Der Chefcoach des Volleyball-Bundesligisten hat Krebs im Endstadium, lag zuletzt eine Woche im Krankenhaus. Der Meister würde mit Aleksandersen gerne weitermachen, hat nun aber auch eine andere Option.
Es ist im Sport nie ein Fehler, Entscheidungen zu treffen, die mehrere Optionen bieten. So gesehen haben die Verantwortlichen von Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart zuletzt höchst professionell an einer doppelten Antwort auf die Trainerfrage gearbeitet – und am Ende einen Mann verpflichtet: Konstantin Bitter.
Noch ist der 33-Jährige Chefcoach des Bundesligisten Schwarz-Weiß Erfurt, im Anschluss an diese Saison aber wird er nach Stuttgart wechseln. „Er ist ein junger, talentierter Trainer, der schon länger auf unserer Liste steht“, sagt Kim Renkema, die Sportdirektorin des Meisters, „dass er nun zu uns kommt, ist eine Toplösung für die Zukunft.“ Weil Konstantin Bitter die Sicherheit bietet, die der MTV benötigt. Denn niemand weiß, wie es mit Tore Aleksandersen weitergeht.
Tore Aleksandersen hat die Klinik wieder verlassen
Der Norweger hat Prostatakrebs im Endstadium, er selbst sagt über seinen Job als Trainer der Stuttgarter Volleyballerinnen: „Der Tag, an dem es nicht mehr geht, wird kommen.“ Zuletzt erlitt Tore Aleksandersen einen Rückschlag. Weil sich seine Werte verschlechtert hatten, wurde in Tübingen eine weitere Immuntherapie eingeleitet. Doch dann musste sich der MTV-Coach nach dem Heimspiel gegen Schwarz-Weiß Erfurt am 11. März in die Klinik begeben – wegen einer Lungenentzündung. Von dieser erholte er sich soweit, dass anschließend wie erhofft mit einer neuen Krebsbehandlungsmethode begonnen werden konnte. Die Bestrahlungstherapie soll die im Körper vorhandenen Metastasen angreifen. Seit Sonntag ist Tore Aleksandersen wieder zu Hause. „Es geht ihm den Umständen entsprechend okay“, sagt Kim Renkema, die überzeugt ist, dass ihr Trainer weiterhin den Kampfgeist zeigt, der ihn bisher immer ausgezeichnet hat: „So wie ich ihn kenne, hätte er auch die Koffer gepackt, um mit nach Italien zu fliegen.“
Bei Igor Gorgonzola Novara bestreitet Allianz MTV Stuttgart an diesem Mittwoch (20 Uhr) das Rückspiel im Viertelfinale der Champions League. Allerdings ohne Tore Aleksandersen. „Wir als Club müssen mit der Situation verantwortungsvoll umgehen. Und es wäre sicherlich nicht verantwortungsvoll gewesen, wenn er diese Reise mitmachen würde“, sagt Kim Renkema, „danach wird alles davon abhängen, wie er sich fühlt. Vielleicht ist er ja am Samstag gegen Vilsbiburg schon wieder dabei. Das überlassen wir ihm.“
Kim Renkema: „Es war eine kritische Situation“
Gemeinsam besprochen wurde bei Allianz MTV Stuttgart, wie es mittelfristig weitergehen soll. Am Willen des Clubs, dass Tore Aleksandersen Cheftrainer bleibt, hat sich durch die vergangenen Wochen nichts verändert. Zugleich verdeutlichte diese Zeit aber, wie fragil das Gebilde ist. „Ihm ging es nicht gut, er lag ja nicht wegen einer Grippe im Krankenhaus. Es war eine kritische Situation“, sagt Kim Renkema. In ungefähr sechs Wochen wird sich zeigen, ob die jüngsten Therapien anschlagen. Doch so lange konnte und wollte der Club nicht warten. Und zog nach Absprache mit Aleksandersen die aus Sicht aller Beteiligten beste Option.
Mit Konstantin Bitter ist vereinbart, dass er auf jeden Fall zum MTV wechseln wird. Entweder als Co-Trainer von Tore Aleksandersen, falls dessen Gesundheitszustand eine weitere Saison an der Seitenlinie zulässt. Oder als Chefcoach, wenn der Norweger doch nicht mehr die Kraft haben sollte, um den fordernden Job, der ihm so viel bedeutet, ausfüllen zu können. Auch diese Aufgabe würde Kim Renkema dem neuen Mann zutrauen. „Er hat sich in Erfurt sehr gut entwickelt“, sagt die Sportdirektorin über Konstantin Bitter, der einst als Assistent von Alexander Waibl in Dresden arbeitete und in der Szene als intelligenter, wacher, loyaler Volleyball-Experte gilt, „für uns ist das ein super Weg, den auch Tore sehr gut findet und mitgeht.“
Ziel ist die Titelverteidigung
Für die Zukunft hat sich Allianz MTV Stuttgart nun also aufgestellt. Was nichts daran ändert, dass auch in dieser Saison noch große Herausforderungen warten. Erst in der Champions League, danach in den Play-offs um die Meisterschaft, in denen das Team den Titel verteidigen will. Am liebsten mit Tore Aleksandersen. Ansonsten für ihn. „Er ist mit seiner Krankheit gegenüber den Spielerinnen immer sehr offen umgegangen“, sagt Kim Renkema, „die Situation ist für die Mädels natürlich nicht einfach. Aber es muss sportlich weitergehen, und wir sind stark genug, um trotzdem erfolgreich zu sein.“ Zumal Tore Aleksandersen alles tut, um seine Mannschaft zu unterstützen.
Vor dem Hinspiel gegen Igor Gorgonzola Novara meldete er sich telefonisch aus dem Krankenhaus, hielt eine emotionale Ansprache. Er bereitet mit seinen Co-Trainern Faruk Feray und Wojciech Kurczynski jedes Spiel und jede Einheit akribisch vor. Mit Feray, der ihn an der Linie vertritt, stand er sogar während der Partie gegen Novara telefonisch in Kontakt. „Er arbeitet im Hintergrund, wie es besser nicht ginge“, sagt Kim Renkema, „und unsere beiden Co-Trainer sind ein tolles Duo, das viel Energie reinbringt und Tore bestens vertritt.“ Was nur zeigt, wie wichtig es im Sport ist, stets mehrere Optionen zu haben.