Für Werner Wölfle sind geschlossene Betten ärgerlich, aber keine Katastrophe. Foto: Leif Piechowski

Defizit, Personalmangel, abgewiesene Patienten. Das Kinderkrankenhaus Olgahospital sorgt für Negativschlagzeilen. Systembedingt wird sich daran vorerst wenig ändern.

Stuttgart - Defizit, Personalmangel, abgewiesene Patienten. Das Kinderkrankenhaus Olgahospital sorgt für Negativschlagzeilen. Systembedingt wird sich daran vorerst wenig ändern.

 

Herr Wölfle, Sie sind als Bürgermeister für das städtische Klinikum verantwortlich. Macht der Job noch Spaß?
Wie Ministerpräsident Kretschmann immer sagt, er mache das doch nicht aus Spaß, so ist es auch bei mir. Spaß ist das falsche Wort. Ich finde es eine lohnenswerte Aufgabe.

Wohin man auch schaut, im Klinikum gibt es Probleme und Engpässe. Sie wirken fast wie ein getriebener Krisenmanager.
In der Tat gibt es zig Herausforderungen unterschiedlichster Art.

Wo brennt es im Klinikum am heftigsten?
Wenn ich aufs Klinikum schaue, brennt uns da der Kittel wie den anderen auch. Das Grundproblem: Die Einnahmeseite korreliert nicht mit den Ausgaben. Und diejenigen, die darüber entscheiden, blenden das Problem einfach aus.

Nach Berlin zu zeigen bringt das Klinikum nicht aus den Schlagzeilen.
Die Bundesregierung hat jetzt versucht, mit einem Trostpflaster die Proteste zu erledigen. Aber Pflaster reichen nicht.

Ihnen brennt der Kittel schon heftiger als den anderen. Beispiel Olgahospital, Stichwort Personalengpässe. Tut sich da jetzt was?
Ich glaube, teilweise wurden die Probleme in den Medien recht reißerisch dargestellt. Damit rede ich die Probleme gar nicht weg, sie sind aber nicht hausgemacht.

Wenn man sich bei den Mitarbeitern umhört, klingt das aber anders.
Wir werden am 26. Oktober den Neubau einweihen. Das heißt, Stuttgart baut ein großes, städtisches Kinderkrankenhaus neu. Da ist erst mal Freude. Ich weiß aber aus Mitarbeitergesprächen, dass die Herausforderung, den Neubau reibungsfrei in Betrieb zu nehmen, von Sorgen begleitet wird. Da gab und gibt es Verunsicherung.

„Jedes nicht belegbare Bett ist ärgerlich, aber keine Katastrophe“

Das erklärt nicht, dass Stellen nicht besetzt sind, dass Stationen und Intensivbetten geschlossen waren.
Diese Fakten stimmen. Stellen sind trotz intensivster Anstrengungen offen. Jedes nicht belegbare Bett ist ärgerlich, aber keine Katastrophe.

Eltern von kranken Kindern, die wegen geschlossener Betten abgewiesen werden, sehen das anders.
Moment, die Kinder werden nicht abgewiesen, sondern in andere Krankenhäuser weiterverwiesen. Dabei wird auch nach medizinischen Notwendigkeiten entschieden. Im Übrigen wird nie ein Notfall abgewiesen.

Von Januar bis März musste das Olgäle monatlich zwischen 30 und 40 kranke Kinder weiterschicken. Wie sah es im April aus?
Im April waren es drei Kinder.

Drei? Das klingt wie ein Wunder. An den Rahmenbedingungen hat sich ja wenig geändert.
Ich habe gelernt, dass man es im Kinderkrankenhaus mit einem Saisongeschäft zu tun hat. Während der Grippewelle wird es dort schon mal sehr eng.

Hängt die geringe Zahl der im April weiterverwiesenen Kinder vielleicht damit zusammen, dass Stuttgarter Kinderärzte, wie angedroht, weniger Patienten ins Olgäle einweisen? Sind die Fallzahlen immer noch im Keller?
Im April waren wir mit 1165 Fällen exakt auf dem Stand des Vorjahresmonats.

Im Februar und März 2013 sah das ganz anders aus. Da sackten die Patientenzahlen um 20 und 16 Prozent unter die Vergleichszahlen ab. Trotz Saisongeschäft und Grippewelle.
Wir hatten keine leerstehenden Betten.

Aber es gab geschlossene Betten. Ist dieses Problem inzwischen gelöst?
Ich habe mir die aktuellen Zahlen für den Mai kommen lassen: Geschlossen sind in der Kinder-Kardiologie zwei Betten, in der Kinder-Chirurgie fünf, dazu kommen jeweils drei bis vier Betten der Intensivstation und Neonatologie-Intensivstation.

