Mehr als 100 Leserinnen und Leser unserer Zeitung sowie Prominenz aus der Filmbranche erlebten im SpardaWelt Eventcenter Stuttgart den Abend „Sind wir FilmLänd?“. Wie war es? Welche Positionen wurden deutlich?
Als am Montagabend Expertinnen und Experten im SpardaWelt Eventcenter in der Veranstaltungsreihe „Mittendrin“ unserer Zeitung über die Rolle der Filmwirtschaft in Baden-Württemberg diskutierten, lautete die Frage: „Sind wir FilmLänd?“.
Publikum ist zahlreich erschienen, Akteure der baden-württembergischen Filmwirtschaft füllen den Saal – allein dies schon scheint eine positive Antwort zu bedeuten. Doch die Branche artikuliert nicht nur ihre Stärken. Es gibt auch Defizite. Andreas Bareiss, vom 1. Mai an neuer Direktor der Filmakademie Baden-Württemberg, spricht sie aus. Er stellt die Frage, ob Baden-Württemberg nicht vielmehr ein „Filmländle“ sei, weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibe. Und der Blick geht weiter: Das Land ist in einem wirtschaftlichen Strukturwandel – ein Chance für die Filmbranche?
Auf dem Podium sind mit Andreas Bareiss Arne Braun, Kunststaatssekretär des Landes, Simone Baumann, Geschäftsführerin des für die Vermarktung deutscher Filme im Ausland verantwortlichen Unternehmens German Films in München, Annegret Richter, künstlerische Leiterin des Internationalen Trickfilm-Festivals Stuttgart, und Jochen Laube, international als Produzent erfolgreich und 2023 für die Netflix-Serie „Die Kaiserin“ mit dem International Emmy geehrt. Nikolai B. Forstbauer, Autor unserer Zeitung, moderiert.
38 Millionen Euro Fördermittel insgesamt
Animation ist das Filmthema, bei dem Land und Region Stuttgart glänzen. Vom 6. bis zum 11. Mai findet in diesem Jahr das Internationale Trickfilm-Festival Stuttgart statt, wird auch der Schlossplatz bespielt mit Animationsfilmen – ein Leuchtturm der Branche, wie Arne Braun sagt, ein Mekka der Animation, ein Zukunftsthema. Animation und Special Effects, stellt Simone Baumann fest, sind jene Bereiche, in denen Deutschland sich international am besten positioniert. „Oft stammt die Hälfte der Umsätze der Branche aus Animationsfilmen.“ Über die Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg MFG fließen aktuell 17 Millionen Euro in die Filmförderung. Nimmt man unter anderem die Mittel für die Festivals im Land hinzu, kommt man auf ein Fördervolumen von 38 Millionen Euro. Ein Schwergewicht ist hierbei der Bereich Animation. „Wir haben uns gefragt: Warum sollten wir die Starken nicht stärken?“, sagt Arne Braun. „Wir setzen einen Schwerpunkt.“
Schwergewicht Animation weiter stärken
Die Chance Animation muss man weiter nutzen – darin ist sich das Podium einig. Jochen Laube jedoch weist darauf hin, wie schwierig sich die Finanzierung von Filmen anderer Bereiche gestaltet. „Ich freue mich über den Erfolg der Animationsbranche in den vergangenen Jahren“, sagt er, „man sieht, wie weit man kommen kann, wenn das politisch gewollt ist.“
Die deutsche Filmförderung, stellt Laube fest, leidet unter strukturellen Schwächen, vor allem fehle es an Geldern des Bundes. Und er verweist auf die Produktionsbedingungen im europäischen Umland: Automatisierte Fördermodelle sprechen Projekten Förderanteile von 20 bis zu 50 Prozent zu. „Die Produktionsbedingungen im Ausland“, sagt er, „sind nicht optimal. Sie sind lediglich normal.“ Und er fordert: „Wir brauchen ganz klar erweiterte Steueranreize.“
Simone Baumann spricht vom großen Nachteil, der deutschen Filmprojekten so entsteht: „Wenn wir einen Originalstoff haben und Kooperationspartner im Ausland suchen, kommen Länder wie Belgien und Luxemburg, bringen gleich eine Million Euro mit – und wir verlieren die Majorität.“
Wie wirkt sich die Künstliche Intelligenz aus?
Die Diskussion um den Film in Baden-Württemberg findet zu einem Zeitpunkt statt, da sich grundlegende Wandlungen ankündigen. Dass Künstliche Intelligenz die Branche verändern wird – darauf weist Arne Braun deutlich hin. Zuvor spricht Andreas Bareiss ein weiteres Thema an: „Es wird eine tiefgreifende Transformation des Landes geben. Daimler hustet, Stuttgart hat Schnupfen.“ Oder, mit dem Worten des Staatssekretärs: „Das Geschäftsmodell, Autos für einen internationalen Markt zu produzieren, funktioniert in dieser Form nicht mehr. Wir müssen neue Wirtschaftsthemen entwickeln oder erfinden.“ Dabei denkt Arne Braun auch an die Gesundheitswirtschaft – vor allem aber an den Kreativbereich in seiner ganzen Breite: „Von der Oper bis zu Helene Fischer.“
Braun sieht großes Potenzial im Land – aber auch, wie alle Teilnehmer der Diskussion, die große Schwierigkeit, Fachkräfte, die in Baden-Württemberg ausgebildet wurden, hier zu halten. Denn, so Jochen Laube: „Baden-Württemberg ist kein Filmland. Es ist ein Filmakademieland.“ Um das zu ändern muss Baden-Württemberg, so Annegret Richter, Kontinuitäten schaffen, Filmschaffende besser bezahlen, ein konkurrenzfähiges Fördersystem aufbauen, vor allem aber auch originäre Stoffe finden. Dazu sagt Simone Baumann: „Man sollte mehr von Baden-Württemberg sehen im Film. Es muss sich nicht verstecken.“ Baumann drängt zudem auf mehr Präsenz, „mehr Sichtbarkeit bei internationalen Branchentreffen und Festivals“.
SWR eröffnet neue Perspektiven
Ein sehr großes Fenster, darin ist sich die Runde einig, öffnet der Südwestrundfunk mit dem künftigen Prinzip, Produktionen nach außen zu vergeben. „Das ist eine Riesenchance“, sagt Kunststaatssekretär Arne Braun.
Und wie entwickelt man das Erfolgsmodell Filmakademie weiter? „Ich möchte den erfolgreichen Kurs von Thomas Schadt fortsetzen“, sagt Andreas Bareiss, „und ich möchte neue Akzente setzen. Die Filmakademie soll im Land wieder mehr präsent werden.“ Und der neue Direktor der Filmakademie formuliert eine klare Position: „Bayern wird immer etwas lauter sein, Berlin wird immer etwas greller sein – aber was uns ausmacht ist: Wir können anpacken. Und wenn wir etwas machen, machen wir es richtig.“