Silvio Heinevetter ist eine der auffälligsten Erscheinungen im deutschen Handball. Vor dem Trainingsstart des TVB Stuttgart spricht der Nationaltorwart über den Reiz der neuen Aufgabe, seine Ziele und Respekt vor dem Alter.
Auch mit seiner Hilfe ist der Handball bei den Füchsen Berlin zu einem Spektakel in der Handball-Bundesliga geworden. Nach seinem Abstecher zur MT Melsungen schlägt Silvio Heinevetter nun beim TVB Stuttgart ein neues Kapitel auf, wo an diesem Samstag mit den Leistungstests die Vorbereitung beginnt. Kann das Projekt einen ähnlichen Verlauf nehmen wie in der Bundeshauptstadt?
Herr Heinevetter, wie haben Sie die handballfreie Zeit genutzt?
Zunächst einmal braucht der Körper nach so einer Saison zwei, drei Wochen komplette Pause. Ich war dann viel unterwegs, habe Freunde besucht, war hier und da mal bei einer Hochzeit von ehemaligen Mitspielern eingeladen. Ich habe einfach Dinge gemacht, für die man während der Saison keine Zeit findet. Jetzt fange ich ganz langsam an, wieder zu trainieren. Ganz gut ist, dass ich schon eine Wohnung gefunden habe. Da habe ich eine große Herausforderung bereits hinter mir.
Können Sie den Slogan „Stuttgart ist viel schöner als Berlin“ schon nachvollziehen?
(lacht) Das ist für mich unmöglich zu beurteilen, weil ich elf Jahre in Berlin war und ich Stuttgart bisher gerade mal ein oder zwei Tage besucht habe. Ich lass mich da überraschen.
Ihr Vertrag beim TVB hätte auch für die zweite Liga gegolten. Sie müssen von Stuttgart doch überzeugt gewesen sein.
Ich war immer felsenfest davon überzeugt, dass der TVB drinbleibt. Der Verein und vor allem Geschäftsführer Jürgen Schweikardt haben mir in den Gesprächen immer den Eindruck vermittelt, dass sie das mit dem Klassenverbleib hinkriegen. Da habe ich das vermeintliche Risiko in Kauf genommen.
Was sind Ihre Erwartungen an die kommenden zwei Jahre?
Ich bin nicht der Typ, der weit nach vorne schaut. Ich will erst mal die Vorbereitung überstehen, die ist für jeden Spieler immer knackig. Danach kann man über die ersten Spiele nachdenken, möglichst gut in die Saison reinkommen und sich Schritt für Schritt nach vorne tasten.
„Auftakt ein Brett“
Aber mit dem Ziel, eine sorgenfreie Saison spielen zu wollen, würden Sie sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Unser erstes Saisonspiel ist beim THW Kiel. Das ist natürlich schon mal ein Brett. Ich möchte jetzt erst einmal die neuen Leute kennenlernen, dann müssen wir uns als Mannschaft finden. Das steht für mich aktuell im Vordergrund.
Wissen Sie, was Sie in einem Interview mal gesagt haben, was das Mutigste war, das Sie bisher getan haben?
Nein.
Sie sagten: Simone Thomalla, Ihre ehemalige Partnerin, sei das gewesen. Weil es eine Herausforderung ist, mit einer solch erfolgreichen Schauspielerin durchs Leben zu gehen.
Das ist Vergangenheit. Da möchte ich nichts mehr dazu sagen.
Der Wechsel nach Stuttgart hatte nichts mit Mut zu tun?
Nein, gar nicht. Der TVB hat sich sehr bemüht, das klang alles sehr schlüssig. Mich reizt es, an Projekten mitzuwirken, wo man etwas erreichen kann. Das ist immer interessanter, als in eine gefestigte Mannschaft zu kommen, in der Titel programmiert sind.
„Etwas entwickeln – das ist mein Ding“
Wirklich?
Ja, ich möchte den TVB nach vorne bringen, mithelfen, etwas zu stabilisieren, etwas zu entwickeln, selbst ein Teil davon zu sein – das ist mein Ding.
Ähnlich wie bei den Füchsen Berlin?
Absolut.
Ist in der Großstadt Stuttgart eine ähnliche Entwicklung möglich?
Das Potenzial ist in einer Großstadt wie Stuttgart da. Doch es hängt auch von der personellen Weiterentwicklung ab. So etwas dauert – von daher: Auch wenn wir eine Überraschungssaison hinlegen können, darf man nicht zu euphorisch sein.
Der TVB geht aber bereits in sein achtes Bundesliga-Jahr. Es wäre höchste Zeit für den nächsten Schritt.
Schon, aber man sieht es an der vergangenen Saison. Man kann auch mal ein schwieriges Jahr haben und gegen den Abstieg kämpfen. Das gehört zu einem Prozess eben auch dazu.
