Auf Social Media werden viele psychologische Phänomene oft extrem vereinfacht dargestellt. Die Psychologin Esther Bockwyt kritisiert in ihrem neuen Buch aktuelle Pop-Psychologie-Trends und plädiert für weniger schwarz-weiß Denken. Foto: PR/ Gina Reinholz

Wo liegt die Grenze zwischen hilfreicher Selbstreflexion und schädlicher Selbstdiagnose? Ein Gespräch mit der Psychologin Esther Bockwyt über ihr Buch „Alles toxisch oder was?“

Narzissmus, People Pleasing, Gaslighting oder toxische Beziehungen – viele Menschen jonglieren inzwischen mit einst psychologischen Fachbegriffen in ihrem Alltag umeinander. Glaubt man Beiträgen von Psycho-Influencern auf Social Media, muss jeder sein inneres Kind erst geheilt haben und sämtliche Red Flags beim Dating erkennen können, um sein Leben zu meistern. Die Psychologin Esther Bockwyt aus Recklinghausen sieht diesen Pop-Psychologie-Trend kritisch. Im Interview erklärt die 41-Jährige, warum die Inflation von Begriffen wie Trauma, Narzissmus und Hochsensibilität auch problematisch ist.

 

Frau Bockwyt, Sie haben ein Buch geschrieben, das sich kritisch mit dem Pop-Psychologie-Trend auseinandersetzt. Was war der Anlass dafür?

Wir hatten ja diesen Riesentrend in den letzten 15 Jahren, wo die Psychologie explodiert ist und Aufklärung über psychische Erkrankungen, und über psychisches Wohlbefinden zugenommen hat. Das war ja erst mal eine fortschrittliche Bewegung, weil psychische Probleme doch sehr stigmatisiert waren. Und auch der Ansatz, dass Menschen mehr Selbstfürsorge betreiben lernen, war eigentlich sinnvoll. Inzwischen würde ich da aber zum Teil von einer starken Psychologisierung des Lebens sprechen – zumindest auf Social Media.

Was passiert denn aus Ihrer Sicht, wenn es zu viel davon gibt?

Es gab Studien, die untersucht haben, wie viel Fehlinformationen kursieren über psychische Erkrankungen – das war erschreckend hoch. Es kann eben dazu führen, dass sehr viele falsche Selbstdiagnosen im Umlauf sind.

Bei welchen Krankheiten oder Phänomen zum Beispiel?

AHDS oder Hochsensibilität – letzteres ist ja keine Krankheit, aber es ist auch kein wirklich schlüssiges Syndrom. Aber auch Phänomene, die mehr subklinisch sind, zum Beispiel etwas wie People Pleaser, oder eben auch die Vorstellung, traumatisiert zu sein, das innere Kind heilen zu müssen. Ich glaube, dass man, wenn man sich falsch wiedererkennt, in Schleifen mit selektiver Wahrnehmung geraten kann und sich vielleicht auch in ein Konstrukt weiter hineinsteigert. Man erkennt dann immer mehr bei sich davon und ein Syndrom wird Teil der Identität. Das kann das Selbstwertgefühl schwächen und es können negative Spiralen entstehen.

Der Trauma-Begriff wird ja heute sehr inflationär verwendet...

Das ist ein perfektes Beispiel für diese Inflation. Das läuft ja oft mit der Wahrnehmung zusammen, dass man geschädigt ist. Und das macht etwas mit dem Selbstbild. Man wird dann wirklich vulnerabler. Man hat weniger Selbstwirksamkeits-Überzeugungen. Es geht ja oft damit einher, dass man glaubt, eine toxische Kindheit gehabt zu haben. Wenn man zu so einer Wahrnehmung kommt – meine Eltern haben mich geschädigt – kann das hilfreich sein, wenn wirklich psychische Erkrankungen vorliegen. Aber man kann auch das eigene Selbstbild damit angreifen, weil man ein Stück von sich selbst damit abwertet.

Wie sehen Sie das Konzept vom inneren Kind?

Das wurde stark propagiert, dass man so etwas selbst heilen kann, indem man beispielsweise Glaubenssätze transformiert. Das ist ein wenig wie magisches Denken. Das kann natürlich gewisse Impulse geben, aber dass das jetzt Heilung bewirkt, ist komplett unrealistisch. Dafür braucht es bei wirklichen Kindheitstraumata ein therapeutisches Gegenüber. Beim Trend zum inneren Kind würde ich aber auch noch hinzufügen, dass wir als Erwachsene die Verantwortung für unsere Gefühle und unser Verhalten übernehmen müssen. Wer die Schuld oder Erklärung dauerhaft bei anderen sucht, bleibt im kindlichen Ohnmachtsgefühl stecken.

