Gerhard Hinger geht gerne singen, tanzen und macht Sport. In Empfingen organisiert er das Volksliedersingen. Foto: Daniel Begemann

Seit 13 Jahren organisiert Gerhard Hinger in Empfingen das Volksliedersingen. Doch er befürchtet, dass das Kulturgut Singen aussterben könnte.

„Wenn man drei Stunden singt, ist man drei Stunden von den Alltagsproblemen weg, und das tut jedem gut“, sagt der 74-jährige Gerhard Hinger. Einmal im Monat veranstaltet er donnerstagabends in Empfingen das sogenannte Volksliedersingen. Bis zu 50 Teilnehmer – die meisten von ihnen von außerhalb Empfingens – singen dann gemeinsam Wander-, Seemanns-, oder Heimatlieder, manchmal auch alte Schlager. „Anfangs waren wir sieben Leute“, berichtet Hinger aus der Zeit vor etwa 13 Jahren, als er das Volksliedersingen ins Leben rief. Für sich entdeckt habe er das Volksliedersingen zuvor in Sulz-Bergfelden.

 

Im Laufe der Jahre sind immer mehr Singbegeisterte zu Hingers Veranstaltung gekommen. „Die beste Zeit war im Seeblick mit 35 bis 45 Leuten“, sagt er. Der Höhepunkt sei vergangenes Jahr im Hotel Empfinger Hof mit 50 Teilnehmern gewesen.

Das Volksliedersingen ist eine Erfolgsgeschichte, die Hinger auch gerne als sein „Lebenswerk“ bezeichnet. Doch der 74-Jährige macht sich große Sorgen um die Zukunft des Singens. Nicht nur in Empfingen, sondern allgemein. Die Menschen, die bei ihm zum Singen kommen, seien zwischen 60 und 80 Jahre alt.

„Singen ist out“

Er beklagt, dass das Singen heute keinen Stellenwert mehr habe: „Das Singen ist nicht mehr zeitgemäß, es ist out. Die jungen Leute haben überhaupt kein Interesse mehr daran. Die Gesellschaft hat sich total verändert. Wenn man irgendwo singt, dann wird man verpönt. Die Leute fühlen sich gestört. Früher war das genau umgekehrt.“

Hinger fürchtet, dass das Kulturgut Singen aussterben könnte – zum großen Nachteil der Menschen. Denn dass die Menschen immer weniger singen, würde man merken. Er sagt: „Die Leute haben keine Lebensfreude mehr.“ Man sehe es den Menschen an, sie seien nicht mehr lustig, nicht mehr fröhlich. „Beim Singen bekommt man diese Eigenschaften“, ist Hinger überzeugt.

Anmeldung bei Gema erforderlich

Und dann ist da noch die Sache mit der Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte). Als Verwertungsgesellschaft kümmert sich die Gema darum, dass die urheberrechtlichen Autoren von Musik für die Verwendung ihrer Werke entlohnt werden. Immerhin hat gerade Volksmusik bei der Gema einen Vorteil: Polkas, Walzer, Schunkellieder, Blasmusik, Märsche, Kanons sowie volkstümliche Schlager sind oft Gema-frei.

Im Februar möchte Hinger das Volksliedersingen in der Empfinger Vereinsgaststätte Seeblick veranstalten. Das Team des Seeblick verlange, dass jeder Singabend bei der Gema angemeldet wird. Um die 50 Euro an Gebühren könnten für den Abend anfallen, schätzt Hinger. Noch habe er auf seine Anmeldung hin jedoch keine Reaktion seitens der Gema bekommen.

Wie sich beim Gespräch mit unserer Redaktion herausstellt, hatte Hinger bereits daran gedacht, das Volksliedersingen aufzugeben. Doch noch hat der 74-Jährige die Hoffnung nicht ganz aufgegeben.

Nächste Termine

Vom Hotel zum Seeblick
In dieser Woche findet das Volksliedersingen am Donnerstag, 15. Januar, noch einmal ab 18.30 Uhr im Hotel Empfinger Hof statt. Der darauf folgende Termin ist am Donnerstag, 19. Februar, um 18.30 Uhr im Lokal Seeblick.

Gema
Die Gema (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) sagt auf ihrer Internetseite über sich selbst: „Wir nehmen die Nutzungsrechte wahr, die uns die Gema-Mitglieder übertragen haben. Diese verwalten wir und vertreten sie gegenüber den Musiknutzenden (z. B. Plattenfirmen, Sendeanstalten oder öffentliche Veranstalterinnen). Wer also Musik auf bestimmte Art öffentlich aufführen, wiedergeben oder vervielfältigen möchte, zahlt einen Betrag und erhält von uns die Lizenz dafür.“ Die Gema weist darauf hin, dass das Urheberrecht unabhängig von der Gema gilt. „Auch ohne uns müssten Musiknutzende für Musik bezahlen, wenn sie diese öffentlich nutzen. Doch statt die Rechte von jeder Urheberin und jedem Urheber einzeln zu erwerben, wenden sie sich einfach an uns – und erhalten schnell und unkompliziert Zugriff auf das musikalische Weltrepertoire.“