Weltweit wächst die Bevölkerung, die in Slums lebt. In der philippinischen Hauptstadt Manila werden irreguläre Siedlungen abgebaut, um anderswo in höherer Qualität wieder aufgebaut zu werden. Für die Betroffenen verbessert sich das Leben unschätzbar – auch wenn das Problem viel größer ist.
Wenn Bonifacio Florece von den Schlangen erzählt, die sich manchmal in seine Wohnung verirrten, breitet er die Arme so weit aus, wie er kann. „So groß waren die, etwas größer noch.“ Aus dem Pasig River, neben dem seine Hütte gebaut war, kamen sie immer dann, wenn es stark geregnet hatte. „In der Küche hatte ich schon ein großes Messer, um die Familie zu beschützen“, sagt der 60-Jährige. Einmal habe seine Frau auch im Plumpsklo eine größere Schlange gesehen. „Etwas Angst hatten wir eigentlich immer.“
Die Lage musste sich erst noch verschlimmern, ehe sie besser wurde. „Im September 2009 kam ja der Taifun Ondoy nach Manila“, erinnert sich Florece. Dieser und der kurz darauffolgende Taifun Pegeng verursachten schwere Regenfälle und Überflutungen und kosteten rund 1000 Menschenleben. 9,3 Millionen Filipinos waren betroffen. „Einen Monat mussten wir auf unserem Wellblechdach wohnen.“ Dann kam die Hilfe.
Die Bewohner können nicht mehr vertrieben werden
Bonifacio Florece führt mit breitem Lächeln durch seine neue Wohnung. Auf 20 Quadratmetern hat er eine gut ausgestattete Küche, einen Flachbildschirm vor einer Sofaecke und ein großes Bett, darüber noch ein halbes Stockwerk, wo die Kinder schlafen. „Eine Toilette mit Abwasseranschluss haben wir auch“, versichert er und fragt: „Ist Ihnen vielleicht zu warm?“ Er könne ja die Klimaanlage anschalten. Denn all das, wovon früher nur zu träumen war, gebe es jetzt. „Hier in Pasig 1 ist alles besser.“ Und er wisse von niemanden, der das anders sehe.
„Pasig 1“ ist der Name einer Siedlung, die vor über zehn Jahren entstand. 120 Familien, die in der Nähe des Pasig River im Zentrum der Metropolregion Manila lebten, wohnen heute in dem neu errichteten Wohnkomplex einige Kilometer entfernt, wo keine regelmäßigen Überschwemmungen mehr drohen. Neben dem Drainagesystem ist etwas anderes fast wichtiger: Florece und die anderen Bewohner besitzen einen offiziellen Titel für ihre Wohnungen, sie können also nicht vertrieben werden. „Das hier ist kein Slum“, erklärt er stolz. In den Philippinen ist so eine Aussage einiges wert. Das südostasiatische 114-Millionen-Einwohner-Land hat gerade in der boomenden Hauptstadt Manila seit Jahren damit zu kämpfen, dass die Bevölkerung rapide wächst und sich Siedlungen vergrößern, in denen es an Abwassersystemen, Brandschutz und Stromanschlüssen fehlt. Und weil die Besitzverhältnisse nicht geklärt sind, werden die Bewohnerinnen nicht selten kurzerhand vertrieben.
37 Prozent der urbanen philippinischen Bevölkerung lebt in Slums
Laut der Weltbank leben 37 Prozent der urbanen philippinischen Bevölkerung in Slums. Weltweit wird die Slumbevölkerung auf gut eine Milliarde Menschen geschätzt – Tendenz steigend. Um die Jahrtausendwende lag die Zahl noch um rund 165 Millionen niedriger. Entscheidende Faktoren hinter der deutlichen Zunahme sind die wachsende Gesamtweltbevölkerung sowie die fortschreitende Urbanisierung. Auf der Suche nach Arbeitsmöglichkeiten zieht es Menschen weltweit in Städte.