Was sind die entscheidenden Kriterien, dass der Prozess einen positiven Verlauf nimmt.
Kontinuität auf den Schlüsselpositionen – auf und neben dem Feld. Dazu wirtschaftliche Substanz und Seriosität, clevere Neuverpflichtungen und gute Jugendarbeit.
Stichwort Jugend: Sie sind 37 und bilden mit dem 21-jährigen Miljan Vujovic ein Gespann. Müsste sich ganz gut ergänzen – oder?
Ich kenne ihn noch nicht persönlich. Aber manchmal ist das Alter nicht ausschlaggebend. Wichtiger ist, dass man als Team funktioniert.
Muss er Ihre Sporttasche tragen?
Wie kommen Sie darauf?
„Respekt vor dem Alter“
Weil Sie mal gesagt haben, Sie hätten Respekt vor dem Alter und würden es gut finden, wenn ein jüngerer Spieler dem älteren die Sporttasche trägt.
Die Zeit hat sich schon etwas gewandelt. Ich habe das als jüngerer Spieler durchgemacht, heutzutage geht das nicht mehr. Aber grundsätzlich ist es ja nicht nur im Sport so, dass man Respekt vor dem Alter haben sollte und das Wort eines Älteren mehr Gewicht haben sollte als das eines Jüngeren. Da spielt eben auch Erfahrung mit rein.
Sie haben nicht nur Erfahrung, Sie bringen auch einen gewissen Glamour-Faktor mit nach Stuttgart. Sind Sie sich dieser Rolle bewusst?
Das interessiert mich tendenziell eher weniger.
Interessiert Sie noch die Nationalmannschaft? Wenn das Vaterland ruft, bin ich da, war stets Ihr Motto.
Wir sind gerade noch im Urlaub, die Vorbereitung fängt erst an, so weit nach vorne schauen möchte ich nicht. Das ist für mich derzeit irrelevant.
„Ligareduzierung nicht realistisch“
Spielt die Zusatzbelastung für Sie bei der Entscheidung eine Rolle?
Das Belastungsthema beschäftigt mich, solange ich Handball spiele. Daran wird sich auch nichts ändern, weil das in Deutschland schwierig zu handeln ist. Manche Spieler ziehen ihre Konsequenzen und machen eben Abstriche bei der Nationalmannschaft wie zum Beispiel Hendrik Pekeler. Als Torwart hat man es da vielleicht etwas leichter. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Haben Sie denn einen Vorschlag?
Ich habe diesen doch schon einfließen lassen, aber eine Ligareduzierung ist eben nicht so einfach durchzudrücken, weil es viele unterschiedliche Blickwinkel der Vereine gibt, die auch nachvollziehbar sind. Daher bin ich mir relativ sicher, dass es in Deutschland keine Reduzierung der Bundesliga auf 16 Clubs gibt.
Also werden auch weiterhin Superstars die Bundesliga verlassen?
Ja, das ist dann eben der Lauf der Dinge. Aber man bekommt ja auch immer wieder welche dazu, wie das Beispiel des dänischen Topmanns Mathias Gidsel zeigt, den die Füchse aus Gudme an Land gezogen haben.
Können die Füchse kommende Saison deutscher Meister werden?
Ich denke, dass es in der kommenden Saison an der Spitze um einiges enger zugehen wird als diesmal. Ich rechne mit einem interessanten Dreikampf um die deutsche Meisterschaft zwischen Titelverteidiger SC Magdeburg, dem THW Kiel und den Füchsen. Das ist allemal spannender als im Fußball.
Zur Person
Vita
Silvio Heinevetter wurde am 21. Oktober 1984 in Bad Langensalza geboren. Nach der Jugend spielte er bis 2005 für den 1. SV Concordia Delitzsch. Danach vier Jahre für den SC Magdeburg und von 2009 bis 2020 für die Füchse Berlin, wo er zu einer Identifikationsfigur wurde. Von 2020 bis zum Ende der vergangenen Saison stand er bei der MT Melsungen im Tor, seit 1. Juli läuft sein Zweijahresvertrag beim TVB Stuttgart. Heinevetter absolvierte 204 Länderspiele für Deutschland, sein größter Erfolg war die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016. 2007 (mit dem SC Magdeburg) sowie 2015 und 2018 jeweils mit den Füchsen Berlin gewann er den EHF-Pokal. Mit Berlin feierte er auch 2015 und 2016 die Vereinsweltmeisterschaft.
Privates
Heinevetter mag Schlager, insbesondere auch von Andrea Berg. Er ist Fußballfan und unterstützt Union Berlin. Von 2009 bis 2021 war der Torwart mit der Schauspielerin Simone Thomalla liiert.