Ob Ebbe oder Flut – Hauptsache, die Seiten bleiben trocken. Foto: IMAGO/YAY Images/aremafoto

Der perfekte Begleiter für den Sommerurlaub: Unsere Buchempfehlungen

Endlich hat man Zeit, das zu tun, worauf man schon immer Lust hatte. Aber was immer das auch sein mag – Lesen toppt alles. Marcel Proust schrieb, ein Schriftsteller könne „innerhalb einer Stunde alle nur erdenkbaren Freuden und Leiden“ entfesseln, die selbst zu erleben den Leser mehrere Jahre kosten würden. Und wer hat schon so lange Ferien? Fehlt nur der richtige Lesestoff. Unsere Freizeitexpertinnen und Unterhaltungsspezialisten helfen bei der Auswahl für den Koffer.

 

Schreibblockaden und Kochkünste

„Goethe hatte Hämorrhoiden“, so der erste Satz im Roman. Damit ist klar: In diesem Buch geht es nicht um Goethes Oeuvre, es ist keine gewöhnliche Künstlerbiografie. In Charles Lewinskys Roman „Rauch und Schall“ (Diogenes, 25 Euro) kehrt Goethe von einer Reise in die Schweiz zurück, die seine Inspiration beflügeln sollte. Doch statt mit neuen Ideen kommt er mit einer Schreibblockade zurück und mit seinem Auftrag nicht voran. Außerdem plagen ihn die erwähnten körperlichen Beschwerden. Ausgerechnet sein Schwager, Christian Vulpius, ein Viel- statt Qualitätsschreiber, hilft ihm aus der Patsche. Lewinsky ist mit „Rauch und Schall“ ein urkomisches, nur in Teilen biografisches Buch über den großen Dichter gelungen. Tiefgründig, sprachlich herrlich altertümlich und so amüsant, dass man sich selbst bei lautem Lachen ertappt.

Unfall oder Mord? Dieser Frage geht Inspektor Bruno nach, als bei einer traditionellen Aufführung im mittelalterlichen Städtchen Sarlat einer der Darsteller plötzlich tot umfällt. Der Autor Martin Walker nimmt uns in seinem Kriminalroman „Im Château“ (Diogenes, 26 Euro), passend zur Urlaubssaison, mit ins Périgord. Sein Ermittler werkelt in dieser malerischen Gegend auch eifrig in der Küche und stellt seine Kochkünste unter Beweis. Brunos 16. Fall entwickelt sich nach und nach zu einem komplexen Mehrgängmenü und macht Appetit aufs Weiterlesen.

Dominika Bulwicka-Walz stöbert vor den Sommerferien mit besonders großer Freude in Buchregalen herum.

Mäandernde Muster und ein Hund für alle Fälle

Das perfekte Buch für einen langen Nachmittag im Schatten unter mächtigen Lindenbäumen: Jean-Philippe Toussaints mäandernder Essay „Das Schachbrett“ (Frankfurter Verlagsanstalt, 18,99 Euro) kreist um autobiografische Themen, um Jugend, Freundschaft, Liebe, Familie, Tod, Spiel und Schreiben. Begeisternd, wie elegant er von Schachbrettmustern auf Grundschulfußböden und Schachduellen mit dem Vater zu Miniaturen über passionierte Zockerfreunde wechselt. Michel de Montaigne lässt grüßen.

Snoopy ist frech, ein putziger Charmeur und ein Philosoph. Was könnte besser unterhalten, während man im Stau in Richtung Süden oder Norden steht, auf den Zug oder das Flugzeug wartet, als die Cartoons von Charles M. Schulz: „Snoopy für alle Lebenslagen“ (Reclam, 7 Euro) mit Charlie Browns Hund im Zentrum des Geschehens.

Nicole Golombek wird sich für den langen Sommer die drei kurzen Romane von Cesare Pavese vornehmen.

