Enteignung, Delisting, Kurssturz: Rentner Helmut K. aus Villingen-Schwenningen hat alles erlebt. Auf die kapitalbasierte Altersvorsorge blickt der Börsianer mit gemischten Gefühlen.
Der Plan zur kapitalbasierten Altersvorsorge liegt auf dem Tisch. Moderner, mit höheren Renditechancen und flexibler soll das sein. Riester-Sparen war gestern. Ab 2027 wird alles anders sein und auch das staatlich geförderte Altersvorsorgedepot mit Anlagen in ETFs, Fonds und Anleihen wahr.
Wie sich das neue Modell auswirken mag? Helmut K. weiß es nicht – doch mit dem Aktienmarkt kennt sich der Rentner aus Villingen-Schwenningen bestens aus, er hat sich deshalb an unsere Redaktion gewandt.
Das Thema ist sensibel. Seinen Namen mag der 73-Jährige also nicht in der Zeitung lesen. Über Geld spricht man schließlich nicht. Über das eigene noch viel weniger. Doch Helmut K. gibt an diesem Nachmittag tiefen Einblick in seine Aktiengeschäfte – und auch in die Gedanken eines Rentners. Er spricht nicht nur von Dividenden und Kurssteigerungen, sondern auch von Enteignung, Delisting – und Gebühren. Wie sicher kann so eine Altersvorsorge sein?
Ein Eigenheim und Aktien
Helmut K. ist Zeitungsleser aus Passion. Doch in diesem Fall ist der Rechner an der Wand gegenüber wichtiger als die gedruckten Börsennachrichten. Denn dort handelt der Doppelstädter mit Aktien.
Ein Leben lang war der Senior berufstätig. 35 Jahre lang hat er ins Rentensystem einbezahlt, Scheidung, ein früherer Berufsausstieg, das macht eine stark reduzierte monatliche Rente. Die Private Krankenversicherung erhebt Monatsbeiträge im vierstelligen Bereich bei stetig steigenden Beiträgen. Mit dem monatlichen Resteinkommen „muss ich zurechtkommen“. Zum Glück habe er sein Eigenheim. Und Aktien.
Wie schnell sich der Wert der Letztgenannten aber ändern kann, hat K. unlängst wieder erfahren. Binnen weniger Tage rauschten Kurse seiner Wertpapiere in den Keller – der Verlust: Tausende Euro.
Kienzle und Co.
Angefangen hat alles einst mit Aktien seines damaligen Arbeitgebers. Die Belegschaft durfte Vorzugsaktien kaufen. Helmut K. war dabei. So wie viele andere Mitarbeiter anderer Unternehmen auch. In Erinnerung haben viele noch die Kienzle Apparate GmbH, die später an den Mannesmann-Konzern ging und schließlich 2000 von der britischen Vodafone-Gruppe feindlich übernommen worden ist – Aktien vieler Kleinaktionäre lagen bei der Bank, der Zugriff sei so beschränkt gewesen, dass ein sehr rasches Handeln unmöglich gewesen sei, schildert Helmut K. das Dilemma, in dem mancher Bekannte steckte.
„Mancher saß auf einem Aktienwert von 400.000 Euro“ – binnen drei Monaten sei deren Kurs von einst 200 auf dann fünf Euro gesunken.
„Pokerhandwerk“
Selbst mochte Helmut K. in solch einer Zwickmühle nicht sitzen. Er wollte den Sekundenhandel, wechselte zu einer Direktbank, und kann seither blitzschnell kaufen und verkaufen. „Mal bin ich reingefallen, mal habe ich Glück gehabt“, stellt er nüchtern fest. So sehr auch Abenteuerlust in seinen Augen aufblitzt, als er am Computerbildschirm zeigt, wie rasch sich die Kurse bewegen und wo er mit guten Deals schon richtig Geld gemacht hat, so nachdenklich blickt er an anderer Stelle drein. Denn da sitzt für ihn der Haken bei der kapitalbasierten Altersvorsorge: „Das kann doch nicht sein, das ist ein Spiel, Pokerhandwerk vom Feinsten!“
„Das Schlimmste ist die Machtlosigkeit und wie stark Firmen sein können, wenn sie eine Insolvenz abwenden wollen“ – er erinnert an die Varta AG, im Zuge einer Restrukturierung war eine Kapitalherabsetzung auf Null beschlossen worden. Aktien waren plötzlich wertlos und Alt-Aktionäre quasi enteignet.
Auch andere Begleiterscheinungen von Übernahmen schocken Kleinaktionäre – sie erhalten häufig recht schmale Abfindungsprämien, im Falle von Biontech sei das einem Minus von 95 Prozent gleichgekommen, rechnet der Villingen-Schwenninger vor. Dann knipst er den Bildschirm an, loggt sich ein, und führt das Drama vor Augen: Gerade hat er selbst erleben müssen, wie sein Aktiendepot vom mittleren sechsstelligen Wert binnen fünf Tagen um knapp 40 Prozent gesunken ist.
Viele Branchen im Blick
Um einschätzen zu können, was sich in der Wirtschaft tut, beobachtet K. die Unternehmen ganz genau. Seine Watchlist – seine individuelle Beobachtungsliste von Wertpapieren – haftet als Symbol auf dem Desktop. Er klickt rein, führt eine bunte Mischung von Branchen bis hin zur Rüstungsindustrie vor Augen.
Ohne Umschweife erzählt er, welches Unternehmen was herstellt, welche womöglich innovative Entwicklung ihn zum Kauf bewogen hat und wie die Rahmenbedingungen waren. 2020, beispielsweise, investierte er für 38 Euro pro Aktie in die 2000 gegründete Va-Q-Tec, einen Hersteller von Transportboxen und Container mit Kälte- und Wärmedämmung etwa für Impfstoffe, der vor allem während der Corona-Pandemie satte Gewinne machte. Doch 2023 flatterte den Aktionären Post ins Haus – der CEO informierte über ein Übernahmeangebot durch die Fahrenheit AcquiCo GmbH und legte Aktionären nahe, den Gründerfamilien ihre Anteile zu verkaufen – für 26 Euro. Der Rentner nahm – quasi gezwungenermaßen – an.
Eigentlich Spielgeld
Der Aktionär hat viele Themen auf dem Zettel, die es beim Aktienhandel und damit auch bei der kapitalbasierten Altersvorsorge zu bedenken gelte. Er berichtet vom Delisting von Aktien, auf welchen ihre Besitzer dann handlungsunfähig sitzen bleiben, von noch gelisteten Aktien, die quasi nicht mehr gehandelt werden – Wirecard etwa, oder von Dividenden, die per Vorstandsbeschluss einfach nicht ausbezahlt würden.
„Gewinne werden mit 25 Prozent besteuert“, führt er zudem an. Und: „Aktien werden weiterhin mit dem Solidaritätszuschlag besteuert“. Man zahle auch Kirchensteuer und Abgeltungssteuer. Es gebe Handelsplatzkosten und Provision sowie eine Grundgebühr, die als Festgebühr an den Broker gingen und mit den Verlusten verrechnet würden. „Dann bleibt nicht viel“ befürchtet er mit Blick auf die Rente.
Und doch ist Helmut K. Feuer und Flamme für den Aktienhandel, steckt geradezu an mit seiner Lust aufs Spekulieren. Kein Wunder also, dass er seinen Invest gerne als „Spielgeld“ bezeichnet. Mit seiner Altersvorsorge aber würde der 73-Jährige dann doch lieber nicht spielen wollen.