Navid Kermani führt hinter die Barrikaden des Meinungskampfes. Foto: imago/Klaus W. Schmidt

Seit dem „Sommer 24“ hat sich die Weltlage nicht unbedingt verbessert. Wer sie verstehen will, kommt an dem neuen Roman von Navid Kermani nicht vorbei.

Selten hat jemand, der von sich erzählt, wie es gerade üblich ist, soviel von der Welt in Anschlag gebracht, in der wir gerade leben. Aber vielleicht ist Erzählen auch nur die halbe Wahrheit ebenso wie die Gattungsbezeichnung Roman, die Navid Kermani seinem neuen Buch „Sommer 24“ gegeben hat. Denn viel eher hat man es hier mit einer ans Magische grenzenden Praxis zu tun, die auf eine in unversöhnliche Positionen auseinandergefallene Wirklichkeit reagiert. Deren Bruchstellen lassen sich in Krisenherden benennen: Ukraine, Gaza, Sudan, Iran, die im Sommer 2024 noch bevorstehende Wiederwahl Donald Trumps – das Aufziehen des Endes der liberalen Demokratie.

 

Als Reporter bereist Navid Kermani die beunruhigte Welt und macht sichtbar, wovor man in ihren beruhigteren Teilen nur zu gerne die Augen verschließt. Wie seine Familie in den sechziger Jahren aus dem iranischen Isfahan nach Deutschland kam, wie man sich fühlt als oberster Islamversteher der Nation, unter welchen Bedingungen seine Reportagen entstehen, das Scheitern einer Ehe – all dies hat Kermani als gewaltige Mitschrift laufender Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven umfangreichen Romanen anvertraut. Mit der Gewissheit der verehrten Mystiker, dass noch im Nichtigsten ein Versprechen aufs Ganze lebt, sammelt er darin ein, was der Wind der Ereignisse ihm vor die Füße geweht hat.

Im Netz des Zufalls

Auch in seinem neuen Roman schaut der Erzähler sich selbst zu, um zu verstehen, wie sich gerade nicht nur die politischen Koordinaten um ihn herum verändern. Er hat sich zum Schreiben ans Mittelmeer zurückgezogen, um von einigen Begebenheiten zu berichten, Erlebnisse, „die nur durch die Gleichzeitigkeit, mithin den Zufall in einen Zusammenhang gestellt worden sind“.

Da ist der assistierte Suizid eines befreundeten jüdischen Galeristen aus München, der nach einem schweren Sturz mit seinem Leben abgeschlossen hat: „gued is“. Seine Eltern haben die Shoah überlebt, er selbst von links kommend einen langen Weg zum Judentum zurückgelegt. Doch zuletzt trug es ihn immer weiter nach rechts. Nicht nur unterschiedliche Haltungen zum israelischen Vorgehen in Gaza haben die Freundschaft belastet, sondern das ganze Paket: die Ukraine, die nach Auffassung des Galeristen endlich kapitulieren soll, Flüchtlinge, AfD-Sympathien, Klimaschutz, Trump, Europäische Union. Aber soll der Dissens wirklich das letzte Wort haben? Im Sterbezimmer nimmt sich die Welt anders aus als von den Barrikaden des gesellschaftlichen Meinungskampfes.

Auf der anderen Seite der Jugendfreund. Dessen Vater diente bei der Wehrmacht dem für den millionenfachen Mord an Juden mitverantwortlichen polnischen Generalgouverneur Hans Frank. Der Sohn wurde zu einem Prototyp dessen, was man heute „woke“ nennt. Immer auf der richtigen Seite. Allerdings hat sich seine Haltung zu Israel seit dem Gaza-Krieg so sehr radikalisiert, dass sich der Erzähler, obwohl er sich über dieses Thema selbst mit dem Galeristen überworfen hatte, fragt, warum es ausgerechnet dieser Krieg unter so vielen ist, der ihn derart aufbringt, dass Begriffe wie Apartheid, Genozid, Faschismus, Nazis, Kolonialismus, Boykott, Lobby nur so aus ihm heraussprudeln.

Seine Tochter wäre um ein Haar bei dem islamistischen Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz ums Leben gekommen. Nun heiratet sie auf einer griechischen Insel einen senegalesischen Diplomaten, die Hochzeit ein multikulturelles Freudenfest. Aber aufgrund welcher Voraussetzungen – am Ende genau der bürgerlichen Konventionen und sozialen Privilegien, die die Freunde immer bekämpft haben?

Magische Praxis

Von Griechenland reist der Erzähler nach Tigray, Schauplatz eines der grausamsten Kriege unserer Zeit. Er besucht eine Station für unterernährte Kinder, zu der auch ein Raum für Frühgeborene gehört. Das weckt die Erinnerung an seine jüngere Tochter, die ebenfalls zu früh auf die Welt kam, allerdings unter damit unvergleichlichen Bedingungen einer intensivmedizinischen Betreuung in Köln. Wie verhält sich der Zufall der Geburt zur göttlichen Gerechtigkeit?

Und dann erreicht ihn der Brief einer Frau, deren Geschichte er ohne ihr Wissen viele Jahre zuvor in einer Erzählung verarbeitet hat, und die ihm nun vorwirft, sie damit missbraucht zu haben.

Aus all diesen vom Zufall zugespielten Fäden, die im Erzähler zusammenlaufen und von ihm mit anderen Assoziationen und Erinnerungen versponnen werden, bildet sich ein bewegliches Netz, das ausgehend vom Einzelnen den allgemeinen Auflösungserscheinungen des Vertrauten entgegenwirkt. Was sich darin verfängt, sind die drängenden Fragen unserer Zeit. Aber die Weise, wie sie Kermani ins Verhältnis setzt, weist in einen Bereich, der es rechtfertigt, von einer ästhetischen, ja magischen Praxis zu sprechen.

Ihre antipodischen Priester sind der bürgerliche Thomas Mann, der in seinen Radioansprachen „Deutsche Hörer“ gegen den Faschismus Stellung bezogen hat, und der radikale französische Theatererneuerer Antonin Artaud, der auf eine unmittelbare existenzielle Erfahrung der metaphysischen Erschütterungen des Lebens zielt. Unter ihrer herbeizitierten und -beschworenen Präsenz im Text vollzieht sich etwas, was man nicht anders als ein zutiefst humanes Verständigungswunder nennen kann.

Es führt über alle Gegensätze hinaus, ohne sich im Ungefähren zu verlieren. In lichter Melancholie scheint das Buch des Friedenspreisträgers Navid Kermani in eine Zeit, die sich seit dem Sommer 24 eher noch verdüstert hat. Wohin alles führt, ist offen, aber das Moment der Besinnung im Strudel der Ereignisse muss nicht im Zauberkreis ästhetischen Erlebens verbleiben: Die Verschmelzung von Kunst und Leben besiegelt am Ende ein Spendenaufruf für die Menschen in Tigray.

  • Navid Kermani: Sommer 24.
  • Hanser Verlag. 160 Seiten, 23 Euro.
  • Erscheint am 17. Februar