„Essen neu denken“ in Nürnberg Soldatenfliege oder Laborfleisch? Was wir in Zukunft essen

Ulla Hanselmann
Der Burger von morgen ist garantiert pflanzlicher als der von heute: So wirbt das Zukunftsmuseum für die Ausstellung „Essen neu denken“. Foto: Daniel Karmann/DMN/KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Essen ist elementar – aber was kommt in 20 oder 50 Jahren auf unsere Teller? Und wie werden die Lebensmittel produziert? Eine spannende Ausstellung gibt Antworten.

Mit dem Essen ist es wie mit dem Wetter – dazu hat jeder und jede etwas zu sagen. Übers Essen reden, das geht immer. Aber was futtern wir eigentlich in 20 oder 50 Jahren? Hat auf diese Frage auch jeder eine Antwort parat? Vielleicht eher nicht. In dem Fall hilft ein Besuch des Zukunftsmuseums in Nürnberg. Die Dependance des Deutschen Museums in München hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten von morgen zu erzählen, zu zeigen, wo Technologie und Denkweisen die Menschheit hinführen könnten.

 

Nun vertieft das Haus das Thema Ernährung in der Sonderausstellung „Essen neu denken. NewFoodSystems“ und trifft damit einen Nerv. Essen ist eine zentrale Zukunftsfrage, geht es doch darum, wie der Planet seine Bewohner in den kommenden Dekaden angesichts von globaler Erwärmung und bedrohter Umwelt nachhaltig ernähren soll, ohne sich selbst dabei zugrunde zu richten.

Algenlimo oder Insektennudeln? Spannende Alternativen im Zukunftsmuseum

Klar, dass die technologischen Aspekte der zukünftigen Lebensmittelproduktion in einem Technikmuseum viel Raum erhalten. Doch bei der Entscheidung vegan oder Tier, Algenlimo oder Insektennudeln geht es um mehr als nur um Anbaumethoden, Nährstoffgehalt und Klimaverträglichkeit. Die menschliche Nahrungsaufnahme folgt Vorlieben, Routinen, Trends, sie hat immer eine kulturelle, emotionale und soziale Dimension. Gefühl, Erinnerung, Kindheit bestimmen eben mit, was mundet und was nicht.

So sieht ein Social-Media-optimierter Speiseteller aus. Foto: Daniel Karmann/DMN

Zum Auftakt dürfen die Besucher daher ihr Wohlfühlessen auf Post-its schreiben. „Pizza, Schoki, Eis“ steht da. Oder: „vegan“. Du bist, was du isst, und du isst, was du bist. Das ist zwar eine Binsenweisheit, aber wahrer denn je, seit Instagram, Tiktok und Konsorten mit am Tisch sitzen, heute und garantiert auch noch morgen. Ein finnisches Gourmetrestaurant hat deshalb den Social-Media-optimierten Speiseteller konzipiert: Der ist vorn mit einer Halterung fürs Smartphone ausgestattet. Also Handy reinstellen, ein Klick, und das Foto vom optisch perfekt inszenierten Dessertgang kann möglichst viele Likes einsammeln.

Der Gelbe Mehlwurm darf schon auf den Tisch kommen

Nach diesem Amuse-Gueule wird es gleich um einiges technischer, und die Schau erkundet „Essen auf neuen Wegen“. Doch so zukünftig kommt das, was als Hauptgang aufgetischt wird, im Grunde gar nicht daher. Ressourcenschonung und Abfallvermeidung ist ja schon heute das Ziel und bedeutet die Komplettverwertung von Rohstoffen. Beispiel Hanfpflanze: Aus den Stängeln wird Baumaterial zum Dämmen, aus den Samen Öl oder Presskuchen, und letzterer taugt als Futtermittel für Insekten – womit man beim Gelben Mehlwurm ist, der zu den bereits in der EU zugelassenen Speise-Insekten zählt. In der Beantragung befinden sich: die Schwarze Soldatenfliege oder die Kurzflügelgrille.

