Chloe Kim ist seit Jahren ungeschlagen in der Halfpipe – und war doch am Boden. Foto: imago/Kenjiro Matsuo

US-Snowboarderin Chloe Kim dominiert auch in Peking die Halfpipe und holt ihr zweites Olympiagold – was sie viel Kraft gekostet hat, nicht nur körperlich.

Zhangjiakou - Drei Läufe in der Halfpipe. Der Olympiasieg. Die Emotionen. Der Interview-Marathon. Das alles hat Kraft gekostet, viel Kraft. Nach der zwölften Frage in der Pressekonferenz reicht es Snowboard-Superstar Chloe Kim. Jetzt ist sie dran – mit ihrer Frage. „Hat mir jemand einen Riegel?“ Die ganze Runde lacht, sofort kramen die Journalisten in ihren Rucksäcken, kurz danach liegt genügend Nahrung für die nächsten drei Tage auf dem Tisch. Logisch, denn niemand will schuld daran sein, wenn es der US-Amerikanerin nicht gut geht. Schließlich kennen alle ihre Geschichte.

 

2014 durfte sie als Favoritin nicht starten

Chloe Kim (21) ist in der Halfpipe eine Überfliegerin, ein absolutes Ausnahmetalent – und für ihr junges Alter ziemlich charismatisch. 2014 darf die Mitfavoritin bei den Winterspielen in Sotschi nicht starten, weil sie zu jung ist. Vier Jahre später holt sie sich in Pyeongchang den Olympiasieg, 2019 in Aspen ihren ersten WM-Titel. Sie wird gefeiert, in den USA und Südkorea, der Heimat ihrer Eltern. Ihr Gesicht ziert Magazincover, nach ihrem Vorbild entsteht eine Barbiepuppe. Doch so scheinbar leicht ihr die Tricks in der Halfpipe gelingen, so schwer tut sie sich im Leben. Der Rummel, die Aufmerksamkeit, ständige Termine – ihr wird alles zu viel. Die Goldmedaille landet vorübergehend im Müll. „Die Leute vergessen, dass man jung ist. Sie schreiben es in ihre Schlagzeile, behandeln dich aber nicht so“, sagt sie in einem Interview mit der „New York Times“. Sie spricht davon, dass der Trubel sie krank gemacht habe, sie ihr Leben hasse. Im März 2019, sie hat sich gerade den Knöchel gebrochen, stellt sie das Snowboard in die Ecke.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Deshalb sind die deutschen Rodler so stark

Kim sucht professionelle Hilfe, schreibt sich an der Universität Princeton ein. Der Versuch der Athletin, die für ihre hohen Sprünge, Schrauben und Salti bekannt ist, im Alltag herunterzukommen, gelingt. Zwei Jahre später wagt sie ein Comeback und dominiert die Szene sofort wieder. Kim wird erneut Weltmeisterin, ist im Weltcup nahezu unschlagbar und holt sich in Zhangjiakou völlig unangefochten ihren zweiten Olympiasieg.

Im Finale spielt sie mit der Konkurrenz

Die Überlegenheit von Kim ist so groß, dass sie es sich leisten kann, mit der Konkurrenz zu spielen. Im ersten Lauf holt sie sensationelle 94,00 Punkte, weint Tränen der Freude und Erleichterung. Weil jeder weiß, dass dies zum Sieg reichen wird, probiert sie in den Läufen zwei und drei einen Sprung mit dreieinhalb Drehungen, den noch keine Frau vor ihr in einem Halfpipe-Wettbewerb gezeigt hat. Sie scheitert zwar, doch das ist letztlich völlig egal. „Ich hatte die Möglichkeit, Neues zu probieren. Das ist es, was mich antreibt“, sagt sie, „es war den Versuch tausendprozentig wert. Mein Hintern hat gelacht.“

Lesen Sie aus unserem Angebot: Tränen bei den deutschen Snowboarderinnen

Keine Frage, Chloe Kim hat wieder Spaß an dem, was sie tut. In der Pressekonferenz nach ihrem goldigen Triumph sprudeln die Sätze nur so aus ihr heraus. Zugleich weiß sie, dass das Interesse an ihrer Person nun sicher nicht geringer wird. Doch diesmal fühlt sich die Snowboarderin gewappnet. „Ich bin ein bisschen erwachsener geworden, verstehe jetzt meine Grenzen und habe einen guten Therapeuten“, sagt sie, „den ersten mentalen Kampf habe ich überstanden, ich glaube, die Reise wird diesmal machbarer sein.“

„Es ist unfair, dass erwartet wird, perfekt zu sein“

Just in dem Moment, in dem sich Chloe Kim derart öffnet, wird sie gefragt nach Turnerin Simone Biles und den anderen, die wie sie den enormen Druck im Spitzensport zum Thema machen, über psychische Probleme sprechen und auch über die Gefahr zu scheitern. „Es ist unfair, dass erwartet wird, perfekt zu sein. Ich bin in keiner Weise perfekt“, antwortet sie, „nach dem ersten Olympiasieg habe ich mich selbst unter den Druck gesetzt, immer perfekt sein zu müssen. Dabei habe ich die Menschen verletzt, die ich am meisten liebe. Ich hoffe, dass vielleicht eines Tages ein kleines Mädchen meine Story hört und inspiriert wird weiterzumachen und nie aufzugeben.“

Es ist der Augenblick, in dem es ruhig wird im Presseraum des olympischen Snowparks in Zhangjiakou. Weil eine bemerkenswerte junge Frau Einblicke in ihr Innerstes gewährt – auch wenn sie dabei so viel Kraft lässt, dass ein paar Riegel als Ausgleich dafür nicht genügen.