Kein Deutscher hat die Vierschanzentournee öfter gewonnen: Jens Weißflog (61) spricht über die Chancen des deutschen Teams, Betrug im Skispringen und die neuen Anzug-Regeln.
In Oberstdorf beginnt an diesem Montag (16.30 Uhr) die Vierschanzentournee. Einer wird genau hinschauen: Der dreimalige Olympiasieger und Weltmeister Jens Weißflog ist der einzige deutsche Skispringer, der bei der Tournee viermal triumphiert hat. Vor allem Philipp Raimund und Felix Hoffmann traut er diesmal viel zu – weil sie mit den engeren Anzügen bestens zurechtkommen. Über die neuen Regeln ist Weißflog froh: „Fast jeder hat betrogen.“
Herr Weißflog, Ihr letzter Sieg bei der Tournee liegt 30 Jahre zurück. Wie nahe sind Sie noch dran am Skispringen?
Das Interesse ist nach wie vor groß. Meine 15-jährige Tochter ist eine talentierte Skispringerin mit Ambitionen, und bei einzelnen Höhepunkten bin ich weiter live dabei.
Bei der Tournee auch?
Live am Fernsehgerät. Aber die Skiflug-WM im Januar in Oberstdorf werde ich mir anschauen, und auch eine Reise zu den Olympischen Spielen ist geplant.
Wo steht das deutsche Skispringen aktuell?
Die Reglementierung bei den Anzügen hat einiges verändert und neue Typen nach oben gebracht.
Auch im deutschen Team.
Richtig. Der Stil von Philipp Raimund passt zu den nun engeren Anzügen. Er ist kompromisslos beim Absprung, hat keine Hemmungen, legt sich voll rein. Ihm traue ich bei der Tournee viel zu, wie auch Felix Hoffmann. Er hat mit 28 Jahren den Durchbruch geschafft, springt enorm stabil. Es ist eine Art unfreiwilliger Generationswechsel.
Weil es auch zwei Gegenbeispiele gibt.
Irgendwann kommt im Skispringen immer der Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht. Die Technik von Andreas Wellinger und Karl Geiger hat mit den größeren Anzügen super funktioniert, nun fehlt ihnen das Luftpolster, das sie getragen hat. Ihre bisherige Technik reicht nicht mehr aus, um weit zu springen.
Was können sie tun, um aus dem Leistungsloch zu kommen?
Wenn jemand in der Luft plötzlich nicht mehr getragen wird, erlebt er ein Chaos der Gefühle. Die beiden müssen nun eine für sie bislang ungewohnte Technik finden – zum Beispiel eine Veränderung der Armhaltung im Flug. Das kann dauern und ist während einer Wettkampfphase nicht zu schaffen. Deshalb war es völlig richtig, vor der Tournee aus dem Weltcup rauszugehen und sich voll aufs Training zu konzentrieren.
Sie würden die beiden also noch nicht abschreiben?
Auf keinen Fall, dafür sind sie viel zu erfahren. Zudem ist Karl Geiger, was wichtige Wettkämpfe angeht, ein Konzentrations-Phänomen. Und Andreas Wellinger hat schon oft bewiesen, dass er erfolgreich auf Großereignisse hinarbeiten kann. Bei der Tournee sehe ich die beiden nicht in Podestnähe, aber bis zu den Olympischen Spielen kann sich das noch ändern.
Die neuen Regeln bei den Anzügen sind die Antwort auf den Skandal, den die Norweger bei der WM 2025 in Trondheim ausgelöst haben, als Nähte manipuliert wurden. Wurden Karl Geiger und Andreas Wellinger im Nachhinein zu Opfern dieses norwegischen Betrugs?
So weit würde ich nicht gehen.
Warum nicht?
Sie leiden zwar unter den Auswirkungen der neuen Regeln, doch diese waren dringend notwendig. Ich finde es gut, dass das Problem mit den Anzügen nun endlich gelöst worden ist.
Was lief falsch?
Die Norweger haben das Maß überschritten, da gibt es kein Vertun. Aber es brauchte anscheinend diesen Anlass, um den offensichtlichen und vom Ski-Weltverband mitgetragenen Beschiss zu beenden. Es hat ganz vielen Leuten im Skispringen sauer aufgestoßen, dass die Anzüge teilweise unten an den Knien hingen, jeder diesen Missstand gesehen und keiner etwas dagegen getan hat.
Es wurde doch kontrolliert.
Ja. Aber fast jeder hat betrogen – und viel zu viele sind damit durchgekommen. Oder lassen Sie es mich diplomatischer ausdrücken: Viele Springer sind bewusst das Risiko eingegangen und haben permanent versucht, an die Grenzen des Reglements und darüber hinauszugehen. Die Größe der Anzüge war ja nicht mehr normal, und kurz vor dem Sprung wurden sie dann auch noch bewusst nach unten gezogen, um in der Luft mehr Auftriebsfläche zu haben. Da gab es oft das Drei- bis Vierfache zu viel an Spielraum.
Wie sehr haben die Streitereien um die Anzüge und der Norweger-Skandal dem Skispringen geschadet?
