Sollen Tiere Grundrechte wie der Mensch erhalten? Juristen und Philosophen ringen um eine Antwort. Sie hätte weitreichende Folgen.
Nennen wir ihn Fred. Er ist ein männliches Schwein im besten Schlachtalter und befindet sich auf seinem letzten Gang. In wenigen Minuten wird man ihn zusammen mit seinen Artgenossen in eine sogenannte Betäubungsgondel treiben, wo er so viel Kohlenmonoxid einatmen wird, dass seine Atemnot direkt in Ohnmacht übergeht. Seine Transformation in ein appetitlich dekoriertes Gebinde aus verzehrfähigem Fleisch in einem Supermarkt oder in der örtlichen Metzgerei nimmt ihren Lauf. Ein Stich in die Halsschlagader macht diesen Prozess unumkehrbar.
2022 wurden in Deutschland laut Statistik 47 Millionen Freds geschlachtet. Die Stätten, an denen sich ihr Ende vollzieht, sind oft triste Industrieanlagen, die aber mit freundlichen Cartoons lachender Schweine oder Kühe geschmückt sind. Was sollen sie uns sagen? Das da in den Stätten der Zerteilung tierischen Lebens eine große Party des Todes stattfindet? Dass das Tier möglichst gute Laune mitbringen soll, wenn sich seine Existenz erfüllt? Oder wird eine zynische Verharmlosung des Massenschlachtens plakatiert?
Letztere Frage zu stellen, könnte eine interessante Debatte initiieren. Denn wer verhöhnt wird, muss den ihm entgegengebrachten Sadismus ja erkennen. Kann ein Tier das? Hat es Gefühle, ein Bewusstsein, kognitive Fähigkeiten, kann es handeln, gar abstrahieren, Unbekanntes zu neuem zusammenfügen?
Wie rational ist das Tier?
Man könnte hier achselzuckend abwinken und sich ein Steak vom Kobe Rind gönnen – einem Tier, das im Idealfall geradezu zu Tode massiert wurde, damit keine Stresshormone geschmackliche Eintrübungen erzeugen. Allerdings ist die Sache so einfach nicht. Die Wissenschaft hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit den kognitiven Fähigkeiten von Tieren befasst. Zuletzt gab der Kognitionsforscher Ludwig Huber in seinem Buch „Das Rationale Tier“ einen Überblick über die Versuche und Erkenntnisse auf diesem Feld - eine kognitionsbiologische Spurensuche, wie der Autor sie nennt. Huber leitet als Professor das interdisziplinäre Messerli-Forschungsinstitut für Mensch-Tier-Beziehungen an der veterinärmedizinischen Universität Wien.
Das Wissen, ob Tiere rational handeln können, sei auch für den Menschen von großer Bedeutung, schreibt Huber. Schließlich umgebe er sich mit Tieren, er lebe mit und von ihnen. Zugleich sehe er sich berechtigt, das Tier in jeder Art und Weise zu dominieren und zu nutzen. Huber hält aber bereits die Rede von „dem Tier“ für eine Überheblichkeit. Sie lasse außer Acht, dass es neun Millionen Tierarten gibt (mit freilich sinkender Tendenz, könnte man hinzufügen). Dagegen würdige die moderne Kognitionsbiologie Tiere längst als Individuen und spreche gar von Persönlichkeiten, so Huber.
Die Juristin und Tierrechtsexpertin Saskia Stucki vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg stellt die These in Frage, dass nur dem Menschen grundlegende Rechte zugeschrieben werden – mit der Begründung, nur der Mensch sei ein vernunftbegabtes, zur Selbstbestimmung fähiges Wesen. Wie sei es dann zu rechtfertigen, dass auch nicht vernunft- oder urteilsfähigen Menschen die gleichen Rechte zugesprochen werden? Ihnen diese Rechte zu nehmen, sei natürlich undenkbar, schreibt Stucki in ihrem 2016 erschienen Buch „Grundrecht für Tiere“, und fährt fort: „Die Ausweitung der Rechtsfähigkeit über den Menschen hinaus wäre also die nächste Stufe eines humanistischen und zivilisatorischen Prozesses der Inklusion – angefangen bei ausgegrenzten Menschen und sich fortsetzend bei Tieren.“ Die Juristin plädiert in ihrem Resümee für eine Neupositionierung von Tieren als Rechtssubjekte und Rechtsträger, anerkennt aber die gesellschaftlichen Probleme, die damit einhergehen.