Und diejenigen, denen das Geld fehlt, um einen regulären Miet- oder gar Kaufvertrag für eine Wohnung oder ein Haus zu unterschreiben, verschlägt es schnell in illegal errichtete Siedlungen. Dort bauen viele Menschen ihre Behausungen entweder selbst, oder sie mieten Hütten, die jemand anderes gebaut hat, um damit schnelles Geld zu verdienen. Doch den Bewohnerinnen und Bewohnern illegaler Behausungen fehlt Rechtssicherheit, was ihren Wohnraum angeht: Von ihren Vermietern können sie kaum Renovierungen verlangen, wenn es etwa im Haus schimmelt. Die mangelnde Hygiene in Slums birgt viele Gesundheitsrisiken. Hinzu kommt das soziale Stigma, in einem Slum zu wohnen, was wiederum zu Diskriminierung in der Schule und auf dem Arbeitsmarkt führt. Auch wird das Leben in Slums durch den Klimawandel immer gefährlicher, da Siedlungen wie in Pasig häufig dort behelfsmäßig gebaut werden, wo das Katastrophenrisiko ohnehin schon hoch ist – und durch die Erderwärmung weiter steigt.
Neues Zuhause für 3,8 Millionen Menschen
Dass Bonifacio Florece ein Umzug in eine reguläre Siedlung gelungen ist, war pures Glück. „Angestellte der Regierung und dieser NGO kamen schon vor Ondoy in unsere Gegend und stellten sich vor“, erinnert er sich. „Diese NGO“ nennt sich Habitat for Humanity und widmet sich seit ihrer Gründung vor gut 40 Jahren dem Ab- und Wiederaufbau von Slums. „Jeder verdient ein anständiges und sicheres Zuhause“, sagt Lala Baldelovar. Für sie, die für die Organisation Spenden einwirbt, ist die Sache klar: „Millionen Filipinos leben unter ärmlichen Bedingungen. Nur eine echte Partnerschaft zwischen Privatsektor und öffentlicher Hand kann die Probleme dieser komplexen Wohnsituation lösen.“
Habitat for Humanity legte im Rahmen des vergangenen G7-Gipfels in Hiroshima eigene Schätzungen vor: Würden die Slums der Welt in legale, robuste Baukomplexe umgewandelt, entstünde ein globales Wirtschaftswachstum von bis zu 10,5 Prozent. Mehr als 730 000 Menschenleben könnten jährlich gerettet, 41,6 Millionen Kinder zusätzlich eingeschult werden. Auf den Philippinen arbeitet die Organisation unter anderem mit dem deutschen Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zusammen, zudem mit Baukonzernen, die verpflichtet sind, einen Teil ihrer Investitionen gemeinnützig zu investieren. Die öffentliche Hand stellt Land günstig zur Verfügung. Seit 1988 hat die Organisation nach eigenen Angaben 3,8 Millionen Menschen auf den Philippinen ein neues oder aufgewertetes Zuhause ermöglicht.
Kostensparendes, wenn auch schweißtreibendes Konzept
Habitat hat ein kostensparendes, wenn auch schweißtreibendes Konzept ersonnen. In Pasig 1 erinnert sich die Bewohnerin Maria Josy Millan: „Wir mussten selbst mit anpacken. Dabei hatte ich überhaupt keine Erfahrungen im Hausbau.“ Jede Familie, die sich für den Umzug beworben hatte, musste insgesamt 400 Stunden auf der Baustelle arbeiten. „Ich habe über ein halbes Jahr jede Woche Zement geschleppt“, sagt die 54-jährige Angestellte in einer Dosenfabrik.
Immerhin war der Umzug auf diese Weise günstig. „Eine Wohnung in einem Gebäude aus Ziegeln, mit Fliesenboden und allen Notwendigkeiten können wir so für 450 000 bis 530 000 Pesos errichten“, sagt Lala Baldelovar. Das entspricht rund 8700 Euro. Und dies wiederum zahlen die Floreces, Millans und weitere Familien über 20 bis 30 Jahre ab. „Das ist jetzt sogar günstiger als die Miete vorher im Slum“, erzählt Bonifacio Florece.
Lala Baldelovar räumt aber indes ein: „Gemessen an dem, was nötig wäre, erreichen wir fast nichts.“ Allein der Taifun Rai, der Anfang 2022 die Philippinen erreichte, zerstörte 200 000 Häuser. Womit sich die Zahl derer, die plötzlich mit Schlangen leben mussten, wieder dramatisch erhöhte.