David Siegel ist beim DSV ausgebootet worden und muss seine Karriere beenden. Der 26-Jährige hat nicht nur seit 2019 einen steinigen Weg zurückgelegt.
Für David Siegel ist offenbar in den Mannschaften des Deutschen Skiverband kein Platz mehr. Obwohl er in der vergangenen Saison vier Top-Ten-Plätze im Continentalcup geholt hat und bis in den Februar 2023 gut im Rennen lag, ehe zum Ende der Saison ein wenig der Wurm drin war, wurde der Springer aus dem Sulzer Stadtteil Dürrenmettstetten, der für den SV Baiersbronn startet, für keinen Förderkader nominiert und muss daher gezwungenermaßen mit 26 Jahren seine Karriere beenden. Wir schauen zurück auf eine erfolgreiche Laufbahn, die aber gleichzeitig von großen gesundheitlichen Rückschlägen begleitet wurde.
Vor Zakopane – nach Zakopane
Einteilen kann man David Siegels Karriere in die Zeit vor Zakopane 2019 und danach. Zakopane war eigentlich die Lieblingsschanze des beliebten Skispringers, doch ausgerechnet dort ereignete sich Schicksalhaftes für den heute 26-Jährigen. Wir schreiben den 18. Januar 2019. Nach einer gelungenen Vierschanzentournee, die Siegel auf dem 22. Platz abschloss, und den Weltcup-Plätzen 14 und 5 im italienischen Val di Fiemme legt David Siegel in der Qualifikation im polnischen Zakopane Platz 15 vor. Bundestrainer Werner Schuster nominiert den aufstrebenden 22-Jährigen daher erstmals für den Mannschaftswettbewerb am Tag darauf.
Im ersten Durchgang landet er bei 135,0 Metern und trägt mit 144,6 Punkten wesentlich dazu bei, dass das deutsche Team weit in Führung liegt. Im zweiten Durchgang herrschen gute Bedingungen, Markus Eisenbichler fliegt auf 143,0 Meter – Schanzenrekord! Doch die Jury reagiert nicht, lässt den Anlauf identisch, und das hat Folgen. David Siegel fliegt und fliegt – über die erste Linie, über die zweite … Als er bei 142,5 Metern zur Landung ansetzen muss, kann er den Sprung nicht stehen, stürzt und bleibt im Auslauf liegen. Dennoch gewinnt das deutsche Team das Springen.
Das Kreuzband ist ab
Siegel wird abtransportiert, und später ist klar: Der Junioren-Weltmeister von 2016 hat sich das Kreuzband gerissen. Die bis dahin hervorragend laufende Saison ist für den Youngster zu Ende, der Höhenflug im Weltcup abrupt zu Ende. Es ist der Beginn einer 18-monatigen Leidenszeit.
Schon 2016 hakt’s
Es ist nicht der erste gesundheitliche Rückschlag in David Siegels Karriere. 2016, als frisch gebackener deutscher Meister, wollte er voller Selbstbewusstsein angreifen. Doch das Sprunggelenk machte Probleme. Auch zwei Wochen Pause halfen nicht. Es kam heraus, dass ein Knochensplitter im Gelenk die Ursache des Übels war.
