Domen Prevc dominiert die Tournee, seine Schwester Nika Prevc hat die Two-Nights-Tour gewonnen – die beiden Slowenen sind derzeit kaum zu schlagen. Wir nennen die Gründe.
Die Botschaft, die Fans auf ein Plakat gemalt hatten und an der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen in die Höhe hielten, brachte die Dominanz des derzeit besten Skispringers auf den Punkt. „Domen Prevc“, stand dort zu lesen, „ist der schlimmste Albtraum der Schwerkraft.“ Und für die Konkurrenz sowieso.
Der Slowene beherrscht die Vierschanzentournee. Er gewann in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen die Qualifikation, führte jeweils nach dem ersten Durchgang, siegte souverän. In der Gesamtwertung hat er 35 Punkte Abstand zum Österreicher Jan Hörl, das sind fast 20 Meter. Ähnlich weit vorne befand sich zur Halbzeit zuletzt der Finne Janne Ahonen – das liegt 21 Jahre zurück. „Es ist krank und krass, wie groß Domens Vorsprung ist“, sagt Philipp Raimund, der Sechstplatzierte, „von seinem Fluggefühl kann ich nur träumen.“ Ähnlich denken viele Skispringerinnen – über Nika Prevc.
Von Pogacar bis Doncic: Stars aus Slowenien
Slowenien ist ein Land der Sportstars. Tadej Pogacar gilt als bester Radprofi seit Eddy Merckx, Basketballer Luka Doncic mischt die NBA auf, die Doppel-Olympiasiegerin Janja Garnbret ist die erfolgreichste Sportkletterin der Welt. Und den Winter dominiert die Skisprung-Familie Prevc.
Vater Dare Prevc war einst ein Hobbyskispringer, der seine fünf Kinder im Örtchen Dolenja Vas in der Gemeinde Zelezniki mit strenger Hand erzog. Ein kleines Unternehmen für Küchen und Möbel ernährte die Familie, schon früh musste der Nachwuchs anpacken. „Wir haben zu Hause gelernt, hart zu arbeiten“, sagt Cene Prevc, „zwölf Stunden am Tag waren normal.“ Diese Tatkraft half auch im Sport.
Cene Prevc (29) holte 2022 in Peking Olympia-Silber mit dem Team. Vorflieger des Clans aber war der älteste Sohn. Peter Prevc (33) dominierte vor einem Jahrzehnt die Szene. 2016 gewann er die Vierschanzentournee, Gold bei der Skiflug-WM und den Gesamtweltcup. Insgesamt gewann er bei Großereignissen sieben Medaillen, darunter Olympia-Gold 2022 mit dem Mixed-Team. Zuvor hatte er bereits 2015 in Vikersund/Norwegen die magische Marke von 250 Metern geknackt – es war der erste Weltrekord für die Familie mit dem Flieger-Gen.
Die Familie Prevc hält die Weltrekorde im Skifliegen
Seit gut neun Monaten, auch das ist ein Novum in der Sportwelt, halten Geschwister die Bestmarken bei Frauen und Männern: Am 14. März flog Nika Prevc (20) in Vikersund 236 Meter weit, am 30. März landete Domen Prevc (26) in Planica/Slowenien erst nach 254,5 Metern, verbesserte den sieben Jahre alten Weltrekord von Stefan Kraft um einen Meter. „Es fühlte sich an, als würde ich einen Film schauen und der Figur dabei zusehen, wie sie das macht“, erklärte er seinen fast surrealen Flug, „es war perfekt.“ Dieses Adjektiv ist immer noch zutreffend.
Im Sommer haben sich Nika und Domen Prevc, die bei der WM 2025 in Trondheim je zweimal Gold und einmal Silber geholt hatten, bestens vorbereitet, trotz der neuen Anzüge passt bei ihnen weiterhin alles zusammen. Sie gewann am Mittwoch und Donnerstag zum dritten Mal nacheinander die Two-Nights-Tour in Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen, er feierte in den beiden Orten seine Weltcup-Siege Nummer sechs und sieben in diesem Winter. „Für unsere Erfolge gibt es kein Geheimnis“, sagt Nika Prevc, „und wenn, würde ich es nicht verraten.“ Ihr Bruder, längst „Domenator“ genannt, ist etwas auskunftsfreudiger. „Das Geheimnis ist harte Arbeit, das ganze Jahr über“, meint er, „Konstanz ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Aber nicht die einzige Erklärung.
Die Prevc-Geschwister werden angetrieben von großem Ehrgeiz. Dazu kommt, dass sie daheim in Planica eine stets präparierte Schanze vorfinden. Experten schätzen, dass Domen Prevc 30 Prozent mehr Trainingssprünge absolviert als die Konkurrenz. Und seine Technik weist zwei Besonderheiten auf: Während andere weiter im V-Stil fliegen, formen Körper und Ski bei ihm in der Luft eine Mischung aus „V“ und „H“ – diese Position trägt ihn. Zudem soll er über eine enorme Beweglichkeit im Fußgelenk verfügen, die ihm ermöglicht, in Verbindung mit der lockeren Schnürung seiner Schuhe die perfekte Balance zu finden. „Es fühlt sich an wie ein Spiel“, sagt Domen Prevc, „natürlich spüre ich Druck. Doch der treibt mich an.“
Auch Felix Hoffmann staunt
Ex-Weltmeister Markus Eisenbichler ist lange gegen den Slowenen gesprungen. „Als er vor zehn Jahren in den Weltcup kam, hat er uns zerstört“, sagt der heutige TV-Experte, „danach pendelte er zwischen Genie und Wahnsinn, war ein verrückter Vogel. Nun ist er gereift. Er schafft es, extrem aggressiv zu springen und danach das System wirken zu lassen. Das geht nur mit großem Selbstvertrauen.“ Und mit viel Mut. „Die Leichtigkeit, mit der er im letzten Flugdrittel wegsegelt“, sagt Felix Hoffmann, der Vierte der Tournee-Gesamtwertung, „wünsche ich mir auch.“
Die Frage, ob schon bald das erste Brüder-Paar in der Siegerliste der Vierschanzentournee steht, erübrigt sich angesichts des Vorsprungs von Domen Prevc – sofern der meistkontrollierte Springer des Winters auch die Materialüberprüfungen in Innsbruck am Sonntag und Bischofshofen am Dienstag übersteht, wird er nicht mehr zu schlagen sein. Offen ist lediglich, ob er nach Sven Hannawald (2002), Kamil Stoch (2018) und Ryoyu Kobayashi (2019) der vierte Athlet werden wird, der die Tournee mit Siegen auf allen vier Schanzen gewinnt. So wie es derzeit aussieht, können diese weder seine Kontrahenten noch die Schwerkraft verhindern.