Conrad Gröber im Juni 1934 vor dem Freiburger Münster Foto: /Erzbischöfliches Ordinariat Freiburg

Linke Cancel-Culture oder längst überfällige Korrektur im Sinne der politischen Hygiene? In Konstanz soll Erzbischof Conrad Gröber, genannt der Braune Conrad, endlich aus dem Straßenbild verschwinden.

Es ist Silvester, und die Gläubigen strömen ins Freiburger Münster. Bis zu 2000 Menschen finden sich dort ein, wenn der Erzbischof Conrad Gröber predigt. Und er predigt lange, zwei Stunden sind keine Seltenheit. Doch die Menschen hängen an seinen Lippen – auch an diesem Abend in der kalten Kathedrale.

 

Keine vier Monate ist es her, dass an der deutsch-polnischen Grenze „zurückgeschossen wird“, wie es damals in schamloser Verkehrung der tatsächlichen Umstände aus den Volksempfängern dröhnt. Er wolle sich nicht in die Politik einmischen, sagt Gröber – und tut es doch. Denn als „Bischof einer großen Erzdiözese“ müsse er „die Wahrheit sagen“. Die anwesenden Spitzel der Gestapo, so erzählt man sich später, fordert er in solchen Situationen auf, „genau die Ohren zu spitzen“. Oft heiße es „unsere Religion ist Deutschland“, sagt Gröber und versichert: Auch die Katholiken glaubten an Deutschland. „Aber dieser Glaube genügt uns nicht.“ Es ist eine Provokation, für manche gar „Wehrkraftzersetzung“.

Gröber verurteilt die „Euthanasie“

Conrad Gröber, der Held! Es ist nicht so, dass Mathias Trennert-Hellwig ein solch unkritisches Bild heute noch propagieren würde. Der katholische Dekan am Münster in Konstanz weiß um Gröbers Zwiespältigkeit. Natürlich kennt er den Beinamen, den ihm der Volksmund schon damals verpasst hat. Brauner Conrad hieß er da, weil er sich den neuen Machthabern besonders anbiederte. „Bei der gewaltigen Aufgabe, die Ihnen obliegt, stelle ich mich als Oberhirte der badischen Katholiken rückhaltlos auf Ihre Seite“, versprach er Robert Wagner, dem badischen Reichsstatthalter im Mai 1933.

Es gab auch den anderen Gröber: Im selben Jahr spricht er sich – „mit Rücksicht auf Schuldlose und Convertierte“ – als einer der wenigen für ein klares Wort der Bischofskonferenz gegen die Aufrufe zum Judenboykott aus. 1939 gehört er zu den Ersten, die gegen die „Euthanasie“, den staatlich angeordneten Krankenmord, protestieren. Wenn es nur ums Geld gehe, könne die katholische Kirche doch Kost und Logis für die Betroffenen übernehmen, schlägt er vor.

Wären doch nur auch andere so mutig gewesen, wäre der Welt vielleicht manches erspart geblieben, findet Trennert-Hellwig. Dass Gröber, der von 1905 bis 1931 selbst Pfarrer in Konstanz war und dort als Münsterrestaurator, Seelsorger und Redner einen tiefen Eindruck hinterlassen hat, nun regelrecht aus dem Stadtbild getilgt werden solle, sei lachhaft. Diese „linke Cancel-Culture geht zu weit“. Der Streit dreht sich um ein 150 Meter langes Straßenstück, das vom verkehrsreichen Sternenplatz am Bahndamm entlang bis zur Seestraße führt, der schönsten Promenade von Konstanz. Bis 1945 hieß sie Adolf-Hitler-Ufer, doch das nur am Rande.

Die nach Gröber benannte Querstraße trägt ihren Namen seit den 1950er Jahren. Damals war Gröbers Ruf noch unbestritten. Als der damalige Oberbürgermeister die Benennung vorschlug, erntete er bei den Fraktionen einhellige Zustimmung. „Die Voraussetzungen für eine Umbenennung liegen grundsätzlich vor“, lautet nun das Urteil der gemeinderätlichen Straßenneubenennungs-Kommission. Auch der damalige OB soll seine Gasse verlieren. Er war an Arisierungen beteiligt, wie man heute weiß.

Charismatisch, volksnah, impulsiv

Es ist nicht leicht, Gröber gerecht zu werden. Der 1872 im badischen Meßkirch geborene Handwerksohn wird als charismatisch, volksnah und impulsiv beschrieben. Er liebte das Bad in der Menge. „Die überreichen Register des Orgelwerks seiner Seele“ reichten „von zartesten leisesten Tönen bis zu den apokalyptischen Posaunen“, formuliert es ein wenig schwulstig ein Biograf.

Gröber ist geprägt durch den Kulturkampf, dem die katholische Kirche in Baden im 19. Jahrhundert besonders ausgesetzt ist. Dies bestimmt sein Verhalten gegenüber dem Nationalsozialismus, dessen Machtübernahme er als legal beurteilt. Mit einem Konkordat will er die Stellung der katholischen Kirche sichern. Dem ordnet er vieles unter. An der nationalen Zuverlässigkeit der Katholiken will er keinen Zweifel aufkommen lassen. Auch deshalb wirft er sich dem neuen Regime an den Hals. Im Religionsunterricht macht er den „Hitlergruß“ zur Pflicht. Aber auch das: Im Anschluss sollen die Schüler einen katholischen Gruß – etwa „Gelobt sei Jesus Christus“ – sprechen.

