Niemand fliegt weiter: Weltrekordhalterin Nika Prevc (li.) gratuliert ihrem Bruder Domen zu dessen Bestmarke. Foto: mago//Julia Piatkowska

Geschwister mit Gewinner-Gen: Die Weltmeister Nika und Domen Prevc aus Slowenien stellten wie einst ihr Bruder Peter Prevc einen Weltrekord im Skifliegen auf – eine im Sport beispiellose Leistung.

Wer nach den Worten „Weltrekord“ und „Geschwister“ googelt, erhält interessante Ergebnisse. Zum Beispiel das Alter, das sechs Schwestern zusammen erreichen (570 Jahre), oder den größten Altersunterschied zwischen Geschwistern (fast 50 Jahre). Es geht aber auch um eine Familie aus Pakistan, deren neun Mitglieder alle am selben Datum Geburtstag haben, und um die acht Geschwister einer nepalesischen Familie, die allesamt den Mount Everest bezwungen haben. Das sind natürlich höchst bemerkenswerte Geschichten, und zugleich macht diese Auflistung deutlich, wie besonders die Leistung von Nika und Domen Prevc ist.

 

Denn bei den Begriffen „Weltrekord“ und „Geschwister“ spuckt die Suchmaschine keine Namen von Sportlerinnen und Sportlern aus. Auch unsere Recherchen führten ins Leere, wir haben keine Geschwister gefunden, die in der Leichtathletik, dem Schwimmen oder einer anderen Sportart gleichzeitig den Weltrekord hielten – abgesehen von den beiden slowenischen Skisprung-Stars.

Domen Prevc kann es nicht fassen

Am 14. März landete Nika Prevc (20) in Vikersund/Norwegen erst nach 236 Metern und steigerte damit die Frauen-Bestmarke um fünfeinhalb Meter. Am Sonntag hob dann ihr Bruder ab. Domen Prevc (25) flog in Planica/Slowenien auf 254,5 Meter und verbesserte den sieben Jahre alten Weltrekord des Österreichers Stefan Kraft um einen Meter. „Es fühlte sich an, als würde ich einen Film schauen und der Figur dabei zusehen, wie sie das macht. Ich kann es nicht wirklich glauben“, erklärte Domen Prevc seinen fast surrealen Flug. „Ich habe schon beim Absprung gespürt, dass ich alles erreichen kann. Es war einfach nur perfekt.“ Und die Fortsetzung einer Familientradition.

Domen Prevc auf Weitenjagd Foto: dpa/Darko Bandic

Denn zu dem Skispringer-Clan gehört neben Cene Prevc (29), der 2022 mit dem slowenischen Team Olympia-Silber holte und dessen weitester Karrieresprung nach 246 Metern endete, auch Peter Prevc (32). Der älteste Sohn war lange der erfolgreichste Spross der Familie. 2016 dominierte er die Skisprungszene, gewann unter anderem die Vierschanzentournee, Gold bei der Skiflug-WM und den Gesamtweltcup. Insgesamt holte er bei Großereignissen sieben Medaillen, darunter Olympia-Gold 2022 mit dem Mixed-Team. Und dann gab es ja noch den 14. Februar 2015: An diesem Tag knackte Peter Prevc in Vikersund die magische Marke von 250 Metern – es war der erste Weltrekord für die Familie mit dem Flieger-Gen. Woher dieses kommt? Ist nicht geklärt.

Harte Arbeit gelernt

Vater Dare Prevc war einst ein Hobbyskispringer, der seine Kinder daheim in Dolenja Vas Zelezniki – einem Dorf in der Nähe des Skisprungzentrums Kranj – mit strenger Hand erzog. Ein kleines Unternehmen für Küchen und Möbel ernährte die Familie, schon früh musste der Nachwuchs mitanpacken. „Wir haben zu Hause gelernt, hart zu arbeiten“, sagte Cene Prevc einmal, „zwölf Stunden am Tag waren normal.“