Ähnlich der Philosoph Georg Töpfer. Er weist darauf hin, dass im Verlauf des 20. Jahrhunderts die Unterscheidung von Mensch und Tier immer weicher wurde. Tieren wurde nicht nur Sprache, Geist und Kultur zugeschrieben, sondern auch Bewusstsein, Sozialverhalten und Freiheit. Für ihn ist die Grenze zwischen Mensch und Tier weiterhin relevant, besonders im ethischen und rechtlichen Kontext. Sie könne aber kaum noch mit klaren Begriffen begründet werden.
Sollen also Menschenrechte auch auf Tiere übertragen werden? Und wenn ja auf welche? Diese Frage zu stellen, heißt auch, den Umgang von Menschen und Tieren neu zu denken. Es geht dann um die banale Frage, wie wir Tiere behandeln sollen.
In der EU sind etwa Versuche an Primaten streng reglementiert. Laut dem Deutschen Primatenzentrum (DPZ) ist es im Bereich der Infektionsforschung nur dann erlaubt, einen neuen Forschungsansatz zu Viren oder Bakterien am Tier zu testen, wenn alle Alternativmethoden zur Überprüfung ausgereizt sind. Meist werden Rhesusaffen infiziert, die laut dem DPZ nicht länger mit der Krankheit leben müssen als unbedingt notwendig. Am Ende werden sie in der Regel eingeschläfert.
Das heißt: Das Leid des Tiers muss in einem Verhältnis zum Nutzen stehen. Das gilt für Affen, Ratten oder Kühe, funktioniert aber nur, wenn man Tiere als nützliche Verfügungsreserve betrachtet. Der bereits erwähnte Kognitionsforscher Ludwig Huber erweist sich da als Spielverderber, indem er auf Experimente verweist, in denen Ratten enorme Verstandesleistungen erbringen. Sie seien nicht nur klug, sondern sogar „prosozial“. Das heißt, „sie befreien ihre Artgenossen aus Käfigen und verzichten dafür auf Süßigkeiten“. Studien aus der Schweiz zeigen, dass Kühe oft „beste Freundinnen“ haben – stehen sie mit ihnen zusammen im Stall oder auf der Weide, geht es ihnen besser, was sich übrigens in der „Produktion“ von Milch zeigt. Ist es also gerechtfertigt, sie qualvoll zu halten oder zu schlachten? Ein Leben ohne Fleischkonsum oder Milch ist nicht gesundheitsschädigend, während der Verzicht auf Tierversuche möglicherweise die Bekämpfung von schlimmen Krankheiten verhindert. Dennoch mag es viele Fleischesser geben, die lautstark gegen Tierversuche ins Feld ziehen.
Das kognitive und emotionale Vermögen des Tiers unterscheidet aber nicht, zu welchem Zweck es missachtet wird. Folgt man den utilitaristischen Philosophen wie Jeremy Bentham, ist das zentrale Kriterium für den Umgang mit Tieren deren Empfinden von Schmerz. Benthams Schlussfolgerung wird häufig zitiert: „Die Frage ist nicht: Können Tiere vernünftig handeln? Oder: können sie sprechen? Die Frage ist nur: empfinden sie Leid?“ Mittlerweile weiß man, dass auch Fische oder Krabben schmerzempfindlich, höhere Wirbeltiere sogar leidensfähig sind. Leiden geht über den basalen Schmerz hinaus – es löst Angst, Beklemmung oder Frustration aus – ja vielleicht sogar Langeweile oder Einsamkeit.
