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Weiß wie Schnee: Jahrhunderte lang und in vielen Kulturen galt gebräunte Haut wenig.

Stuttgart - Der Aufschrei war groß, als vor einigen ­Wochen die schwedische Modekette H&M mit einer Plakatkampagne ihre neue Strand­mode auf ultrabraunen, ölig glänzenden Körpern präsentierte. Und auch wenn die Haut­farbe in den verschiedenen Kommentaren diverser Medien bald als Photo­shop-Braun und grotesk unnatürlich bezeichnet wurde, warnten Hautärzte schon vor derart gesundheitsbedenklichen Vor­bildern und einem Rückfall in den Bräunungswahn der 1970er bis 1990er Jahre.

Dieser Wahn steckt vielen zwar nicht in den Knochen, wohl aber in der Haut. Die steigenden Zahlen an Hautkrebserkrankungen in der Generation der Sonnenanbeter sprechen da eine traurig klare Sprache. Doch mit Blick auf die Kulturgeschichte währte dieser von mehr Freizeit, mehr Wohlstand und Reiselust beflügelte Kult um eine intensive Sonnen- und Solarienbräune vergleichsweise kurz. Auch wenn der – die Werbung zeigt’s – noch immer nicht vorüber ist.

Weiß wurde zur Hautfarbe der herrschenden Klassen

Doch schon im alten Ägypten, in der griechischen und römischen Antike und danach über alle Jahrhunderte hinweg galt helle Haut als erstrebenswert. Das lag vor allem daran, dass die Oberschicht in vielen Teilen der Welt und bis weit ins 20. Jahrhundert ­hinein ihr Privileg, nicht im Freien arbeiten zu müssen, durch vornehme Blässe unter Beweis stellte. Sie investierte reichlich Mühe, den Teint nicht nur ungebräunt, sondern sogar weiß erscheinen zu lassen. Eine solch extreme Aufhellung der Gesichtshaut mit kosmetischer Hilfe sieht man bis heute bei japanischen Geishas.

Das Autorenteam um die Kulturwissenschaftlerin Christina ­Wietig schreibt in seinem Aufsatz „Kulturgeschichtliche Aspekte heller Haut“ über den Jahrhunderte überdauernden Hang zur noblen ­Blässe: „Über die Hautfarbe wurden die historischen Machtstrukturen und die damit verbundenen Besitzverhältnisse angezeigt.“ Weiß wurde so zur Hautfarbe der herrschenden Klassen. Von dort war es nur ein kleiner Schritt bis zur rassistischen Missachtung von Menschen, die mit dunkler Hautfarbe geboren werden. Die für blütenweiße Baumwolle schuftenden Sklaven auf den Plantagen ­weißer Großgrundbesitzer liefern dazu ein sprechendes Bild.

Doch es gibt noch mehr Gründe für eine möglichst ungebräunte Haut: Im Reich der Pharaonen hängt die Bevorzugung des hellen Teints ausgerechnet mit dem Sonnenkult zusammen. Die Lebenden und die Toten sollten durch Pasten oder die Kunst der Mumifizierung so hell strahlen wie der alles erleuchtende Stern. Für Tote wurden deshalb Goldmasken angefertigt. Und die Lebenden taten viel, um ihre Haut vor der Sonne zu schützen und künstlich auszuhellen.

Albinos müssen teilweise um ihr Leben fürchten

Wer mit heller Haut geboren wurde, galt als auserwählt. Das gilt selbst innerhalb mancher afrikanischer Kulturen. Mit tödlichen Folgen für die Betroffenen haben solche ­Ansichten als Aberglaube überlebt. So müssen Menschen mit der angeborenen Pigmentstörung Albinismus in Teilen Tansanias um ihr Leben fürchten. Medizinmänner trachten danach, mit ihren Gliedmaßen ein Gebräu herzustellen, das Reichtum und Glück verheißen soll.

In Europa galt lange Zeit und in Asien gilt noch heute eine Haut so weiß wie Schnee, so edel wie Alabaster oder Porzellan vor allem bei Frauen als schönstes Versprechen. Ein von der ­Sonne ungeküsster, zarter Teint mit rosigen Wangen steht für ­Jugend und Reinheit. Und tatsächlich hinterlässt nicht nur die Sonne Spuren. Ein Nachdunkeln der Haut erfolgt bei vielen Frauen auch in der Schwangerschaft durch eine hormonell bedingte Pigmentierung.

In seiner „Liebeskunst“ schickte der römische Dichter Ovid den Mann zum Bräunen aufs Marsfeld. Den Frauen rät er mit Hilfe von Kreide zu einer weißen Haut. Wobei Kreide zu den harmlosen Mitteln gehörte, um die Haut möglichst hell erscheinen zu lassen. Historiker wissen von Cremes mit giftigem Quecksilber und Bleiweißpasten. Nicht nur die jungfräuliche Königin Elizabeth I. schwor darauf und musste sich schließlich schminken, um ihre Pusteln und Narben zu kaschieren. Ohne Nebenwirkungen ist dagegen folgender Trick: Auf schwarzem Seidentaft gebettet, soll Königin Margarete, Frau von Heinrich IV., ihren Geliebten empfangen haben. Strahlend hell.

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