Nicht ganz neu ist die These, dass Insekten in Bälde auch in der westlichen Hemisphäre häufiger in Speisekammern zu finden sein werden, genauso wie Schmackhaftes aus schnell wachsendem Pilzmyzel, dem Wurzelwerk von Pilzen. Dank seiner faserigen Struktur und seines würzigen Geschmacks peppt es Fleischalternativen auf. Den Möglichkeiten, auf das Verzehren von Tieren, vor allem Rindern, zu verzichten, räumt die Schau einigen Platz ein, wiewohl man die Besucher nicht in eine bestimmte Richtung lenken wolle, wie die Kuratorin Jana Grasser betont. Die Diagramme, die zeigen, wie Treibhausgasemissionen, Land- und Wasserverbrauch bei der Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch im Vergleich zu Erbsen aussehen, sprechen aber für sich.

Also gehört dem Laborfleisch, das auf pflanzlichen Trägerstrukturen wächst, die Zukunft, wie es bereits sehr teuer von Start-ups produziert wird? Oder doch eher pflanzlichen Proteinen, aus denen dann auch die Pelle für die vegane Wurst besteht? Der typische knackige Biss ist bislang allerdings noch ein Wunschtraum der Wissenschaftler.

Austausch mit Besuchern in Nürnberg erwünscht

Miniaturmodell einer vertikalen Farm, die kontrollierte Bedingungen für den Anbau von Pflanzen ermöglicht Foto: Daniel Karmann/DMN

Auch neue Anbausysteme wie vertikale Farmen für Salat oder Kartoffeln, Garnelenzuchtstationen an Land oder Mikroalgen-Reaktoren werden vorgestellt. Die Krux der Ausstellung wird hier besonders deutlich: Echtes Essen können Museumsleiterin Marion Grether und ihr Team freilich nicht anrichten. Aber es ist schon etwas unsinnlich, wenn man von der Salatfarm nur ein Miniatur-Kunststoffmodell zu sehen und das In-Vitro-Fleisch mittels Utensilien wie aus dem Chemiesaal präsentiert bekommt. Immerhin hat man versucht, den Stoff in leicht verdaulichen Häppchen zu präsentieren und durch interaktive Stationen in den Austausch mit den Besuchern zu treten. Schön unterhaltsam wird es zum Ausklang, wenn in dem Abriss des Geschmackswandels von 1950 bis heute die soziokulturelle Dimension von Essen im Vordergrund steht. Jüngere dürften sich die Augen reiben, wenn sie vom Siegeszug der Dosenravioli und der Erfindung des Müsliriegels erfahren.

Staunen über den Siegeszug der Dosenravioli

Was der Schau ein wenig abgeht, sind Aha-Momente und ein Augenzwinkern. Gut, dass man beim Hinabsteigen in Richtung Ausgang in der Dauerausstellung an dem Bereich vorbei kommt, der um Ernährungsfragen kreist. Die Installation „Aufgetischt“ zeigt, welche Speiseideen etwa das Science-Fiction-Genre bereithält. Wir greifen uns aus den Tellerchen jenes mit „Soylent Green“ heraus, ein Lebensmittel aus dem Film „. . . im Jahr 2022 . . . wenn wir überleben wollen“ von 1973, wie die digitale Drehscheibe informiert. Die Dystopie führt in ein überbevölkertes New York, in dem natürliche Nahrung Luxus ist. Die verarmten Massen werden vom Konzern Soylent Industries mit künstlichen Plättchen abgespeist. Besonders begehrt, weil eiweißreich: die Sorte „Soylent Green“. Hauptbestandteil: Menschenfleisch.

Die Ausstellung „Essen neu denken“

Forschung
Der Untertitel der Ausstellung, „NewFoodSystems“, verweist auf den Haupt-Inputgeber, den „Innovationsraum NewFoodSystems“, in dem, gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, an neuen Lebensmittelsystemen gearbeitet wird. Was in Nürnberg präsentiert wird, speist sich aus den Ergebnissen von rund 20 Forschungsprojekten, die sich etwa mit der Verwertung von Reststoffen oder pflanzlichen und zellbasierten Fleischalternativen beschäftigen.

Schau
„Essen neu denken. NewFoodSystems“. Bis 1. März 2026. Deutsches Museum Nürnberg – Das Zukunftsmuseum, Augustinerhof 4, Nürnberg. Geöffnet Di–Fr 9–17, Sa und So 10–18 Uhr. Infos unter www.deutsches-museum.de/nuernberg .