Im mentalen Loch
Und 2019 kommt alles noch schlimmer. „Da bin ich in ein Loch gefallen“, gibt Siegel zu, „von 100 auf null – da ist mir etwas weggebrochen.“ Gleichzeitig war dieses Loch aber auch der Beginn neuer mentaler Stärke. Denn er sucht als gläubiger Christ die Hilfe eines Pastors, und der erklärt ihm, dass es fünf Säulen der Persönlichkeit gäbe: Gesundheit, Beruf, Werte, materielle Sicherheit, soziales Netz. Siegel fand bei sich nur seinen Sport als Beruf voll ausgefüllt, Gesundheit ausbaufähig, bei allem anderen konnte man von „Säule“ nicht reden. Und die bestehenden Säulen brachen durch die Verletzung weg. „Wenn von heute auf morgen zwei Säulen wegbrechen, dann kann sich jeder vorstellen, wie es in mir ausgesehen hat.“
Vielversprechendes Comeback
Siegel arbeitet in der Verletzungszeit an sich, holt die Fachhochschulreife nach, engagiert sich in der evangelischen Gemeinde. Und kommt stark zurück. Aber eben erst am 22. August 2020. Bei zwei Auftritten im Sommer-Grand-Prix im polnischen Wisla belegt er die vielversprechenden Plätze 27 und 29. Doch wegen Corona folgt erst im Dezember der nächste Auftritt. Weltcup im schweizerischen Engelberg, Platz 34. Zwei Auftritte bei der Vierschanzentournee laufen durchwachsen. In der restlichen Saison holt er immer mal wieder Top-Ten-Plätze in Continental- und FIS-Cup, im Sommer gewinnt er in Kuopio, der Winter 21/22 beginnt mit dem Sieg im allerersten Wettkampf auf der neuen Olympiaschanze in Zhangjiakou (Peking). Trotz guter Leistungen erhält nicht er, sondern Altmeister Severin Freund den Quotenplatz fürs Weltcup-Team. Dann kommt die vergangene Saison, an deren Ende jetzt wie aus dem Nichts das Karriere-Aus steht.
Eine Situation fast wie 2019. „Es war sehr hart, in einer Phase, in der ich richtig gut drauf war, von einem Tag auf den anderen plötzlich raus zu sein“, blickt Siegel noch einmal zurück, denn diese Zeit hat ihn geprägt. „Es gab in der Zeit viele Fragen zum Leben allgemein“, erklärt ein sehr in sich ruhender David Siegel, „ich hab da ein gutes Fundament und einen guten Halt im christlichen Glauben gefunden. Das hat mich zur Ruhe gebracht und zur Sichtweise, dass Skispringen nicht alles ist, auch wenn mir das sehr viel Spaß macht.“ So hat er für sich beantwortet, „wie es nach dem Skispringen weitergehen könnte, was mich interessiert, wer ich bin“. Und diese mentale Stärke wird ihm auch jetzt bei den nächsten Schritten in die Zukunft helfen.
David Siegel über ...
… seine Anfänge: »Ich bin Ski gefahren in Baiersbronn, da sind die gegenüber Ski gesprungen. Das war cool. Da bin ich mit meiner Mutter rüber, hab‘s mit angeschaut, und der Trainer, Klaus Faißt, hat mich am Ende eingeladen, mal ein bisschen reinzuschnuppern. Das hat mir so einen Spaß gemacht, da bin ich mit meinem Bruder gleich dabeigeblieben.«
… das Anfangsalter: »Skispringen muss man sehr früh anfangen. Wie der Mensch so ist, kommt er nicht von sich aus auf die Idee zu sagen: ›Ich will von der Schanze hüpfen.‹ Im jungen Alter macht man sich da nicht so viele Gedanken. Ich war 5, da hat der Trainer gesagt: ›Fahr da runter!‹ Die anderen haben es auch gemacht, dann fährt man halt runter.«
… frühe Stürze: »Wenn‘s einen da mal zerbröselt oder man hinfällt, dann steht man halt auf und fährt wieder runter. Ist halt so.«
… das Gefühl heute: »Es ist auf jeden Fall was Natürlicheres. Natürlich ist der Verstand weiter und man kennt jetzt auch die Gefahren, gerade nach einem Sturz, das ist natürlich immer im Hinterkopf. Man hat einen gesunden Respekt gegenüber den Kräften, die bei so einem Sprung wirken, aber keine Angst. Das ist ganz, ganz wichtig.«