Der Zuschauer ist leidensfähig, das sieht man in vielen Sportarten, zum Beispiel in jenen, in denen Doping eine große Rolle spielt. Und wenn die Fans das Gefühl haben, dass ein Fehler korrigiert worden ist, gewinnt die Sportart schnell wieder an Glaubwürdigkeit. Für die Änderung im Skispringen war es höchste Zeit, die Begeisterung der Zuschauer wird groß bleiben.
Es gibt nun engere Anzüge, die Anzahl pro Springer ist begrenzt – passt diese Lösung?
Aktuell schon. Aber es wird natürlich weiterhin versucht, neue Auftriebsflächen zu finden und das Reglement auszureizen. Ich weiß, dass derzeit sehr große Handschuhe benutzt und noch größere bestellt werden. Deshalb muss auch künftig bei den Kontrollen immer wieder nachjustiert werden.
Sie haben die Begeisterung der Fans angesprochen. Was macht die Faszination der Vierschanzentournee aus?
Ihre große Tradition, der günstige Zeitpunkt, der hervorragende Sport, die einmalige Stimmung. Zudem ist sie ein Familienereignis – und ein Phänomen, das bleiben wird.
Gibt es eine Schanze, die für den Gesamtsieg entscheidend ist?
In Innsbruck hatten die Deutschen oft Pech, oft haben sie dort aber auch schlechte Sprünge gezeigt. Deshalb würde ich sagen: Der Deutsche, der die Tournee gewinnen will, muss Innsbruck überstehen. Doch insgesamt gilt natürlich, dass man überall stark sein muss, um am Ende oben zu stehen.
Hatten Sie eine Problemschanze?
Mein Trauma war Bischofshofen. Dort habe ich dreimal als Führender der Gesamtwertung im letzten Springen den Tournee-Sieg verpasst.
Sie haben dort aber auch viermal den Gesamtsieg perfekt gemacht, was kein anderer deutscher Springer geschafft hat. Welche Erinnerungen haben Sie an ihren vierten Triumph vor 30 Jahren?
Es war damals klar, dass ich am Ende der Saison aufhören würde, und ich war vor dem Tournee-Start nicht in Form. Deshalb wollte ich einfach nur hinfahren und zum Abschied möglichst viel Spaß haben. Das war eine ganz neue Herangehensweise.
Die gut funktioniert hat.
Ja. Ich habe mir keinen Druck gemacht und kam wieder als Führender nach Bischofshofen, wo es im Training gar nicht gut lief.
Und dann?
Bin ich im Wettkampf so aggressiv nach vorne gegangen, dass ich dachte, ich lande mit dem Bauch auf dem Vorbau – es war der Beweis, dass man als Getriebener im Leistungssport manchmal Dinge tut, die nicht zu erklären sind.
Wie war das Ergebnis?
Ich habe beide Durchgänge mit Bestweite und damit auch die Tournee gewonnen.
Was waren die ersten Worte, die Sie im Auslauf gesagt haben?
‚Gott sei Dank’ – obwohl ich kein gläubiger Mensch bin.
Warum waren Sie dankbar?
Weil mir nach meinem dritten Erfolg 1991 immer und immer wieder die Frage gestellt worden war, ob ich es noch schaffen könne, als Erster überhaupt vier Siege zu holen. Die Antwort hatte ich gegeben. Und jeder Skispringer muss einfach dankbar sein, wenn er seine Karriere gesund beenden kann.
Sie sind der Einzige, der die Tournee im Parallel- und im V-Stil gewonnen hat. Ist auch das eine ganz besondere Leistung?
Es war auf jeden Fall nicht einfach. Unsere Trainer hatten damals mit dem V-Stil keinerlei Erfahrung und haben zu uns gesagt: ‚Macht halt die Füße auseinander’.
Hat die Anweisung ausgereicht?
(lacht) Nein. Es war wohl die größte technische Veränderung in der Geschichte des Skispringens. Wir mussten unseren gewohnten Bewegungsablauf komplett durchbrechen, und die ersten Videoaufnahmen, die wir vom V-Stil hatten, gaben keinen Aufschluss, was genau getan werden muss, um die nötige Drehung im Oberkörper und den anderen Absprung hinzubekommen. Das Körpergefühl, das wir dabei anfangs hatten, wirkte total falsch. Es war ein langwieriger Prozess, bei dem nicht geholfen hat, dass ich schon 27 oder 28 Jahre alt war.
Trotzdem haben sie ihn erfolgreich bewältigt. Wie Ihre letzte Tournee.
Bei der es fast anders gekommen wäre.
Erzählen Sie.
In Innsbruck, bei der dritten Station, hatte ich mein Auto in der Tiefgarage stehen – und habe das Parkticket verloren. Nach dem Springen wollte ich nach Bischofshofen fahren, doch das ging nicht.
Wo war der Ausweg?
Es gab in der Tiefgarage eine nette Parkwächterin, der ich einen der Pokale, die ich bei der Tournee gewonnen hatte, für das Öffnen der Schranke angeboten habe. Es hat geklappt. Und am Ende ging auch in Bischofshofen alles gut aus.
Wie haben Sie sich nach ihrem vierten Tournee-Gesamtsieg belohnt?
Wie immer mit einem Kaffee und einem Stück Kuchen. Das war mein Ritual.