Es gibt ja aber auch schon eine Gegenbewegung zum inneren Kind- und dem „Ich muss mich heilen“-Trend. In manchen Coaching-Szene gibt es fast schon den Zwang, immer positiv denken zu müssen…

Genau, da ist es die Selbstüberhöhung in dem Sinne, dass man sagt: ‚Du kannst, du musst alles schaffen‘ Und ‚Nur, dass du an dich selbst glaubst, ist relevant‘. Das erzeugt natürlich einen krassen Druck. Es ist zunächst attraktiv, unser Kontrollbedürfnis so anzusprechen. Weil es erst einmal selbstwertstärkend und motivierend ist. Aber auf lange Sicht wird man ja, wenn man nur nach diesem Prinzip geht, irgendwann doch mal an den hohen Zielen, die man da setzt, scheitern. Dann berichten Coaching-Teilnehmer, dass sie sich die Schuld dafür geben, dass sie noch nicht da sind, noch nicht positiv genug waren.

Oder, dass sie sich nicht genug manifestiert haben, um reich zu sein.

Ja, da gibt es auch eine spirituelle Abzweigung. Positives Denken kann positive Effekte haben, ganz klar. Aber auch hier wird das wieder maßlos überschätzt. Das ist ja reines magisches Denken. Uns wird suggeriert, man könne sich reich denken oder sein Leben komplett selbst gestalten, nur durch die richtige Einstellung.

Der Narzissmus-Begriff ist aber ja auch sehr populär geworden.

Das Thema Narzissmus ist groß geworden, aber ich glaube, das war auch notwendig. Das war therapeutisch gar nicht so auf dem Schirm, weil Narzissten ja auch sehr selten in Therapie gehen oder nicht richtig erkannt werden. Und narzisstische Züge, auch ausgeprägtere, scheint es gar nicht so selten zu geben. Da ist es auch wichtig, dass man darüber mehr weiß und diese erkennt. Es gibt aber auf der anderen Seite wieder die Inflationierung. Überall Red Flags, toxische Beziehungen, Gaslighting und an jeder Ecke werden narzisstische Menschen gesehen. Reale Phänomene werden dadurch verwässert.

Auch Bindungsstile sind ja in dem Zusammenhang in aller Munde…

Und das ist auch etwas Wahres dran, dass Menschen mit wiederkehrenden Beziehungsschwierigkeiten Probleme haben, die durch Bindungsstile auch sehr gut erklärt werden können. Aber auch hier wieder die Frage: Du bist dieser Bindungsstil und das verursacht all deine Probleme? Und ist das der einzige Grund? Ich habe immer ein Problem damit, egal in welchen Themen, wenn diese Einordnungen so rigide verstanden werden wie: Du kannst dich einfach einem Typ zuordnen und daraus folgt dann XY-Lebensprogramm. Das finde ich sehr schwierig.

Wie unterscheiden sich die Generationen im Umgang mit psychischen Themen?

Früher war das ja sehr verpönt, über psychische Probleme zu sprechen oder sie überhaupt wahrzunehmen. Heute ist das anders. Das liegt auch daran, dass die Dinge positiv umgedeutet werden. ADHS sei eine Superkraft und keine Krankheit. Plus, wenn solche Diagnosen noch selten sind, dann kann es natürlich einen Selbstwertgewinn haben, sich dort zuzuordnen. So wird ja auch die Neurodivergenz geframed, nicht als etwas Krankhaftes, sondern als etwas Spezielles, was nicht jeder hat.

Was ist Ihr Fazit aus dem Buch?

In den letzten Jahrzehnten hat das ‚therapeutische Zeitalter‘ uns gelehrt, nach innen zu schauen – manchmal so sehr, dass es in Narzissmus oder Überforderung mündet. Für die pop-psychologischen Mantras gilt: Die Dosis macht das Gift – eigentlich ziemlich banal. Aber bei diesen Mantras, die dort gepredigt werden, geht es immer um Extreme. Die einzelnen Dinge sind an sich nicht problematisch und können in gewissem Maße hilfreich sein. Aber man sollte sie nicht als Allheilmittel sehen. Nicht jeder Mensch benötigt eine Psychoanalyse, und die Schwelle im klinischen Bereich zur Pathologie ist viel höher als sie auf Social Media dargestellt wird.

Über die Heilsversprechen der Selbsthilfeindustrie und den Selbstoptimierungsdruck

Leben
Esther Bockwyt (41) ist Psychologin mit Schwerpunkten auf der klinischen,

Werk
Ihr aktuelles Buch „Alles toxisch oder was? Ein Wegweiser durch den #Mentalhealth-Dschungel – und was wirklich hilft“ ist gerade bei Hoffmann und Campe erschienen. 2024 veröffentlichte sie den Spiegel-Bestseller „Woke. Psychologie eines Kulturkampfs.“ Sie schreibt außerdem regelmäßig für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). (nay)