Auch sonst geht Gröber voraus. 1934 tritt er gar in die SS ein – nicht in die Polizei- und Kampforganisation, sondern in den Förderverein. 10 Mark beträgt der monatliche Beitrag, später sollen es 30 Mark gewesen sein, sagt Wolfgang Proske. Der Geschichtslehrer aus Gerstetten ist Träger der Staufermedaille des Landes, er hat zahlreiche Täter, Helfer und Trittbrettfahrer aus ganz Baden-Württemberg porträtiert und eine gleichnamige Buchreihe herausgegeben. In einem französischen Archiv hat er Gröbers Mitgliedskarte, Nummer 400 609, ausfindig gemacht. Selbst als die SS Conrad Gröber nicht mehr habe haben wollen, sei er nicht ausgetreten, sagt Proske. 1938 entfernte ihn der Reichsführer SS Heinrich Himmler schließlich höchstpersönlich aus der Kartei.

Gröber, so stellt Proske als Ergebnis seiner Forschungen fest, sei ein entscheidender Faktor gewesen, um den Nationalsozialismus im überwiegend katholisch geprägten Baden zu etablieren. Und er verweist auf Gröbers Karfreitagspredigten. Manche Sätze erinnerten in ihrer Schärfe „an Joseph Goebbels und Julius Streicher“. Über die „abstoßende Heimtücke der Pharisäer“ spricht Gröber dort, die sich „als Christi Erz- und Todfeinde“ entpuppten.

Der Fall Josef Metzger

Doch selbst seinen eigenen Leuten sei Gröber nur halbherzig beigestanden, sagt Proske. Wichtigster Beleg ist der Fall von Max Josef Metzger. Weil er ein „Friedensmanifest“ veröffentlichte, verurteilte der Volksgerichtshof den Diözesanpriester zum Tod. Er bedauere zutiefst dessen „politische Verbrechen“, schrieb Gröber an den Volksgerichtspräsidenten Roland Freisler. Er bitte dennoch darum, Metzger, den er vom Knabenkonvikt Konradihaus in Konstanz kannte, zum „Heldentod an der Front“ zu begnadigen.

War das Ausdruck seines Zynismus und Opportunismus oder doch das Einzige, was überhaupt nach realistischer Einschätzung für Metzger noch zu erreichen war? Dass Gröbers Bedauern taktischer Natur gewesen sein könnte, hält zumindest Dominik Burkard für eine wahrscheinliche Variante. Auch der aus Rottweil stammende Würzburger Kirchenhistoriker forscht über Gröber – und er warnt vor vorschnellen Urteilen. „Man muss doch immer fragen, mit welcher Intention spricht wer was.“ Wenn man das und die zeitlichen Umstände nicht berücksichtige, gerate man in die Gefahr der Geschichtsfälschung. Auch für die antisemitische Karfreitagspredigt hat er eine Erklärung. „Die anitjudaistische Gottesmordthese entsprach dem katholischen Mainstream jener Zeit“, sagt Burkard. „80 Prozent der Karfreitagspredigten klangen so.“

Die Nazis betrachteten Gröber übrigens keineswegs als Verbündeten. Er sei ein „verbissener Gegner von Staat und Partei“, der „immer wieder den katholischen Volksteil in Baden in demagogischer Weise“ aufhetze, schrieb der Reichskirchenminister Hanns Kerrl 1941 an die Reichskanzlei.

Ging es Gröber nur um die Erhaltung der katholischen Organisationen? Oder stand er auch unter großem Druck? Fest steht, dass er überall scheiterte, wo er versuchte, sich mit dem Regime zu arrangieren. Auch für Metzger konnte er nichts erreichen. Er wurde im April 1944 hingerichtet. Wie all das zu beurteilen ist, scheint am Ende auch eine Glaubensfrage zu sein. Burkard sei ja als katholischer Kirchenhistoriker nicht unbefangen, sagt Proske. Umgekehrt merkt Burkard an, dass sein Widersacher als Autor eines Ratgebers für konfessionslose Lehrer auch aus einem gewissen Hintergrund argumentiere.

Die Sache scheint klar

In Freiburg trägt die entsprechende Gasse beim Münster seit einigen Jahren einen erläuternden Zusatz: Gröber habe anfänglich den Nationalsozialismus begeistert begrüßt, dann aber gegen die Euthanasie protestiert. Und Konstanz? Früher gab es in der Stadt noch eine katholische Lobby. Doch die gibt es längst nicht mehr. Eine Befragung der betroffenen Anwohner ergab kaum Widerspruch gegen die Umbenennung. Dennoch zog Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) die Vorlage kurzfristig zurück. Es gebe noch Klärungsbedarf – nicht bezüglich der Beurteilung von Conrad Gröber, sondern wegen der vorgeschlagenen neuen Namen. Die Sache scheint klar. „Ich kämpfe da nicht mehr“, sagt Münsterdekan Trennert-Hellwig. Kirchenhistoriker Burkard aber kündigt in der alten Diskussion schon einmal neue Erkenntnisse an. „Konstanz blamiert sich bis auf die Knochen“, prophezeit er.