Buh-Rufe und Pfiffe in der Gemeinderatssitzung – noch bevor die Stadträte Villingen-Schwenningens ihre Stimme für oder wider den Solarpark bei den Bertholdshöfen abgeben können, kochen die Emotionen hoch.
„Ich finde das Solarprojekt, das da angedacht ist, zwar gut, aber nicht an dieser Stelle“ – damit sprach eine Zuhörerin in der Bürgerfragestunde des Gemeinderats Villingen-Schwenningen aus, was viele der rund 200 Bürger dachten, die wegen des Vorhabens auf den Bertholdshöfen erschienen waren. Könne das nicht auf der anderen Seite, etwa bei der Gaskugel, realisiert werden?
Im Verwaltungsausschuss der Vorwoche hatte die Mehrheit der Stadträte die Pläne bereits für gut befunden und dem Gemeinderat eine Zustimmung empfohlen. Doch bevor die Stadträte in der Neuen Tonhalle am Mittwochabend zur Tat schreiten konnten, hatten sie das Wort: Gegner und Kritiker des Vorhabens, die außerordentlich zahlreich erschienen waren.
Aber bitte „nicht hier“
Zwei von ihnen nutzten die Gelegenheit, ihre – kritische – Sicht der Dinge, etwa das Fehlen ausreichender Netzinfrastruktur oder ihre Sorge um landwirtschaftlich genutzte Fläche oder den bisherigen Erholungswert an dieser Stelle, auch über das Mikrofon kundzutun.
„Ich glaube, wir liegen da gar nicht weit auseinander“, fand dennoch der Stadtwerke-Chef Gregor Gülpen mit Blick auf den Hinweis in einer Wortmeldung, dass der notwendige Netzausbau, den man etwa für die erwünschte E-Mobilität benötige, viel zu langsam vorankomme. Denn, so Gülpen, auch er sehe, dass der Ausbau „schleppe“ – und mit dem Solarprojekt habe man die Chance, jetzt einen guten Sprung nach vorne zu tun. Gülpen zeigte sich verständnisvoll ob der Sorgen, die beispielsweise Anlieger oder der Bauern, „und das meine ich nicht sarkastisch“. Und doch sei er nun hier, um seinen Job zu tun und für das Vorhaben der Stadtwerke zu sprechen. Der Kurs sei glasklar: Mittelfristig benötige VS „70 Prozent mehr Strom als wir heute haben“, so Gülpen. Aufgabe jeder Gemeinde sei es, eine entsprechende Versorgungslandschaft zu gestalten.
Klimaneutralität im Fokus
Die Doppelstadt wolle bis 2035 klimaneutral werden – „das ist der Auftrag, der an die Stadtwerke ging“. Aktuell sei man in VS erst bei neun Prozent erneuerbarer Energie – man habe nun die Chance, „von neun auf 18 Prozent“ zu kommen, wohingegen man für die bisherigen neun Prozent 20 Jahre gebraucht habe. Dass der Standort für die SVS der richtige sei, betonte Gülpen mehrfach – unter anderem liege er genau zwischen Villingen und Schwenningen und böte somit die Möglichkeit, den Strom überall dorthin zu bekommen, wo er benötigt werde. Es gehe, betonte er, um die Versorgung von 88 000 Menschen – und die Stadtwerke hätten die Aufgabe, diese sicherzustellen. „Wir reden über weniger als ein Prozent landwirtschaftlich genutzter Fläche gegenüber neun Prozent mehr erneuerbare Energie.“
Stadträte sind gespalten
30 Hektar grüne Wiese sollen gewerblich zur Stromproduktion umfunktioniert werden, so der Plan. Ein Vorhaben, in dem auch in der Brust manchen Stadtrats zwei Herzen schlagen. Deutlich wurde das in der Stellungnahme von CDU-Sprecher Dirk Sautter. „Wir möchten nicht die PV gegen die Kartoffel tauschen“, betonte er – seine Fraktion habe sich deshalb mehrheitlich dazu entschlossen, den Plänen „heute nicht zuzustimmen“.
Steffen Ettwein von den Freien Wählern betrachtete das Thema auch aus wirtschaftlicher Sicht – auch hier werde Strom benötigt. Das Projekt sei schnell umsetzbar und geeignet, dass Villingen-Schwenningen damit selbst für seine eigene Energie sorgen könne. „Irgendwo müssen wir es machen.“ Die Freien Wähler befürworteten das Vorhaben, so Ettwein, der sich damit hämische Kommentare einhandelte und von Zuhörern in der Ausübung seines „Ehrenamts“ gestört fühlte.
Beifall hingegen gab es nach der Rede von Anita Schaumann, AfD, die sich mit ihrer Fraktion ebenfalls auf die Seite der Gegner des Solarparks schlug und generell den eingeschlagenen Kurs anzweifelte – es gebe Dunkelflauten und viele andere Unsicherheitsfaktoren.
Vom Ruf nach Autarkie
Mit Oskar Hahn, Grüne, war der nächste Redner aus den Reihen der Stadträte ein flammender Verfechter des Solarparks. Auch der Krieg in der Ukraine, Aufrufe, „dass wir die Heizung ausschalten sollen“, hätten im Wunsch, die eigene Energie zu produzieren, bestärkt. Damals sei es weniger um Klimaneutralität, als vielmehr darum gegangen, energieautark zu werden. „Meine Vision wäre, dass wir 100 Prozent energieautark werden, aber ich sehe schon ein, dass das zu hoch gegriffen ist.“ Eine Vision hatte auch seine Fraktionskollegin Ulrike Salat – das Projekt sei ein Anfang, und sie hoffe auf einen weiteren Schritt hin zur Bürgerenergie, um die Einwohner in einer Art Genossenschaft mitzunehmen auf diesem Weg.
Nico Schurr stellte im Namen der SPD klar: „Es braucht einen gesunden Mix.“ Seine Fraktion stimme deshalb zu. Hart ging er aber ins Gericht mit jenen, die Druck auf Stadträte ausübten, und er appellierte für ein respektvolles Miteinander: „So schwer es auch ist, gehen wir gemeinsam ins Gespräch!“
Kathrin Piazolo, FDP, erinnerte sich an den gemeinsamen Beschluss zur Klimaneutralität im Gremium – die FDP habe sich nach reiflicher Abwägung dazu entschieden, dem Projekt zuzustimmen.
Das Ergebnis
Selten wurde ein Abstimmungsergebnis der Stadträte mit solcher Spannung erwartet wie dieses. Der Gemeinderat befürwortete das Solarprojekt bei 21 Ja-, 15-Nein-Stimmen und einer Enthaltung. Ob dies das letzte Wort in der Sache war? Ein Einwurf eines Zuhörers, der einen „Bürgerentscheid“ forderte, lässt zumindest erahnen, dass zum Solarpark Bertholdshöfe noch viele Meinungen ausgetauscht werden dürften.