Die Gewerkschaft Verdi will den Sozial- und Erziehungsdienst in der Ende Februar beginnenden Tarifrunde deutlich aufwerten. Das könnte konfliktreich werden: Die kommunalen Arbeitgeber dämpfen bereits die Erwartungen.
Stuttgart - Ein Kita-Notfallprogramm fordert die Gewerkschaft Verdi für Baden-Württemberg, um der Omikron-Welle in den nächsten Wochen zu begegnen. Von Ende Februar an wird noch eine tarifpolitische Welle über die Kindertagesstätten hinwegrollen, weil Verdi eine neue Aufwertungskampagne vorbereitet. Damit sollen bundesweit etwa 400 000 Beschäftigte im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst und weitere 1,2 Millionen indirekt betroffene Kräfte nicht nur finanziell, sondern auch bei den Arbeitsbedingungen besser gestellt werden.
„Die gesellschaftliche Anerkennung ist in der Pandemie gewachsen, was sich nicht unbedingt auf die Vergütung niedergeschlagen hat“, sagt Verdi-Vize Christine Behle. Trotz großer Schritte in der Vergangenheit „haben wir noch einen weiten Weg zu gehen – daher ist die Tarifrunde umso wichtiger.“ Man habe den Weg freigemacht, „um die Forderungen, wenn nötig, mit Streiks durchzusetzen“.
Niedrigere Verdienste bei vergleichbarer Ausbildung
Tatsächlich hatte es 2009 und 2015 bereits große Aufwertungsrunden gegeben, die infolge der Ausstände massive Auswirkungen in den Kitas hatten und auch viele Eltern verärgerten. Behle zufolge wurden Erzieherinnen im Jahr 2005 noch mit einem Einstiegsgehalt von 1960 Euro entlohnt – heute sind es 3086 Euro im Monat. Bei Sozialarbeitern stieg das Gehalt in dem Zeitraum von 2140 auf 3400 Euro. Allerdings werde woanders im öffentlichen Dienst bei vergleichbarer Ausbildung noch bis zu 280 Euro mehr verdient. Dies solle ausgeglichen werden.
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Zudem will Verdi auf den Personalmangel in vielen Einrichtungen reagieren und die Arbeitsbedingungen verbessern. In manchen Bereichen betrage die Krankheitsquote um die 30 Prozent. Daraus resultiere eine „Riesenspannbreite von zu leistender Arbeit“, so Behle. „Wir werden nicht so schnell Personal beschaffen können“, sagt sie. „Daher wollen wir eine Kompensation für Zeiten starker Ausfälle schaffen, damit die Beschäftigten an anderer Stelle eine Entlastung haben und den Beruf nicht verlassen oder die Arbeitszeit reduzieren müssen, weil sie dem Druck nicht mehr gewachsen sind.“
Ferner will die Gewerkschaft die Qualität der Arbeit verbessern und strebt dazu „verbindliche Ansprüche auf Weiterbildung“ für bestimmte Tätigkeiten an – dies in der bezahlten Arbeitszeit. Heute würde Fortbildung oft nebenbei geleistet. Dies soll sich ändern.
Arbeitgeber lehnen eine pauschale Aufwertung ab
Die Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) betont die Notwendigkeit guter Arbeitsbedingungen und einer „angemessenen Bezahlung“. Diese Wertschätzung komme in den bestehenden Tarifverträgen „klar zum Ausdruck“, sagte eine VKA-Sprecherin unserer Zeitung. Nach ihrer Darstellung erhalten Erzieherinnen und Erzieher laut dem Tarifvertrag im öffentlichen Dienst (TVÖD) deutlich höhere Gehälter als andere Berufsgruppen des öffentlichen Dienstes mit vergleichbarer Ausbildung. Allein ihr Tabellenentgelt sei seit 2009 um bis zu 61 Prozent gestiegen. Hinzu kämen weitere Zusatzleistungen im kommunalen öffentlichen Dienst, wie die Jahressonderzahlung, das Leistungsentgelt, die betriebliche Altersversorgung oder die Zusatzversorgung im kommunalen öffentlichen Dienst.
„Die Ausbildungsbedingungen stetig verbessert“
Die Attraktivität des wichtigen Berufsfeldes zu erhalten, gelinge nur mit ausreichendem und gut qualifiziertem Personal. Die VKA habe die Ausbildungsbedingungen im Sozial- und Erziehungsdienst stetig verbessert: So erhielten Schülerinnen und Schüler in praxisintegrierten Ausbildungsgängen seit 1. März 2018 ein Ausbildungsentgelt. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, habe die VKA mit den kommunalen Spitzenverbänden und Verdi ein Eckpunktepapier zur Neugestaltung der Erzieherinnen- und Erzieherausbildung verabschiedet. Dies habe auch Niederschlag im Koalitionsvertrag der Ampelregierung gefunden.
„Eine generelle und pauschale Aufwertung des Sozial- und Erziehungsdienstes lehnt die VKA ab“, sagte die Sprecherin. Der Flächentarifvertrag müsse erhalten bleiben, er sichere die Einheitlichkeit der Arbeits- und Entgeltbedingungen. Dementsprechend müsse die VKA auch das Gehaltsgefüge des gesamten kommunalen öffentlichen Dienstes im Blick behalten. „Verbesserungen kann es daher nicht mit der Gießkanne geben, sondern nur dort, wo sie angezeigt sind“, sagte die Sprecherin. Dazu sei man im engen Austausch mit den Mitgliedsverbänden.
Streiktag zum internationalen Frauentag am 8. März möglich
Drei Verhandlungstermine sind bisher verabredet: am 25. Februar, 21./22. März und 16./17. Mai. „Wir werden die Verhandlungen sicherlich durch Aktivitäten begleiten“, sagt Behle. „Das hängt davon ab, wie zugänglich die Arbeitgeber sind.“ Dem Vernehmen nach könnte es bereits zum internationalen Frauentag am 8. März einen Streiktag geben.
Verdi will deutlich machen, dass es sich um ein gemeinschaftliches Problem handelt. Daher will man auch um Unterstützung von Politik, Verbänden und Eltern werben. „Die professionelle Verbindung von Tarifverhandlungen mit breit in die Gesellschaft hineinwirkenden Kampagnen ist aus meiner Sicht ein Teil der Zukunft von Gewerkschaftsarbeit“, sagt der Vorsitzende Frank Werneke. „Das können wir als Verdi.“