Tiktok ist nur zum Tanzen und Witzemachen da? Von wegen! In dem sozialen Netzwerk gibt es auch Platz für Nachrichten und Wissensvermittlung. Können klassische Medien wie die Tagesschau mit den neuen jungen News-Influencern auf Tiktok mithalten?
Stuttgart - Wer an Tiktok denkt, denkt wahrscheinlich als erstes an Kinder und Jugendliche, die vor der Handykamera zu Popsongs tanzen. Dem sozialen Netzwerk haftet der Ruf an, mit seinem Algorithmus das junge Zielpublikum in einen Sog des lustig-bunten Eskapismus zu ziehen, wobei der Sinn der Inhalte sich von außen kaum erschließt. Tatsächlich kann die Smartphone-App aber auch ernster – und Information spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Manche Medien haben auf Tiktok inzwischen Hunderttausende oder gar Millionen Fans, die Plattform selbst investiert seit 2020 Geld in Wissens-Influencer und Infotainment. Doch wie dringen sie mit informativen Inhalten durch eine Flut von Quatsch- und Unterhaltungsvideos?
Tagesschau auf Augenhöhe?
Eines der prominentesten deutschen Beispiele ist die Tagesschau. Als sie 2019 ihren Tiktok-Kanal eröffnete, war das Medienecho ebenso groß wie die Sorge um die Seriosität der Marke. Kürzlich erreichte der Kanal jedoch die symbolisch bedeutende Schwelle von einer Million Followern – und Patrick Weinhold, Social-Media-Redaktionsleiter der Tagesschau, sieht die Strategie bestätigt, dem Tiktok-Publikum aktuelle Themen leicht verständlich zu erklären. „Politische Willensbildung muss da stattfinden können, wo die Nutzer sind“, sagt er. „Auf Tiktok wollen wir Faktenerklärer und Faktenchecker sein.“ Politische Themen seien auf Tiktok zwar nicht selten, würden aber teilweise von unbestätigten Gerüchten begleitet.
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Beim Tiktok-Kanal der Tagesschau stehenstehen drei Moderatorinnen und Moderatoren vor der Kamera, die deutlich jünger sind als ihre TV-Pendants. Entgegen dem Tiktok-Durchschnitt dreht, schneidet und animiert man die Videos professionell. Trotzdem sieht Weinhold eine Kommunikation auf Augenhöhe: „Für uns bedeutet das nicht Anbiederung, sondern Nahbarkeit, die junge Generation ernst zu nehmen und ihre Fragen aufzunehmen.“ Und so beantwortet Moderatorin Antje Kießler in einem Video zum Ampel-Koalitionsvertrag nicht etwa Fragen zur Ämterbesetzung, sondern erläutert, was offenbar mehr Zuschauer bewegt: die Ankündigung von begleitetem Fahren ab 16.
Bekannte TV-Gesichter tauchen nur auf, wenn sich die Tagesschau selbst auf die Schippe nimmt. Etwa, wenn Susanne Daubner augenzwinkernd „cringe“, das Jugendwort des Jahres, erklärt und damit einen viralen Hit landet. Trotzdem ist für Weinhold klar: „Man kann nicht einfach die 20-Uhr-Tagesschau in ein neues Gefäß kippen und darauf setzen, dass das ausreicht.“
30-Sekunden-Nachrichten in Jugendsprache
Einen weitaus anderen Weg verfolgt hingegen Valentin Wilczek, der als „vallecal“ für immerhin eine Viertelmillion Follower regelmäßig „30 Sekunden News“ präsentiert. Hier ist nichts auf Hochglanz poliert, sondern wirkt absichtlich improvisiert. Sein Mikrofon befestigt der 19-Jährige meist an einer Bürste, hinter ihm hängt der Sendungstitel handgeschrieben an der Wand. Dann trägt Wilczek in wenigen Worten aktuelle Schlagzeilen vor – wie komprimierte Fernsehnachrichten, aber in Jugendsprache und mit kleinen Meinungs-Einschüben. Es ist ja immer noch Tiktok.
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Das kann sich dann so anhören: „Der Inselstaat Tuvalu hat sich so bei der Klimakonferenz gemeldet“, sagt Wilczek und deutet auf ein Foto des Außenministers von Tuvalu, der bei seiner Ansprache an die Delegierten in Glasgow knietief im Meer steht. Wilczek fügt hinzu: „Die Boys da drüben gehen unter, also fahrt mehr Fahrrad!“ Schnitt, nächste Nachricht.
@vallecal Sein Insta: Justin.csy Sein TikTok: @typvomflughafen . Lasst das Video viral gehen, er glaubt an euch!
♬ original sound - Valle ✌🏼
Die Entscheidung, wie viel Meinung er in ein Video einbaut, falle ihm bis heute schwer, meint Wilczek im Gespräch. Als Grund für seinen Erfolg sieht der Schüler vor allem den handgemachten Stil. „Je professioneller etwas wirkt, desto mehr sehen die Leute eine Organisation“, ist er sich sicher. „Das erzeugt weniger Reaktionen und Sympathie als ein Typ, der einfach aus seinem Zimmer sendet.“
Mit Nachrichten eine Lücke auf Tiktok füllen
Als Nachrichtensprecher von nebenan will er eine Lücke auf Tiktok füllen, denn viele Inhalte dort sieht er kritisch. „Es ist eben nicht alles Tanzen und Müll“, sagt Wilczek. „Ich will Jugendliche, die sonst vielleicht gar keine Nachrichten konsumieren, so einfach wie möglich informieren.“ Themen findet er in Vorschlägen seiner Fans ebenso wie in Online-Artikeln, zum Beispiel der Tagesschau. Die Länge von journalistischen Texten sieht er jedoch als Hürde, weil viele nur auf der Suche nach einer prägnanten Information seien. „Deshalb geht es bei mir Schlag auf Schlag.“
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Dass auch die Plattform selbst ein seriöseres Image anstrebt, zeigt die millionenschwere Kampagne „Lernen mit Tiktok“, bei der vor allem Einzelpersonen, aber inzwischen auch Medien wie die „Rheinische Post“ dafür bezahlt werden, Wissensvideos zu produzieren. Die Würzburger Biologiedoktorandin Amelie Reigl beispielsweise nimmt als „Die Wissenschaftlerin“ ihre Follower in den Laboralltag mit, und der Jurist Tim Walter alias „Herr Anwalt“ gehört mit Videos wie „6 Schülerrechte – Mythen und Wahrheit“ sogar zu den größten deutschsprachigen Tiktok-Kanälen - mit mehr als vier Mal so vielen Followern wie die Tagesschau.
Tiktok
Rasantes Wachstum
Die Social-Media-App Tiktok stammt vom chinesischen Unternehmen Bytedance. 2018 löste Tiktok den Vorgänger Musical.ly ab und verzeichnet seitdem weltweit ein rasantes Wachstum, vor allem unter Kinder und Jugendlichen. Nach Unternehmensangaben verzeichnete man im Herbst 2021 erstmals eine Milliarde aktive Nutzerinnen und Nutzer.
Eigene Kanäle
Auch Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten sind auf Tiktok vertreten – unter @stuttgarterzeitung und @stuttgarternachrichten .
Kritik
An Tiktok regt sich immer wieder Kritik. So soll das Unternehmen laut Medienberichten politische und religiöse Themen zensieren sowie Inhalte zu Homosexualität oder Behinderungen unterdrückt haben. Wegen fehlendem Jugendschutz haben europäische und US-amerikanische Behörden Strafzahlungen gegen Bytedance verhängt.