Hannah Neise hat sich lieber den Eiskanal heruntergestürzt, als Englischvokabeln zu pauken. Foto: imago/Xinhua

Englisch verpassen und Selleriesaft trinken – wie Hannah Neise die jüngste Olympiasiegerin im Skeleton wurde.

Yanqing - Englisch zählte nicht zu den Lieblingsfächern von Hannah Neise. Wenn sich eine Chance fand, 45 Minuten zu versäumen, nutzte die Siebtklässlerin das. Und die Chance kam. Vor zehn Jahren waren ein paar Abgesandte aus dem 20 Kilometer entfernten Winterberg in ihrer Schule, die versuchten, Mädchen und Jungen fürs Skeleton zu begeistern; sie dürften mit zum Eiskanal kommen, um mal aus nächster Nähe zu erleben, warum diese Sportart so spannend sei. „Ich gehörte zwar nicht zu denjenigen, die sie ausgewählt hatten“, erzählt die 21-Jährige, „ich wollte aber trotzdem mit, weil ich meine Hausaufgaben vergessen und deshalb keine Lust auf Englisch hatte.“

 

Zum Glück. Aus dem Mädchen wurde eine Skeletoni, und zwar eine wirklich ausgezeichnete. Heute mag Hannah Neise zwar keine Auszeichnungen in Englisch vorweisen können, aber sie besitzt eine goldene Olympiamedaille. Recht überraschend gewann sie am Samstagabend im Eiskanal von Yanqing, zuvor hatte sie weder einen Weltcupsieg zu verzeichnen noch eine Podiumsplatzierung, und das Ticket nach China sicherte sie sich erst im letzten Qualifikationsrennen in St. Moritz mit Platz acht. Kaum einen Monat später ist die junge Frau aus Schmalenberg die bis dato jüngste Olympiasiegerin ihrer Sportart. „Olympiasiegerin“, sagte sie, „das hört sich irgendwie noch nicht real an. Das kommt mir alles vor wie im Film.“

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Wenn es denn einer war, wäre es ein spannungsgeladener Psychothriller. Denn es war lange eine Zitterpartie für Hannah Neise, um die Flugkarte nach Peking zu buchen, und was alles noch ein wenig kniffliger machte, war das angegriffene Nervenkostüm der Schlittenfahrerin. Sie zählt nicht zu den Menschen, die einen Ruhepuls von 50 haben, wenn eine wichtige Entscheidung bevorsteht. Die Sportlerin des BSC Winterberg wollte unbedingt mit zu den Winterspielen, sie wollte es so sehr, dass sie im Eiskanal und außerhalb regelmäßig verkrampfte, wenn es darauf ankam. „Ich machte mir selbst viel zu sehr Druck“, sagte sie. Trotz aller Anspannung fand die Jagd aufs Olympiaticket doch noch ein gutes Ende, aber nur, um den nächsten Aufreger bereitzuhalten.

Am Tag nach der erfolgreichen Qualifikation kam die nächste positive Nachricht, allerdings aus dem Covid-19-Testlabor – und damit waren die Nerven von Hannah Neise wieder einer Belastungsprobe ausgesetzt. „Das war ein Schock“, erzählte die Jugendweltmeisterin von 2021, „aber nach und nach habe ich gelernt, damit umzugehen.“

Optimistisch bleiben, lautete das Motto, ihre Mutter unterstützte sie dabei, nicht ungeduldig zu werden, und riet ihr zu einem Hausmittel: Selleriesaft. „Ich habe unglaublich viel davon getrunken“, sagte die Goldmedaillengewinnerin, „aber das mache ich erst dann wieder, wenn es unbedingt nötig ist.“ Die Prozedur erfüllte ihren Zweck, rechtzeitig vor dem Abflug war sie wieder negativ.

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Diese Vorgeschichte führte dazu, dass die Schlittenfahrerin mental neu aufgestellt war – der Kopf war frei, sie hatte ihr Ziel Olympia erreicht, alles andere ordnete sie in die Kategorie „Zugabe“ ein. Hannah Neise genoss die Tage vor dem Start im Olympischen Dorf, sie unterhielt sich mit anderen Athletinnen, sie tauschte mit den Freiwilligen die begehrten Anstecknadeln, sie telefonierte mit ihren Eltern daheim. Die 21-Jährige unterzog sich fleißig ihren Mentalübungen, sie machte tiefe Atemzüge, um die „Nervosität auszuatmen“, sie hörte regelmäßig Entspannungsmusik, um den Körper runterzufahren, sie hielt sich an die Anweisungen ihrer Mutter, stets „positiv zu bleiben“. Und Hannah Neise blieb immer entspannt und immer locker.

Den letzten Mosaikstein zur goldenen Olympiapuzzle fügte Skeleton-Kollege Christopher Grotheer ein. Der Routinier hatte am Tag zuvor Gold gewonnen, er gab seiner Kollegin einen Rat vor den beiden entscheidenden Läufen mit auf den Weg nach unten. „Wenn man an sich glaubt, dann schafft man es auch“, hatte der 29-Jährige gesagt, was auch für ihn selbst gegolten hatte. „Das hat mir enorm geholfen“, sagte Hannah Neise. Sie nimmt aus China nicht nur eine Goldmedaille mit nach Hause, sondern auch die unersetzliche Erfahrung, die schon der Bär Balu im „Dschungelbuch“ zur Maxime erhoben hatte: Versuch’s mal mit Gemütlichkeit.