördernd auf den Drogenkonsum auswirken. Dies sei in vielen Bevölkerungsschichten der Fall. "Niemand sieht es, wenn ein Mensch Tendenzen zur Sucht entwickelt. Denn durch den Lockdown fehlt die soziale Kontrolle." Zudem verstärke eine fehlende Absicherung, wie etwa durch Kurzarbeit, die Gefahr, in eine Abhängigkeit abzurutschen.

Wie erkennt man eine gefährliche Entwicklung? "Warnsignale sind", wenn die Gedanken nur noch um die Droge schweifen, "die Menge ansteigt, wenn man selbst gesetzte Grenzen überschreitet und man es nicht schafft, einige Tage auf die Droge zu verzichten", erklärt sie. Die Sucht sei häufig eine Kompensation, wenn die Probleme zu erdrückend werden, erklärt die Sozialpädagogin. Um die Funktion der Droge zu erkennen, müsse man sich auch die Frage stellen: "Warum nutze ich die Droge überhaupt?"

Das Leiden kann sich in Zeiten der sozialen Isolation verschärfen

Oftmals leiden Süchtige auch körperlich und psychisch. Das kann sich in Zeiten der sozialen Isolation verschärfen, sagt Häßler. Somit fallen die Betroffenen in die Risikogruppe. "Opiate wie Heroin wirken dämpfend und verlangsamen die Atmung. Auch Tabak verursacht Lungenerkrankungen", erklärt die Sucht-Expertin.

Für Kinder und Jugendliche seien die Schule von zuhause aus und die soziale Isolation besonders schwierig, sagt Häßler. Die Nutzung von Computerspielen und sozialen Medien sei im Vergleich zum Vorjahr um 75 und 66 Prozent gestiegen. "Eltern müssen zeitliche Reglungen einführen, damit das Verhalten nicht krankhaft wird", rät Häßler. Sucht isoliere die Menschen, es sei wichtig, sich Hilfe zu suchen. Doch erkenne man in Donaueschingen keine signifikante Zunahme an Suchterkrankten. "Das wird sich zeitverzögert zeigen", sagt Häßler.

Anstieg von Alkoholkonsum bemerkt

Michael Stöffelmaier, Vorstand des Caritasverbands Schwarzwald-Baar, erkennt allerdings einen Anstieg von Alkoholkonsum, bei Eltern wie bei Jugendlichen. Das vermerke die Beratungsstelle in Donaueschingen. Dies habe sich auch in Polizeieinsätzen im Bereich Gewalt und Beschimpfungen gezeigt. "Einen wirklich rasanten Anstieg haben wir bei der Spielsucht feststellen können, hiervon sind fast alle Altersklassen betroffen", erklärt Stöffelmaier.

Der Arbeits- und der Freizeitbereich vermischen sich

Die Schüler arbeiteten im Heimunterricht mit elektronischen Geräten, da vermische sich öfter der Arbeits- mit dem Freizeitbereich.

Dies ist laut der Donaueschinger Schulsozialarbeit auch an Schulen in der Stadt der Fall. "Die Sucht bietet eine vermeintlich einfache Lösung, welche aber nicht tragbar ist", sagt Daniel Mielenz. Eine Sucht sei eine Flucht aus der Realität und bekämpfe augenscheinlich innere Bilder, erklärt der Amtsleiter der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ). Für Menschen, die Tendenzen zu einer Sucht haben, verschlimmere sich die Situation.

Man sei auch in der Coronazeit nicht alleingelassen. "Es ist wichtig, dass man sich Unterstützung holt, es gibt Profis, die einem bei dem Problem helfen können", so Mielenz. Man könne sich auch per Telefon beraten lassen, durch die Distanz sei das Schamgefühl niedriger. So trauen Menschen sich mehr Kontakt mit der BEKJ in Donaueschingen aufzunehmen, sagt er.

"Oft bemerkt man die Sucht selbst zu spät", es sei wichtig, auf das Umfeld zu achten und die Bedenken ernst zu nehmen. "Man muss raus aus der Vereinzelung und sich real oder virtuell verbinden", sagt Daniel Mielenz. Das sei eine Präventionsmaßnahme, "im Augenblick muss man Beschäftigungen nachgehen, die Leib und Seele gut tun, auch wenn es kreative Lösungen braucht."

Laut Drogen- und Suchtbericht 2019 der Bundesregierung ist Cannabis die am häufigsten konsumierte illegale Droge. Der Konsum steige seit 2011 wieder an, bei Jugendlichen wie auch bei Erwachsenen. 270 000 Jugendliche seien von "internetbezogenen Störungen" betroffen – dazu zählt suchtartiges Nutzen von Online-Computerspielen und sozialen Medien. Wer Hilfe sucht: Die Fachstelle Sucht Villingen-Schwenningen ist unter 07721/8 78 64 60 zu erreichen.

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