… die Emotionen in der Luft: »Da gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder es ist ein sehr, sehr guter Sprung, dann kann man das gut mit Surfen vergleichen. Man ist einfach auf der Welle drauf und genießt das einfach nur, bis man ein paar Sekunden später schon wieder aufkommt. Wenn der Sprung nicht so gut ist, dann ist‘s dauerhaft ein Kampf, und man zieht und kämpft um jeden Meter.«
… die Ernährung: »Es führt zur Disqualifikation, wenn man zu leicht ist. Das Mindestgewicht ist immer ein Thema. Alle wollen gewinnen, deswegen gehen alle an ihre Grenzen, sei es beim Material, sei es beim Körpergewicht. Da ist keiner da, der sagt: ›Ich mach das jetzt, weil mir das Spaß macht.‹ Ein Kilo Körpergewicht kosten etwa fünf bis sieben Meter auf der Schanze, also probiert man einfach, überall das Maximale aus sich herauszuholen.«
… über den Verzicht: »Ich tue mich relativ leicht, an das Mindestgewicht ranzukommen. Definitiv gibt es Verführungen, ein Stück Schokolade oder ein leckeres Essen, aber dadurch, dass wir ein ganz klares Ziel haben und erfolgreich in diesem Sport sein wollen, sage ich: ›Nee, das ist jetzt wichtiger als die Cola und die Chips am Abend.‹«
… über die Selbstdisziplin: »Klar, da muss man definitiv diszipliniert sein zu sich selber, aber dadurch, dass man den Sport von klein auf macht, werden die Gedanken auch gut in einen reingeimpft, weil: Da führt früher oder später nichts dran vorbei.«
… über die Begabung: »Es gibt immer wieder Leute, denen alles relativ leicht fällt. Ich gehöre nicht dazu. Bei mir war das nicht so, dass ich gesagt habe: ›So, das geht jetzt einfach so von jetzt auf nachher.‹ Ich war in meinem Jahrgang immer so zwischen Platz 5 bis 10 deutschlandweit, und da ist es überhaupt nicht garantiert, dass man irgendwann mal anklopfen kann an die Tür zum Weltcup oder zur Vierschanzentournee. Ich habe mir das alles hart erarbeiten müssen.«
… über den Druck: »Das ist unumgänglich, jeder muss sich jedes Mal neu beweisen. Grundsätzlich wird nach jedem Winter die Uhr auf null gestellt, und dann sagt man: ›So! Die besten sechs oder sieben dürfen in der ersten Mannschaft starten.‹«
… über den Sturz von Zakopane: »Da ist nichts geblieben. Mit der Schanze verbinde ich wirklich nur Gutes! Sie liegt mir, ich komme da schnell ins Laufen und weiß, wann ich den Sprung schnell machen muss, wann ich geduldig sein muss. Den Sturz hatte ich, weil es ein sehr, sehr guter Sprung mit top Windbedingungen war. Wenn ich dort hingehe, denke ich zuerst an meinen ersten Weltcupsieg mit dem Team.«
… über Déjà-vus: »Wenn es bei einem Sprung sehr weit runtergeht, kann es schon mal sein, dass in der Luft der Gedanke in den Kopf kommt: ›Moment, das wird gefährlich, da unten ist die letzte Linie, und der Sprung geht jetzt da drüber.‹ Dann stellt sich jedes mal wieder die Frage: Schaff ich‘s durchzuziehen und zu sagen: ›Ja, mach ich, da will ich drüber, da hab ich richtig Lust drauf‹ oder kommt dieser Schutzmechanismus in den Kopf: ›Moment, ist schon mal schiefgelaufen, lass mal!‹«
… über die Selbsterkenntnis: »In den 18 Monaten Verletzungspause gab es viele Fragen zum Leben allgemein. Ich hab da ein gutes Fundament und einen guten Halt im christlichen Glauben gefunden. Das hat bei mir einige Fragen beantwortet, wie es nach dem Skispringen weitergehen könnte, was mich interessiert, wer ich bin.«
… über Sponsoren: »Im Sommersport gibt es nur Fußball, Fußball, Fußball. Im Winter werden die Fernsehzeiten ganz anders verteilt, da läuft es letztendlich auf drei Sportarten raus: Skispringen, Biathlon und Ski alpin. Das heißt: Den Skispringern geht‘s an sich ziemlich gut.