In Bad Rappenau geht in wenigen Tagen eine besonders große Solarthermieanlage ans Netz. Sie optimiert das Geschäftsmodell, das sich der private Energieproduzent Manfred Bauer schon vor Jahren ausgedacht hat.
Manche verstehen zunächst nicht, warum die Anlage ausgerechnet am Ende des Sommers ans Netz geht. Also dann, wenn die kürzeren Tage den Ertrag an Sonnenenergie schmälern. Manfred Bauer winkt ab; es sei so gewollt, dass die Lastwagen aus Finnland die Solarthermie-Module in der warmen Jahreszeit bei ihm auf seinem Feld in Bad Rappenau abladen. Bei Matsch- und Winterwetter werde hier kein Modul in den Boden gerammt. „Das wäre eine Schlammschlacht.“ Leider war dieser Sommer dann auch arg verregnet, an manchen Tagen pausierte die Baustelle wetterbedingt.
Etwa drei Viertel der Solarthermie-Fläche stehen inzwischen. Untendrunter kommt eine Blühwiese. „Wir haben dann sogar mehr Ökopunkte als vorher“, sagt Bauer und meint im Vergleich zum früheren landwirtschaftlichen Acker. Wenn die Anlage im September ans Netz geht, ist sie mit ihrer Leistung von 20 Megawattpeak die zweitgrößte ihrer Art in Deutschland. „Kurzzeitig“, sagt Bauer und lacht. „Da tut sich ja gerade so viel.“ Die größte Solarthermieanlage befindet sich derzeit in Leipzig.
Kein Holz mehr verbrennen, wenn sie Sonne scheint
Und auch wenn seine neue Anlage sich dieses Jahr schon bald wieder in die Winterpause verabschiedet, so verbessern die Aussichten für 2025 die Laune von Manfred Bauer schlagartig. „Jetzt verbrennen wir gerade Holz, obwohl die Sonne scheint“, sagt der 58-Jährige mit Blick zum Himmel. „Das machen wir nächstes Jahr nicht mehr.“ Weil dann die Solarthermie sein Konzept optimiert. Weil es auch im Sommer dunkel wird oder regnet, ist ein 8000-Kubikmeter-Speicher vorgesehen , „damit wir trotzdem autark sind“.
Vor 15 Jahren sind Manfred Bauer und sein Bruder Bernd ins Energiegeschäft eingestiegen. Der Betrieb mit seinen 80 Mitarbeitern versorgt Stand heute Abnehmer in vier umliegenden Ortschaften mit Fernwärme, zu 70 Prozent produziert aus Altholz, zu 30 Prozent aus der Abwärme der Blockheizkraftwerke, diese verstromen Kompostabfälle aus zwei eigenen Biogasanlagen und einer landwirtschaftlichen Biogasanlage. Insgesamt gebe es aktuell 400 Anschlüsse an dem circa 25 Kilometer langen Netz, im Jahr kämen zehn bis 20 neue dazu. Das Fernwärmenetz hat die Firma Bauer übrigens auch gleich selbst gebaut. „Wir haben gesagt: Baggerfahrer haben wir eh“, sagt Manfred Bauer. Und wenn man es selbst mache, wisse man sicher, dass es „gescheit gemacht“ sei.
Dächer fast vollständig mit Photovoltaik belegt
Der einstige Bauernbub ist ein Umsetzer, der sich als Energiewender bezeichnet; weil er sicher ist, dass es zu schaffen ist. Diese Sprache spricht nicht nur das neue Solarthermiefeld, das künftig im Sommer die Biomasse ersetzt und in das zehn Millionen Euro Investitionskosten geflossen sind. Die Dächer auf dem Betriebsgelände sind fast vollständig mit Solarmodulen belegt – insgesamt 2,5 Megawattpeak. Die Energie versorgt unter anderem die Schnellladesäulen, die vier reinelektrisch betriebenen Lastwagen sind nach einer Stunde voll und können damit 250 Kilometer fahren.
Bald hat Manfred Bauer noch mehr Sonnenstrom, sobald die Module auf der neuen Halle ans Netz gehen. Sie werden momentan installiert. Und gleich neben der sechs Hektar großen Solarthermieanlage ist eine Freiflächensolaranlage auf vier Hektar geplant mit vier bis fünf Megawattpeak. Einen Teil will er verkaufen, über ein direkt gelegtes Kabel. Mit einem anderen Teil sollen zum einen die Blockheizkraftwerke irgendwann Geschichte sein, zum anderen soll ein Elektrolyseur Wasserstoff herstellen.
Biogas zu biogenem Gas veredeln
Damit ist die Geschichte jedoch immer noch nicht zu Ende erzählt. Denn perspektivisch wollen sie im Sommer, wenn es an Energie nicht mangelt, das Biogas zu biogenem Gas veredeln, das dann im Gasnetz gespeichert werden kann. „Wir wäre ab Frühjahr 2025 bereit“, sagt er. „Aber der Gasnetzbetreiber ist erst Frühjahr 2026 so weit, dass er unser Gas aufnehmen kann.“
Während er zwischen den neuen Solarthermiemodulen auf einem Klappstühlchen sitzt und Kaffee trinkt, sagt er: „Das ist alles nicht kompliziert, sonst könnten wir es nicht machen. Man muss nicht Einstein sein.“ Und man könnte noch viel mehr tun, „aber nicht alles ist gut“. Er meint damit vor allem den Dorffrieden. Manche müssten sich an die Module erst gewöhnen. Und daran, dass der Pionier jetzt Sonne statt Mais erntet.
Solarthermie als Energiequelle
Ausbau
Der Ausbau von Solarthermieanlagen entwickelt sich laut dem Steinbeis-Forschungsinstitut Solites sehr dynamisch in Deutschland. Stand Ende Mai seien 58 Anlagen an Wärmenetzen in Betrieb gewesen. Gut ein Dutzend sei in der Planung. Man gehe davon aus, dass das Wärmeplanungsgesetz der Solarthermie einen weiteren Schub geben werde.
Best Practice
Die Stadt Hechingen (Zollernalbkreis) baut eine Anlage, um ein neues Quartier mit Wärme zu versorgen: 70 Prozent soll die Solarthermie liefern, den Rest Erdwärmesonden und Wärmepumpen. In einem Speicherbecken mit 18 000 Kubikmeter soll die Wärme im Sommer für den Winter gespeichert werden. In Ammerbuch-Breitenholz (Kreis Tübingen) versorgt eine neue Anlage seit vergangenem Winter 150 von 250 Gebäuden mit Fernwärme – mit Energie aus übers ganze Jahr gesehen zu 65 Prozent aus Holzhackschnitzeln und zu 35 Prozent aus Solarthermie. (ana)