Verzweiflung war sein Motiv. Der ehemalige Olympia-Turner Jürgen B. sah für seinen schwerstbehinderten 15-jährigen Sohn offenbar keinen Ausweg mehr. Er tötete ihn in seinem Bett und stürzte sich vom Körschtal­viadukt im Kreis Esslingen. Ein Abschiedsbrief belegt seine Ohnmacht.

Verzweiflung war sein Motiv. Der ehemalige Olympia-Turner Jürgen B. sah für seinen schwerstbehinderten 15-jährigen Sohn offenbar keinen Ausweg mehr. Er tötete ihn in seinem Bett und stürzte sich vom Körschtal­viadukt im Kreis Esslingen. Ein Abschiedsbrief belegt seine Ohnmacht.

Ostfildern - Dieser Tag im Februar vor zwei Jahren änderte das Leben der Familie B. schlagartig. Stefan (Name von der Redaktion geändert), ein aufgeweckter 13-Jähriger, rannte in Ostfildern, nur wenige Meter vom Wohnhaus der Familie, bei Rot über die Straße. Es war nur ein Moment der Unaufmerksamkeit – mit fatalen Folgen. Stefan wurde von einem Auto erfasst und zog sich schwere Kopfverletzungen zu, von denen er sich nicht mehr erholte.

Obwohl er monatelang in Krankenhäusern betreut wurde und sich am Bodensee einer langen Reha unterzog, kam Stefan nicht mehr auf die Beine. Der Junge war bis zuletzt auf den Rollstuhl angewiesen. Schlimmer noch: Er konnte auch nicht sprechen. Nachbarn hörten ihn – wie eine Frau sagt – in der Wohnung wimmern und weinen.

Mit diesem Schicksal konnte sich sein Vater offenbar nicht abfinden. Schon gar nicht als Physiotherapeut. Nach seiner Karriere als Olympia-Turner eröffnete Jürgen B. in Stuttgart eine Praxis für Physiotherapie. Womöglich hatte er sich das Ziel gesteckt, seinen Sohn wieder mobil zu machen, zumindest seine motorischen Fähigkeiten wieder zu verbessern. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Nachbarn sagen, es habe keine Veränderung gegeben. Stefan war gelähmt und ein Pflegefall.

Betroffen davon war die ganze Familie. So zogen Stefans Großeltern in eine barrierefreie Wohnung, um ihren Enkelsohn ­öfter bei sich zu haben und seine Mutter zu entlasten. Was jedoch blieb, war die Hoffnungslosigkeit. Erst vor kurzem, so sagt eine Nachbarin, habe die Familie ein neues ­ärztliches Gutachten bekommen, wonach Stefans Zustand sich nicht mehr gebessert hätte.

Möglich, dass dieses Gutachten der Auslöser war für Jürgen B.s Verzweiflungstat. Ohne dass seine Frau und sein 16-jähriger Sohn etwas davon bemerkten, schlich er sich in der Nacht zum Dienstag ins Schlafzimmer seines 15-jährigen Sohns und tötete ihn.

Zunächst ging die Kripo davon aus, dass B. den Jungen erstickt hat. Allerdings, so die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, habe die Obduktion kein eindeutiges Ergebnis erbracht. Die Todesursache werde noch weiter untersucht, sagte sie unserer Zeitung am Mittwoch.

Jürgen B. jedenfalls setzte sich nach der Tat in seinen Wagen und fuhr Richtung Neuhausen. Auf der Körschtalbrücke stellte er den Wagen ab und verabschiedete sich aus seinem Leben. B., in den 1980er Jahren einer der erfolgreichsten Turner, war erst 49 Jahre alt.

„Oh, nein. Bitte sagt, dass das nicht wahr ist“

Das Wohnhaus der Familie liegt am Ende einer Sackgasse in Ostfildern. Eine Kerze in einem Windlicht ist der einzige Hinweis auf das Familiendrama. Schon in der Nacht, als sie der Witwe die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbrachten, holten sich die Beamten der Polizei Unterstützung vom Notfallnachsorgedienst (NND) des Roten Kreuzes. Erst da wurde der Tod des Jungen bemerkt.

