Wenn sie klein und und niedlich sind, freuen sich Herrchen oder Frauchen über ihr Haustier. Doch werden die Tiere ihnen zu viel, setzen manche Besitzer sie einfach aus – wie jüngst mehr als ein Dutzend Königspythons in Empfingen. Gut, dass es eine Gechinger Schildkröte viel besser hat.
Abhanden kommen kann einem so einiges: Schlüssel und Handy sind vermutlich die Dinge, nach denen viele regelmäßig suchen. Viel härter indes trifft es die Besitzer von Haustieren, die verschwinden. Umso schöner ist es, wenn diese schnell wieder auftauchen – wie jüngst in Gechingen geschehen.
Besonderer Fund Dort vermeldete die Gemeindeverwaltung unter dem Schlagwort „Fundbüro“, dass eine Schildkröte gefunden worden sei. Allerdings: In den Regalen des Fundbüros ist sie nicht gelandet, wie eine Mitarbeiterin der Verwaltung erzählt. Vielmehr war es so, dass Gechinger Bürger das Tier im Bereich der Bergwaldsteige entdeckt und sich daraufhin im Rathaus gemeldet hatten. Auch die Besitzer meldeten sich, und tags darauf konnte die Schildkröte – die am Bach ausgebüxt war – wieder nach Hause zurückkehren. Das ganz ohne Umweg übers Fundbüro, sondern direkt vom Finder zurück zum Besitzer.
Die meisten Fundstücke werden entsorgt
Trotzdem war der Fund auch für die Gemeindeverwaltung eine Besonderheit. Normalerweise werden dort Schlüssel, Handys oder Brillen abgegeben. Fürs Jahr 2023 stehen auf der Liste mit Fundsachen darüber hinaus etwa ein kleiner Stoffaffe, eine Schwimmtasche mit Inhalt, eine orange Fleecedecke oder Ketten und Ohrstecker. Sechs Monate lange werden die Sachen aufbewahrt. Meldet sich der Besitzer in dieser Zeit nicht, werden die Dinge entsorgt, wie die Mitarbeiterin erklärt. Lediglich Brillen gibt die Gemeinde an entsprechende Sammelstellen ab. So können Bedürftige noch von den Sehhilfen profitieren. Übrigens: Laut Rathausmitarbeiterin wird der Großteil der Fundstücke nicht abgeholt.
Zum Glück lief es in Sachen Schildkröte viel besser. Allerdings wollte ihr Besitzer sie offensichtlich auch zurück. Anders ist es bei Herrchen oder Frauchen, die ihre Schildkröte loswerden wollen. Immer wieder werden solche Tiere in Gewässern ausgesetzt.
Invasive Arten bedrohen Ökosystem
Unerbetener Besuch Rudolf Haußer, der Vorsitzende des Bezirksfischereivereins Nagoldtal mit Sitz in Calw, sagt, dies sei schon vor Jahrzehnten ein Thema gewesen. Er erinnert sich noch daran, bereits vor 30 Jahren mit einem Kescher in der Nagold eine völlig erschöpfte Rotwangen-Schmuckschildkröte gefangen zu haben. Die ist eigentlich in Nordamerika heimisch.
Solche Tiere werden in den Gewässern hier – wie dem Gültlinger See – immer wieder gesichtet, trotzdem: Ein Problem stellen sie im Kreis Calw derzeit nicht dar, sagt Haußer. Dennoch vermutet er, dass sie auch in Löschteichen wie in Neubulach oder Sommenhardt zu finden sind. Die Tiere würden „niveadosengroß“ im Zoohandel gekauft. Dann wachsen sie auf Tellergröße an, essen viel und machen viel Arbeit. In der Folge, oft gerade in der Urlaubszeit, wollen die Besitzer sie loswerden, meint Rudolf Haußer. Also setzen sie sie aus: in Fließgewässern oder Seen.
Rudolf Haußer vermutet, dass sich die Rotwangen-Schmuckschildkröten bisher in der Gegend nicht fortpflanzen. Dafür werden sie zu selten gesichtet, und die Winter sind (noch) zu kalt für die Tiere, um sie zu überstehen.
Forscher weisen erstmals Populationen nach
Anders ist das in anderen Regionen Baden-Württembergs: Im Februar veröffentlichten Forscher der Uni Freiburg und der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden ihre Erkenntnisse. Sie konnten erstmals nachweisen, dass drei nordamerikanische Schildkrötenarten in Seen in Freiburg und Kehl heimisch geworden sind: die gewöhnliche Schmuckschildkröte, die falsche Landkarten-Höckerschildkröte und die nordamerikanische Buchstaben-Schmuckschildkröte. „Das ist der erste Nachweis erfolgreicher Fortpflanzung nicht-heimischer Schildkrötenarten in Deutschland“, wird eine Wissenschaftlerin aus dem Forscherteam in einer Mitteilung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung zitiert.
Diese drei invasiven Arten sind nicht nur eine Bedrohung für die ohnehin schon bedrohte einheimische europäische Sumpfschildkröte, sondern können „als Wirte von Viren und Parasiten eine Rolle bei der Übertragung von Krankheiten spielen“. Als Allesfresser konkurrieren sie darüber hinaus mit anderen Gewässerbewohnern um Nahrung.
Unerwünschte Haustiere Nicht nur Schildkröten, auch andere Haustiere werden ausgesetzt. Im Juli erst sorgte ein Fall in Empfingen im Kreis Freudenstadt für Aufsehen: Am dortigen Tälesee wurden bisher mindestens 14 Königspythons gefunden, vier davon waren tot. Ein Unbekannter hatte sie ausgesetzt und den Tod der Tiere in Kauf genommen. Als Haustiere haben die Pythons nie gelernt zu jagen, ohne Fütterung müssen sie verhungern. Der Besitzer ist bisher unbekannt, doch die Polizei ermittelt wegen Tierquälerei – eine Straftat.