Immer mehr Jugendliche mit psychischen Auffälligkeiten: Angststörungen und aggressives Verhalten nehmen weiter zu, warnt Schulsozialarbeiterin Claudia Winterholer aus Balingen.
Als Schulsozialarbeiterin Claudia Winterholer von ihrer Arbeit erzählt, horchen die Mitglieder des Verwaltungsausschusses auf. Es wird still im Saal. Suizidales Verhalten, Selbstverletzungen, Angst- und Essstörungen: Immer mehr Jugendliche in Balingen seien betroffen. Ein höherer Medienkonsum, mehr Vandalismus, mehr Fälle von Gewalt, zählt sie weiter auf. „Und auch die Zunahme von Suchtmittelkonsum stellen wir fest. Zum Beispiel Vapes, aber auch pornografisches Material im Grundschulalter.“
Ruhig und gefasst spricht sie über eine besorgniserregende Entwicklung. Lange schon hat sie sich abgezeichnet. „Insgesamt wird der Mangel an psychischer Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen immer größer.“ Es ist ein Satz, der nachhallt. „Wir sind da keine negative Ausnahme in Balingen, sondern das ist ein gesamtgesellschaftlicher Trend“, konstatiert der Leiter des Balinger Kinder- und Jugendbüros, Jochen Brendle.
Anstieg bei Fehlzeiten
Der Anstieg psychischer Auffälligkeiten stellt das Team vor Herausforderungen. Die Nachfrage nach der Kurzzeitberatung ist im vergangenen Jahr um 31,3 Prozent gestiegen. Gemeint sind Jugendliche, die sich für maximal drei Termine mit einer Schulsozialarbeiterin treffen. Aber auch der Bedarf nach langfristiger Beratung steige stetig.
Gemeinsam mit ihrem Team unterstützt Winterholer an Balinger Schulen zahlreiche Kinder und Jugendliche bei persönlichen, familiären oder schulischen Problemen. Schwerpunkte sind die Beratungen für Schüler, Eltern und Lehrkräfte sowie Präventionsangebote etwa gegen Mobbing, Sucht oder psychische Belastungen. Auch der Klassenrat spielte eine Rolle, um das Miteinander in den Klassen zu stärken und Konflikte zu lösen. Immer häufiger haben Winterholer und ihre Kolleginnen es auch mit Jugendlichen zu tun, die über längere Zeit nicht mehr zur Schule kommen. Fachleute sprechen dann von Schulabsentismus.
Therapeutische Unterstützung ist für viele Familien nur schwer zeitnah erreichbar, sodass die Schulsozialarbeit diese Lücke nur begrenzt ausgleichen kann. Gleichzeitig steige die Zahl der Kinder mit ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen, deren Eltern und Lehrkräfte sich an die Schulsozialarbeiterinnen wenden. Die Einzelfallhilfe nimmt einen immer größeren Teil der Arbeit ein.
Das sagt der Ausschuss
Der Beratungsbedarf bei Lehrkräften steigt und die Schulsozialarbeit war 2025 stark von komplexen Einzelfällen und steigenden psychosozialen Belastungen geprägt, bemerkt Brendle abschließend.
Es sei eine wertvolle und wichtige Arbeit, die das Kinder- und Jugendbüro täglich leiste, sagt Landtagsabgeordneter Hans-Peter Hörner (AfD). Ob der Stellenschlüssel bei diesem Pensum ausreicht? Im Kinder- und Jugendbüro verteilt sich die Arbeit derzeit auf 17 Stellen, vorwiegend in Teilzeit – das entspricht 7,15 Vollzeitstellen. Dabei liegt das Minimum der Beschäftigungsquote bei 25 Prozent. Jochen Brendle: „Wenn mehr Ressourcen da wären, könnten wir noch mehr tun. Derzeit kommen wir aber zurecht.“
Klares Warnzeichen
Frommerns Ortsvorsteher Stephan Reuß warnt: „Es ist eine Illusion, zu glauben, dass die Schulsozialarbeit alle Probleme der Gesellschaft kitten könnte.“ Das Bewusstsein dafür, wie eine Gesellschaft funktioniert, gehe zunehmend verloren. Das Vertrauen der jungen Generation in die Politik befände sich im Sinkflug. Es brauche in Balingen nicht nur während der Wahlen, sondern auch dazwischen Angebote und Veranstaltungen, die Demokratie fördern.
Angela Godawa, SPD-Fraktionsvorsitzende, spricht von einem klaren Warnzeichen. Was das Kinder- und Jugendbüro in der Eyachstadt leiste, sei enorm. Es sei „klar wie Kloßbrühe“, dass die steigenden Anforderungen auf Dauer nicht mit demselben Personalschlüssel zu bewältigen sind. Sorge bereiten ihr auch die langen Wartezeiten auf einen Therapieplatz – „das kann tödlich sein.“ Das Personal weiter aufzustocken, sei bei der derzeitigen Finanzlage keine Option, bedauert OB Abel.
Eltern tragen Lasten
Partei-Kollegin Nathalie Hahn stellt eine Frage in den Raum: Wie könne es den Kindern und Jugendlichen gut gehen, wenn viele Eltern das Gefühl haben, die Last der Probleme nicht länger schultern zu können? „Stromschulden, die Miete nicht mehr bezahlen können, das kommt immer mehr. Das kann man sich vorstellen, was das mit den Kindern macht.“ Die finanzielle Schieflage der Kommunen zwinge zwar zum Sparkurs, doch man müsse den Hebel an anderen Stellen ansetzen. Im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe zu sparen, sei falsch, betont Hahn.
Die Lebensrealität der Jugendlichen sei heute eine ganz andere als noch vor 20 Jahren, sagt Christof Seisser (Freie Wähler). In die Schulsozialarbeit und damit in die Jugend zu investieren, sei eine Investition in die Zukunft.