Das Lächeln der Siegerin: Nika Prevc /Imago/Julia Piatkowska

An Eifer, Einstellung und Erfolgsstreben hat es in der Familie Prevc nie gefehlt, natürlich auch nicht im Sport. Und trotzdem gab es auch Abstürze. Vor der Vierschanzentournee 2018/19 zählte nicht nur Peter Prevc zur Weltspitze, sondern auch sein jüngerer Bruder. Domen Prevc hatte als 17-Jähriger in seiner ersten Weltcup-Saison vier Springen gewonnen, galt als Wunderkind. Doch dann ging es bergab. Am Tag des Neujahrsspringens in Garmisch-Partenkirchen reiste der von seiner Formschwäche frustrierte Peter Prevc ab, sein Bruder stieg gleich mit ins Auto. Doch beiden gelang die Kehrtwende.

Peter Prevc sammelte weiter Titel, Siege und Medaillen, ehe er seine Karriere im März 2024 zwei Tage nach seinem letzten Weltcup-Triumph im Skifliegen beendete. Erfolgreich blieb die Familie trotzdem.

In Trondheim nach Gold geschürft

Bei der WM 2025 in Trondheim gab es gleich mehrere Podestplätze. Nika Prevc, mit 20 Jahren schon zweimalige Gesamtweltcup-Siegerin, wurde Weltmeisterin von der Normal- und der Großschanze. Zudem holte sie Silber mit dem Mixed-Team – gemeinsam mit Bruder Domen, der auch noch Gold von der Großschanze und mit dem Team gewann. Es folgte der doppelte Weltrekord-Coup im Skifliegen, nach dem die Experten staunten. „Unglaublich, ich bin baff“, sagte der deutsche Topspringer Karl Geiger nach der Flugshow von Domen Prevc in Planica. Ähnlich äußerte sich Sven Hannawald: „Absolut sensationell – es geht nicht besser.“

Was Nika und Domen Prevc gleichermaßen auszeichnet, ist ihre tiefe Anfahrtshocke sowie die flache und effiziente Flugposition. Die Geschwister scheuen kein Risiko, springen sehr aggressiv. Und mittlerweile überzeugen sie auch mit ihrer Nervenstärke. „Domen ist ein bisschen ein Kamikaze-Flieger. Wenn er noch ein bisschen mehr arbeitet, kann er alles erreichen“, sagte Peter Prevc, „auf Nika bin ich sehr stolz. Sie ist schon jetzt die Beste der Welt.“ Und wenn das mal nicht mehr der Fall sein sollte? Kommt vielleicht die nächste Generation. Die Söhne von Peter Prevc, drei und sechs Jahre alt, sind zwar noch keine Skispringer – aber gute Gene für diesen Sport haben sie auf jeden Fall.

Rekord-Meilensteine im Skifliegen

Männer (I)
150 Meter: Lars Grini (Norwegen) am 11. Februar 1967 in Oberstdorf.203 Meter: Toni Nieminen (Finnland) am 17. März 1994 in Planica.225 Meter: Andreas Goldberger (Österreich) am 18. März 2000 in Planica.250 Meter: Peter Prevc (Slowenien) am 14. Februar 2015 in Vikersund.253,5 Meter: Stefan Kraft (Österreich) am 18. März 2017 in Vikersund.254,5 Meter: Domen Prevc (Slowenien) am 30. März 2025 in Planica.

Männer (II)
291 Meter: Ryoyu Kobayashi (Japan) am 24. April 2024 in Akureyri – diese offiziell nicht anerkannte Rekordweite wurde außerhalb eines Wettkampfs auf einer eigens für diesen Sprung erbauten temporären 300-Meter-Schanze auf Island erzielt.

Frauen
110 Meter: Tiina Lehtola (Finnland) am 29. März 1981 in Kuusamo.161 Meter: Eva Ganster (Österreich) am 5. Februar 1997 in Tauplitz.203 Meter: Ema Klinec (Slowenien) am 18. März 2023 in Vikersund.226 Meter: Ema Klinec (Slowenien) am 19. März 2023 in Vikersund.230,5 Meter: Silje Opseth (Norwegen) am 17. März 2024 in Vikersund.236 Meter: Nika Prevc (Slowenien) am 14. März 2025 in Vikersund.