„Es herrscht kein Versorgungsengpass“

Lässt man die Kinder-Neurologie unberücksichtigt, wo wegen Personalausfalls punktuell weitere Betten wegfallen, sind aktuell von 350 Betten im Olgahospital 13 bis 15 geschlossen.
Die Zahlen sind nicht erfreulich. Aber es herrscht kein Versorgungsengpass.

Was sind die Ursachen für den unerfreulichen Zustand?
Im Bereich Intensivkrankenschwestern für Kinder herrscht bundesweit ein totaler Mangel. Während in anderen Bereichen der Wirtschaft bei Fachkräftemangel die Löhne steigen, greift dieser Mechanismus in den Krankenhäusern nicht.

Wie viele Planstellen sind im Olgahospital zurzeit vakant?
Im Pflegedienst sind von 341 Soll-Stellen aktuell 14 nicht besetzt, im Funktionsdienst sind es sieben von 68 Stellen.

Wie wollen Sie die Lücken füllen?
Es gibt Verträge mit sechs hervorragend ausgebildeten Kinderkrankenschwestern aus Italien. Die fangen nach dem Sprachkurs im Oktober an. Zusätzlich hoffen wir auf gut ausgebildete spanische Fachkräfte.

Wann ist der Personalengpass behoben?
Schwer zu sagen. Er kann sich ja auch verschärfen, beispielsweise durch Schwangerschaften. Die Verweildauer beim Arbeitgeber Krankenhaus wird kürzer, weil es weniger stressige berufliche Alternativen gibt.

Bei Lohnerhöhungen und Zulagen fehlt der Spielraum. Was machen Sie, um das Klinikum für Pflegekräfte attraktiver zu machen?
Wir versuchen, ein Paket zu schnüren. Wichtigster Punkt ist dabei ein adäquater und bezahlbarer Wohnraum. Das geht nicht von heute auf morgen. Denn Wohnungen stehen nirgends leer.

Rächt sich, dass man in der Vergangenheit auch Schwesternwohnheime verkauft hat?
Das lag auch daran, in welchem Zustand die Heime waren. Viele entsprachen nicht mehr den heutigen Anforderungen.

„Wir brauchen für städtische Beschäftigte Wohnraum“

Denken Sie an Neubauten von Wohnheimen?
Wir verhandeln mit der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG. Die ist als Bauträger und Vermieter besser geeignet. Wir als Klinikum bekommen bei einer solchen Lösung die Belegungsrechte.

Wie soll das funktionieren?
Wir brauchen die Unterstützung der Stadt, denn nach dem Preis für den Baugrund richtet sich auch die Miethöhe. Wenn uns die Stadt als Dach über den Töchtern Klinikum und SWSG beim Grundstückspreis entgegenkommt, dann bekommen wir ein gutes Paket für die städtischen Bediensteten hin.

Nennen Sie ein konkretes Beispiel.
Es geht um Flächen auf dem Gelände des Bürgerhospitals und des jetzigen Olgahospitals. Da sollen beim Verkauf bestimmte Einnahmen erlöst werden. Nun kann man fragen, ob bei der Verwertung der Fläche die Stadt nicht sagt, wir haben da ein übergeordnetes Interesse, wir brauchen für städtische Beschäftigte Wohnraum.

Tun sich da nicht automatisch Lücken bei der Finanzierung von Klinikumsneubauten auf?
Das ist vertraglich geregelt. Neu zu regeln ist jetzt, ob die Stadt auf einen Teil dieser Erlöse verzichtet.

Wie wird das gegenfinanziert?
Wer wie OB Kuhn zu Recht sozialen Wohnungsbau stärken will, kann nicht für die paar wenigen noch vorhandenen Flächen den maximalen Erlös erzielen wollen. Sonst funktioniert sozialer Wohnungsbau nicht.

Die Stadt soll also direkt oder indirekt Geld geben. Um welche Größenordnung geht es?
Wenn man es insgesamt und nicht nur fürs Klinikum betrachtet, geht es um einen zweistelligen Millionenbetrag. Wenn man so will, geht es dabei aber nicht um reales Geld, sondern das sind Wenigererlöse.

Aber das Geld fehlt in der Realität trotzdem.
Kostenlos geht das nicht, aber es ist auch nicht umsonst, denn ohne diese Option droht in der Gesundheitsversorgung wie in der Kinderbetreuung drastischer Personalmangel. Das läuft für mich als Bekenntnis des Trägers zu seinem Klinikum. Das wird Bestandteil der Haushaltsplanberatung sein.