Viele Hausbesitzer nehmen derzeit die energetische Sanierung ihrer Immobilie in Angriff. Dabei kommt es auch in der Ortenau immer wieder zu bösen Überraschungen – gefährlicher Asbest steckt noch in vielen Gebäuden. Der Kreis mahnt zur Vorsicht.
Mit dem Ziel der energetischen Sanierung werden aktuell wieder vermehrt in Privathaushalten anstehende Sanierungs- oder Umbauprojekte in Angriff genommen. Das berichtet Julia Morelle, Leiterin des Amtes für Gewerbeaufsicht, Immissionsschutz und Abfallrecht des Landratsamtes Ortenaukreis und mahnt: „Insbesondere bei Gebäuden, die vor 1993 erbaut wurden, ist wegen einer möglichen Asbest-Belastung hier Vorsicht geboten.“ Selbst bei scheinbar harmlosen Instandhaltungs- Sanierungs- oder Abbrucharbeiten könnten Handwerker und Eigenbauer oft unerwartet mit Asbest konfrontiert werden.
„Sie sind damit der Gefahr ausgesetzt, die heute als äußerst gefährlich bekannten Asbestfasern einzuatmen. Diese sind schon in geringster Anzahl verantwortlich für viele schwerwiegende, oft tödlich verlaufende Atemwegserkrankungen, von denen die Asbestose wohl die bekannteste ist“, weiß die Amtsleiterin. Dabei ist das Material nicht akut toxisch, sondern führt durch Anreicherung längerfristig zu Schäden.
Asbest galt viele Jahre als ideales Isolier- und Brandschutzmaterial und wurde als solches im Baugewerbe bis zu seinem generellen Verbot 1992 oft eingesetzt. „Auch heute finden sich noch in vielen älteren Gebäuden asbesthaltige Materialien auf dem Dach, in den Fassaden, Fußböden, Spachtelmassen und Fliesenklebern, an Heizungsanlagen oder in Kabelkanälen“, erklärt Morelle und betont: „Asbesthaltiger Müll bedarf einer speziellen Entsorgung.“
Gefährliche Fasern können sich in der Lunge anreichern und Erkrankungen auslösen
Das Thema treibt auch die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt um. Diese fürchtet angesichts der hohen Sanierungstätigkeit um die Gesundheit der Beschäftigten. In Millionen Wohngebäuden, die bis zur Wende in Deutschland errichtet wurden, schlummere tonnenweise giftiges Asbest, wie die Gewerkschaft bereits im August mitteilte. Wie viel des gefährlichen Dämmstoffs noch in den Gebäuden der Region steckt, lassen die Zahlen des Zweckverbands Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK) in Ringsheim erahnen.
Alleine im vergangenen Jahr wurden dort rund 1700 Tonnen asbesthaltigen Materials angeliefert, berichtet Georg Person vom kreisübergreifenden Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg (ZAK) auf Anfrage unserer Redaktion. Diese Zahl entspricht auch in etwa dem Schnitt der durchaus schwankenden Anlieferungen der vergangenen sechs Jahre. 2021 waren es fast 2500 Tonnen, im Jahr zuvor lediglich 1400 und davor erneut 2500 Tonnen asbesthaltigen Materials. 2018 waren nur knapp 800 Tonnen des problematischen Materials angeliefert worden.
Asbesthaltige Abfälle werden am Kahlenberg unterirdisch deponiert
Das belastete Material stammt dabei aus den Landkreisen Emmendingen, Breisgau-Hochschwarzwald, der Stadt Freiburg und dem Ortenaukreis. Aktuell werden für jede angelieferte Tonne Asbest-Abfall 108 Euro an Gebühren fällig. Der problematische Müll wird dabei nur einmal pro Woche – immer mittwochs – auf der Deponie am Kahlenberg angenommen.
„Asbesthaltige Abfälle müssen mit stabiler Polyethylenfolie umwickelt oder in stabilen Polyethylensäcken oder in ,Big Bags’ staubdicht verpackt angeliefert werden, um eine Freisetzung von Asbestfasern während des Transportes und beim Einbau in die Deponie zu vermeiden“, erläutert Person.
Asbesthaltige Abfälle werden am Kahlenberg einem Bereich zusammen mit Dämmmaterial deponiert und am Ende des jeweiligen Anliefertags mit Erde abgedeckt. So wird sichergestellt, dass die gefährlichen Fasern nicht in die Luft geraten.
Brandgefährlich
Das asbesthaltige Material nicht nur bei der Sanierung zum Problem werden kann, hat der Brand des Ökonomiegebäudes in Neumühl am Sonntag gezeigt. Der ehemalige Stall war mit asbesthaltigem Material gedeckt. Das Problem: Durch große Hitze können grundsätzlich Fasern freigesetzt und durch die Luft verbreitet werden. Sowohl in der Brandnacht als auch am Montag herrschte laut Stadt Kehl eine von der Ortschaft abgewandte Windrichtung. Bereits in der Brandnacht habe der stellvertretende Kommandant der Kehler Feuerwehr, Roland Walter, über einen Polizeihubschrauber feststellen lassen, wie weit sich die Brandrauchwolke ausdehnt und wohin sie sich bewegt. Das Ergebnis: Die Rauchwolke habe sich bereits im Bereich des Flugplatzes Sundheim aufgelöst, teilt die Stadt Kehl mit. Dennoch könne nicht ausgeschlossen werden, dass Asbestfasern auf die ganz in der Nähe des Brandorts gelegenen Grundstücke gelangt sind. Da Asbest ein natürlich vorkommendes Mineral ist, besteht in der Luft immer eine natürliche Hintergrundbelastung. Es sei, nach Angaben des Landratsamts, nicht zu erwarten, dass ein einzelnes Brandereignis die Hintergrundbelastung in der Region erhöht.