Richter, Tod und Teufel

Wohin geht die Reise? Natürlich in den Süden, zumindest literarisch. Italien ist im Herbst das Gastland der Buchmesse. Einer, der aus der offiziellen Delegation gewissermaßen mit spitzen rechten Fingern aussortiert wurde, ist Roberto Saviano. Die „Brüder Italiens“ schätzen ihn so wenig wie die Mafia. Höchste Zeit, seinen Roman „Falcone“ (Hanser, 32 Euro) zu lesen – spannend wie ein Krimi, der Aufklärung verpflichtet wie jener von der Cosa Nostra ermordete Richter, dessen Fall hier aufgerollt wird.

Italienische Wetterverhältnisse herrschen auch im hohen Norden von Karl Ove Knausgards Roman „Das dritte Königreich“ (Luchterhand, 28 Euro). Mitten im Alltag sind wir von den letzten Dingen umfangen – und der Teufel ist mit von der Partie. Wer noch keine Gelegenheit hatte, in den neuen Mammut-Zyklus einzusteigen, kann auch mit diesem dritten Band beginnen – möglich allerdings, dass man von seinem Reiseziel nicht mehr allzuviel mitbekommt.

Stefan Kister hat so viele Buchtipps auf Lager, dass ihm auch noch an dieser Stelle einer rausrutscht: Colm Tóibín, „Long Island“ – hoppla.

Sommerlich, aber wenig idyllisch

Glühend heiße Sommertage, die Erinnerung an eine ungewöhnliche Kindheit auf einem abgelegenen Bauernhof und eine Familie, die aus Sorge um den verunglückten Vater wieder zusammenfindet – Martina Bogdahn wählt für ihren ersten Roman „Mühlensommer“ (Kiepenheuer & Witsch, 23 Euro) die Zutaten für eine leichte Sommerlektüre. Doch sie würzt sie mit drastischen, überhaupt nicht idyllischen Schilderungen des Landlebens.

Auch Kate Mortons Roman „Heimwärts“ (Heyne, 25 Euro) beginnt an einem heißen Sommertag, jedoch in Australien im Jahr 1959. Bei einem Picknick kommen unter rätselhaften Umständen eine Mutter und ihre Kinder zu Tode. 60 Jahre später versucht eine Journalistin, hinter das Geheimnis des Unglücks zu kommen und erkennt eine Verbindung zu ihrer eigenen Familie.

Carolin Klinger beschäftigt sich beruflich zwar viel mit TV, im Urlaub bevorzugt sie aber ein spannendes Buch.

Hipster von heute und gestern

„Ich dachte, sie fände mich boring, / denn sie war queer und Lektorin“ – Hipsterkulturleute aus New York treffen auf eine traditionelle Reimform, das gibt es nur bei der US-Autorin Maggie Millner. In ihrem schmalen Band „Paare“ (Klett-Cotta, 20 Euro) berichtet eine Protagonistin in Versform von ihrer überraschenden Liebe zu einer Frau – poetisch und leicht, auch in der deutschen Übersetzung von Eva Bonné.

Wer „Hotel Savoy“ im Stuttgarter Schauspielhaus noch nicht gesehen hat, sollte das im Herbst tun – als „Hybridoperette“ mit dem fantastischen Tiroler Musikensemble Franui. Vorbereitend kann man Joseph Roths Roman (dtv, 11 Euro) wieder lesen, auf dem das Stück basiert, und sich von der urbanen Welt der 1920er Jahre mitreißen lassen: „So vieles kann man in sich saugen und dennoch unverändert an Körper, Gang und Gehaben bleiben. Aus Millionen Gefäßen schlürfen, niemals satt sein, wie ein Regenbogen in allen Farben schillern, dennoch immer ein Regenbogen sein.“

Eva-Maria Manz sehnt sich oft nach der urbanen Welt, aber liegt doch auch so gerne im Garten unter Bäumen.