Eines der faszinierendsten Experimente dazu schildert Huber in seinem Buch am Beispiel von Schweinen auf einer Farm der Messerli Stiftung. Bei artgerechter Haltung waren die Tiere in der Lage, menschliche Gesichter am Computer zu unterscheiden, und nach Anleitung ihrer Mutter Kisten zu öffnen, um an die dort verborgenen Apfelstücke zu gelangen. Sie konnten sogar Konkurrenten bei der Futtersuche austricksen.
Der menschliche Reflex, Lebewesen, denen er Leid zufügt, verminderte geistige Fähigkeiten zuzusprechen – gipfelnd in Formulierungen wie „Dummes Schwein“ – wird also ad absurdum geführt. Schweine sind nicht dumm und auch der Mensch kann sich aufgrund der Erkenntnisse der Forschung nicht dümmer machen als er ist. Er muss reagieren, sicher Geglaubtes in Frage stellen, Ansichten überprüfen. Das immerhin unterscheidet ihn vom Tier.
Doch seien wir ehrlich: Dagegen stehen Gewohnheiten, Genüsse, kulturelle Traditionen wie die Jagd, Bilder, Düfte und sensorische Erlebnisse, die den Menschen geprägt haben. Es ist der Geruch der sich ausbreitenden Röstaromen in der Pfanne, es ist das rosige Fleisch des kross angebratenen Thunfischfilets oder die mürbe Textur einer Lammschulter, die stundenlang im Ofen garte. Es ist auch die Erregung, einen Hirsch in der Zieloptik des Präzisionsgewehr zu sehen und mit einer Krümmung des Fingers über Leben und Tod zu entscheiden. Der Abschied von der Zurichtung des Tiers als Jagdtrophäe oder Proteinlieferant wäre eine kulturelle Zäsur. Vermutlich würde sie unsere Gesellschaft überfordern.
Es kann also unangenehm sein, Dinge zu Ende zu denken. Der Schweizer Jurist und „Berater für das Tier im Recht und in der Ethik“, Antoine F. Goetschel, lädt dennoch dazu ein: Die Begründung, warum das Tier im Recht eine bessere Position erhalten soll als bisher, sei fundamental, so Goetschel. Eine ethische Fundierung unabdingbar. Die dafür zuständigen gesellschaftlichen Institutionen müssten diese Arbeit leisten.
Die rechtliche Vorarbeit dagegen scheint geleistet. Saskia Stucki bringt die Notwendigkeit einer Neukonzeption des Rechtsstatus von Tieren auf den Punkt: „Tiere brauchen Rechte, weil sie von Natur aus verletzlich und schutzbedürftig sind. Das Problem ist, dass die geltenden Tierschutzgesetze keinen genügend starken Schutz gewährleisten.“ Dabei gebe es Rechte, die fundamentale Interessen schützen – Interessen, die der Mensch mit dem Tier teilt. Dazu zählten die körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Leben.
Der Mensch kann sich nicht vor dem Nachdenken drücken
Grundrechte für Affen, Rinder und Schweine? Vielleicht brauchen wir einfach noch ein wenig Zeit zum Nachdenken über das Tier als Rechtssubjekt. Diese Reflexion über das komplexe Zusammenspiel mit dem Tier kann man dem Menschen nicht abnehmen. Es gibt keine Exkulpation für intellektuelle Trägheit. Und logischerweise müsste aus dem Wissen das Handeln erwachsen. Denn wie Huber schreibt: „Wissen ohne Handeln ist verantwortungslos.“
Dieses Handeln würde auch eine neue Art des Sprechens über Tiere beinhalten. Die preisgekrönte Essayistin Maxi Obexer sieht in unserer Sprache ein tiefes Machtverhältnis und eine klare Abgrenzung zum Tier. Auch um das Thema Schuld könne sich der Mensch nicht herumdrücken. „Denn wir werden ihnen immer etwas schuldig bleiben.“ In einem angemessenen Sprechen über die Tiere müsste es darum gehen, die richtige Dimension zu finden, also „uns Menschen in ein wahreres Verhältnis mit den Tieren zu bringen“.
Für das Schwein Fred kommen all diese Überlegungen zu spät. Er wurde längst einer technisierten und präzise arbeitenden Verwertungsmaschine zugeführt. Seine letzten Gedanken aber würde man gerne erfahren.