Aufgabe des NND ist es, Menschen in Ausnahmesituationen zu begleiten und zu stärken. Er kooperiert eng mit Seelsorgern der Kirchen. Die durchweg ehrenamtlichen Mitarbeiter werden in der Regel von der Kriminalpolizei oder dem Notarzt alarmiert, um Hinterbliebene von Unfallopfern oder Selbsttötungen zu betreuen. Die Hilfeleistung sei sehr unterschiedlich, sagt die Leiterin. Manchen Menschen genügt die Anwesenheit der Betreuer, andere möchten reden, sind dankbar für Blickkontakt oder wenn sie in den Arm genommen werden. Die Betreuung kann eine Stunde oder Monate andauern. Die Bedürfnisse seien sehr verschieden. „Und es gibt auch Leute, die ganz allein sein wollen.“ Wenn der NND feststellt, dass jemand einen medizinischen Schock erlitten hat, ruft er den Notarzt.

Auch die Frau und der Sohn von Jürgen B. werden vom NND noch ein paar Tage begleitet. Die Betreuer melden sich, „denn vielen fällt es in solch einer Situation schwer, selbst den Telefonhörer in die Hand zu nehmen“. Andererseits gibt es Hinterbliebene, die erst nach Monaten plötzlich das Bedürfnis haben, sich den ganzen Schmerz von der Seele zu reden.

Welche Worte wählt man, wenn ein alter Freund und Wegbegleiter zum Opfer seiner Verzweiflung wird? „Oh, nein. Bitte sagt, dass das nicht wahr ist“, fleht eine frühere Mitarbeiterin des Schwäbischen Turnerbunds (STB). „Mit dem Jürgen“, sagt sie, „habe ich mich immer gut verstanden. Er war doch so ein feiner Mensch.“ Und keiner, der die großen Worte bevorzugte.

Bis Ende der achtziger Jahre zählte Jürgen B. zum Besten, was der deutsche Turnsport zu bieten hatte. Seine Kür am Boden trug Züge eines Akrobaten. „Er hat sich alles hart erarbeitet“, sagt ein ehemaliger Wegbegleiter, „er gehörte nicht zu denen, die sich auf ihrem Talent ausruhen konnten.“ Ehrgeizig sei er gewesen, aber nicht besessen. Zurückhaltend, aber nicht introvertiert. „Er hat immer alles aus sich herausgeholt“, sagt ein früherer Vertrauter, „er war ein sympathischer Typ, der mit beiden Beinen im Leben stand.“

Athleten aus Westen waren plötzlich nicht mehr gefragt

In der Württembergischen Kunstturnvereinigung (WKTV) feierte der Athlet von der Sportvereinigung Feuerbach neben Michael Wolfgang, Ralph Kern und Mike Beckmann beachtliche Erfolge – der neunfache deutsche Meister wurde so mit zum Pionier einer Entwicklung, die Stuttgart in den nächsten zwei Jahrzehnten zu einer Hochburg des Turnsports machte.

1987 ging Jürgen B. mit dem deutschen Team bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam an den Start, ein Jahr später bei den Olympischen Sommerspielen im südkoreanischen Seoul. Höhepunkt und Abschluss seiner Karriere war die Weltmeisterschaft 1989 in Stuttgart. Danach kamen die Turner aus dem Osten. Die Athleten aus dem Westen waren plötzlich nicht mehr gefragt.

Der Turnsport hat sich revolutioniert seit den Zeiten, als Jürgen B. noch für die WKTV an die Geräte ging. Eines ist aber geblieben: Die Turner verstehen sich bis heute als große Familie. Jürgen B. ließ sich neben seiner Turner-Karriere zum Physiotherapeuten ausbilden. 1995 bis 1998 stand er in Diensten der Stuttgarter Kickers. Mit einem ehemaligen Turnkameraden, einem Orthopäden, führte er zuletzt eine gut gehende Praxis in Stuttgart. „Da hat er sich einen Traum erfüllt“, sagt ein ehemaliger Wegbegleiter.

Noch Jahre nach der aktiven Laufbahn trafen sich die früheren Teamkollegen zu gemeinsamen Ausflügen. „Zuletzt war das aber ein bisschen eingeschlafen“, sagen sie. Man traf ihn bisweilen noch bei Spaziergängen in Ostfildern, sein schwerstbehinderter Sohn im Rollstuhl, seine Frau, eine ehemalige Turnerin, an seiner Seite. Es sei ein tragischer Anblick gewesen, sagen die Freunde von früher. „Er hat aber als Sportler niemals zu Kurzschlüssen geneigt. Wahrscheinlich hat ihm das Schicksal seines Sohnes das Herz gebrochen.“

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