Fesselndes Kopfkino aus düsteren Tagen

Nein, an die Nordsee geht es bei uns in diesem Jahr nicht. Aber „Amrum“ von Hark Bohm (Ullstein, 23,99 Euro) hat mir gut gefallen. Es basiert auf den Erinnerungen des 85-jährigen Regisseurs und wirft einen ganz anderen Blick auf die letzten Kriegstage des Jahres 1945. Der Junge Nanning sitzt nämlich nicht irgendwo in Deutschland im Bunker, sondern streift über die Insel, hält mit selbst gefangenen Kaninchen und Schollen seine Familie über Wasser – und erkennt nach und nach, dass seine fanatischen Nazi-Eltern gehörig auf dem Holzweg sind.

Kein Buch hat mich zuletzt mehr gefesselt als Daniel Kehlmanns „Lichtspiel“ (Rowohlt, 26 Euro). Es erzählt in cinematischen Bildern die Geschichte des Filmregisseurs G. W. Pabst, der sich für seine Kunst von den Nazis korrumpieren lässt. Wie Kehlmann mit seiner Sprache die expressionistische Filmästhetik von Langs „Metropolis“ oder Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ heraufbeschwört, ist formvollendet.

Theresa Schäfer freut sich, dass sie dieses Jahr keine Fernreise macht und deshalb den Koffer ungehemmt mit Büchern vollpacken kann.

Eintöniger, spannender Alltag

„Klarkommen“ von Ilona Hartmann (Park X Ullstein, 22 Euro) ist die perfekte Lektüre, sollte das Gehirn in den ersten Urlaubstagen noch im aufmerksamkeitsraubenden Tik-Tok-Modus sein. Der Roman besteht aus knappen und manchmal nur einen Satz umfassenden Kapiteln. Durch Momentaufnahmen lässt die Autorin in das Leben dreier Freunde blicken. Gemeinsam ziehen sie nach dem Abitur aus dem Dorf und die verheißungsvolle Großstadt und erleben – nichts. Ilona Hartmann verwandelt die große Langeweile, die das Erwachsenwerden eben auch mit sich bringen kann, in eine kurzweilige, sehr schlaue Lektüre.

Lars, ein 49-jähriger angehender Schriftsteller hat nur ein Ziel: endlich diese verdammte To-Do-Liste abzuarbeiten. Und wenn das geschafft ist, die Familienidylle wiederherzustellen und einen Jahrhundertroman zu schreiben. „Kleine Probleme“ (Galiani, 23 Euro) von Nele Pollatschek ist ganz und gar kein Krimi und trotzdem auf eine absurde Weise spannend.

Ina Schäfer liest im Urlaub am liebsten Bücher, in denen beruhigend wenig passiert.

Eine Reise mit auf der Reise

Eine Frau möchte kurz vor ihrem 45. Geburtstag verreisen, von LA nach New York, so ist der Plan. Doch so weit kommt die Künstlerin nicht, als sie sich an der Tankstelle in einen Mann verguckt, der ihre Autoscheibe reinigt. Die Protagonistin bleibt, anstatt weiterzufahren, was ziemlich verrückt ist. Miranda Julys dicker Roman „Auf allen vieren“ (Kiwi, 25 Euro) ist für einige das Buch des Sommers. Es ist ganz und gar schonungslos, aufwühlend, radikal, für manche verstörend, für andere sexy. Langweilig aber ist es auf keiner Seite.

Und wer im Urlaub am Herd stehen wird: das beste Kochbuch, das Sie mit in die Ferienwohnung nehmen sollten, ist „Einfach Urlaub“ (Brandstätter Verlag, 32 Euro) von Stevan Paul . Das Gute daran: Auch zuhause ist es bei uns ständig im Einsatz, weil die Rezepte so unkompliziert sind.

Anja Wasserbäch isst nicht nur gerne in guten Restaurants, sondern liest Kochbücher wie Romane.