Sophie Passmann liest vor ausverkauftem Haus im Wizemann aus ihrem neuen Buch „Pick me Girls“. Eloquent und unterhaltsam bläst sie ins feministische Horn und zeigt, dass auch sie eine Frau wie all die anderen ist.
Es wundert nicht, dass zu einer feministischen Lesung von Sophie Passmann überwiegend Frauen gekommen sind. Immerhin, ein paar wenige Männer sind am Freitagabend im Schlepptau ihrer Freundinnen dabei. Ziemlich pünktlich um 20 Uhr kommt die Autorin im Wizemann auf die Bühne, um in den nächsten eineinhalb Stunden in einer Ein-Frau-Show aus ihrem aktuellen Buch „Pick me Girls“ zu lesen.
Fünf Kapitel bekommen die 600 Anwesenden zu hören, das Kapitel über Botox ist nicht dabei, dafür zahlreiche witzige Anekdoten. Es wird gelacht an diesem Abend, dem Unterhaltungstalent der TV-Moderatorin geschuldet. Ein Glas Wein, irgendwann eine Zigarette, das Handy auf dem Tisch: „Ich habe das dabei, falls ER zurückschreibt.“ – Zwinker. Nein, eigentlich ist das Handy ein Uhrenersatz. Doch damit leitet sie geschickt das Thema ein, um das es geht, nämlich den männlichen Blick, der laut Klappentext „die höchste Währung ist“, die es im Leben eines Pick me Girls gibt, und um den sich alles dreht.
Großteil der Tour ist ausverkauft
Das Pick me Girl ist eine, die glaubt, nicht so zu sein, wie alle anderen Frauen und für die Anerkennung von Männern alles tut, andere Frauen dabei ablehnt. Sie ist eine Gefangene im Unterdrückungssystem des Patriarchats, das sie in diese Rolle drängt, so die These.
Seit ein paar Jahren geht das Phänomen auf Tiktok und Instragram um, das Sophie Passmann nun in ihrem autobiografischen Essay aufgenommen hat. Damit führt sie derzeit die Spiegel-Bestsellerliste an. Der Großteil der Tour der Autorin von „Alte weiße Männer“ ist ausverkauft. Die Rezeption des Buches ist kontrovers. Vor allem das Kapitel über ihre Schönheitsoperationen hat für scharfe Kritik gesorgt. Das geht sie an, wie sie sagt.
Von Ex-Freunden und Essstörung
Wie hat eine Frau denn aber nun zu sein? Wer bestimmt das? An ihren Erfahrungen lässt Passmann das Publikum teilhaben, liest eines ihrer Kapitel und fällt dann in den Unterhaltungstalk. Etwa über Taylor Swift und ihre neue Liebe, und nennt damit das Beispiel der modernen Überfrau, die sie heute viel lieber hört, als etwa die cooleren Blink 182, und sich nicht dafür schämen muss.
Sie erzählt von Ex-Freunden, die mit dem Erfolg der 29-Jährigen nicht zurechtkamen und über den Schaden, den stereotype Frauenbilder im Internet bei jungen Frauen anrichten können, und von ihrer Essstörung, die sie sich dadurch herangezüchtet hat. Sophie Passmann spricht aus, was selten ausgesprochen werden kann, das betrifft vor allem die durchmedialisierte Welt.
Vom Lustigen ins Traurige und wieder zurück
Die Lesung geht vom Lustigen ins Traurige und wieder zurück. Sie erzählt vom Unterschied zwischen Scham und Peinlichkeit, und wie unangenehm es sein kann, den Fotografen gefallen zu wollen, wenn man nicht ins normschlanke Bild passt.
Passmann über Passmann. Möglich, dass das reicht und die Zustimmung im Publikum das beweist. Möglich, dass weibliche Stärken ganz woanders liegen, als im männlichen Blick. Cool und souverän beendet Sophie Passmann den Abend unter tosendem Applaus und trifft offensichtlich einen Nerv in der feministischen Debatte junger Frauen – vielleicht gibt es demnächst ja mal eine Lesung nur für Männer.