Eine Besucherin lässt die Bilder und Zitate der Ausstellung auf sich auf sich wirken. Foto: Hug

Bei der Ausstellung „Gesichtslos“ in Offenburg geben eindringliche Porträts und persönliche Texte einen Eindruck in das Leben von Frauen, die ihren Körper verkaufen.

Pinke Wände, schwarze Informationstafeln, eindringliche Bilder und persönliche Zitate – die Stimmung ist ruhig und bedrückend. Beim Besuch der Ausstellung „Gesichtslos“ im Museum im Ritterhaus in Offenburg erhält unsere Redaktion einen unverstellten Blick auf ein hartes Leben am Rande der Gesellschaft.

 

Julia Wege, Gründerin der Mannheimer Beratungsstelle Amalie für Frauen in der Prostitution, hatte die Idee zum Fotoprojekt. „Wir wollen Prostituierten eine Stimme geben und auf ihre prekäre gesellschaftliche Situation aufmerksam machen“, erklärte sie in einem Filmbeitrag. Der Fotograf Hyp Yerlikaya hat die Frauen zusammen mit den Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle über zwei Jahre mit der Kamera begleitet. Gezeigt werden 40 Schwarz-Weiß-Fotografien, die auf biografischen Interviews mit Frauen basieren, die in der Prostitution tätig sind oder waren. Reale Schicksale, die somit sichtbar werden, anstatt im Verborgenen zu bleiben.

Die Frauen fühlen sich oft wie ein Objekt

Die Besucher sind eingeladen, sich mit den Lebensrealitäten der Betroffenen auseinanderzusetzen. „Die Ausstellung will damit ein gesellschaftliches Tabuthema sichtbar machen und zum Nachdenken anregen“, erklärt Astrid Fehrenbach, Leiterin von „Amalie“, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Im Zentrum der Ausstellung stehen Frauen, deren Gesichter bewusst bedeckt sind. Die weiße Maskierung diene dem Schutz ihrer Identität und ist zugleich ein starkes Symbol für das „gesichtslose“ Dasein und die Unsichtbarkeit, mit der viele Frauen in der Prostitution leben, heißt es in einer Pressemitteilung. „Die Maske steht symbolisch für das Leben der Frauen, denn sie fühlen sich oft einfach wie ein Objekt. Es zählt nicht ihre Geschichte, sondern nur ihr Körper und das Bedürfnis des Freiers. Wir wollen zeigen, dass die Frauen eine Geschichte haben“, erklärte Initiatorin Wege in einem Begleitfilm.

Ergänzt werden die Bilder durch persönliche Aussagen, die Einblicke in Biografien, Lebensumstände und innere Konflikte geben, auch in französischer Sprache. Zudem wird ein Film gezeigt, in dem die Betroffenen zu Wort kommen und von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählen. So äußerte eine Prostituierte, dass der große Druck zu überleben die Seele krank mache.

Frauen für das Projekt zu finden sei keine Hürde gewesen. „Ein paar Frauen fanden die Idee von Anfang an toll und wollten direkt mitmachen. Nach kurzer Zeit meldeten sich weitere Frauen, so dass wir zehn Teilnehmerinnen gewinnen konnten“, sagte Fehrenbach auf Nachfrage unserer Redaktion. Die Ausstellung zeige, dass Prostitution für viele der Frauen nicht das Ergebnis einer freien Entscheidung ist, sondern häufig mit wirtschaftlicher Not, familiären Belastungen, Gewalt- oder Abhängigkeitserfahrung verbunden sei, so Fehrenbach weiter. Ziel der Ausstellung sei es, Vorurteile abzubauen und eine sachliche Auseinandersetzung mit der Situation von Frauen in der Prostitution zu fördern.

Prostitution ist meist keine freie Entscheidung

Die Ausstellung versteht sich als Beitrag zur öffentlichen Diskussion über soziale Ausgrenzung, Schutzbedürftigkeit und gesellschaftliche Verantwortung, betonte die Leiterin. Gleichzeitig solle sie dazu anregen, bestehende Hilfsangebote wahrzunehmen und die Arbeit von Beratungsstellen und Unterstützungsprojekten stärker ins Bewusstsein zu rücken.

„Gesichtslos“ se die erste Ausstellung dieser Art in Deutschland. „Unser Kunstprojekt hat ein bundesweites Medien- und Presseecho hervorgerufen“, freut sich Fehrenbach. „Alleine in Mannheim hatte die Ausstellung mehr als 3000 Besucher. Das ist ein riesiger Erfolg für uns und ganz besonders für die Frauen. Ihre Schicksale und Geschichten sind nun endlich sichtbar“.

Das spiegelt sich auch in der Redaktion einer Besucherin: „Mit der Ausstellung gelingt es, ein sensibles Thema respektvoll und eindrucksvoll darzustellen.“

Ausstellung „Gesichtslos“

Die von den Reiss-Engelhorn-Museen und der Beratungsstelle Amalie konzipierte Wanderausstellung ist noch bis zum 22. März im Museum im Ritterhaus zu sehen. Sie gastierte bereits in 31 anderen Städten in Deutschland und Frankreich. Der Eintritt in Offenburg kostet sechs Euro, ermäßigt vier Euro. Die Veranstaltungen im Begleitprogramm thematisieren Prostitution im Kontext von Menschenrechten, Gleichstellung und Prävention