Silvio Heinevetter ist der erfahrenste Spieler im Kader des TVB Stuttgart. Im Interview spricht der Torwart über den Trainerwechsel beim Bundesligisten, die Arbeit von Michael Schweikardt und das Coming Out eines Handballkollegen.
Silvio Heinevetter gehörte auch bei den fünf Niederlagen des TVB Stuttgart zu Saisonbeginn zu den Lichtblicken. Nach dem Trainerwechsel fuhr der Handball-Bundesligist dann zwei Heimsiege gegen den TBV Lemgo Lippe und den Bergischen HC ein. Vor der Partie bei der HSG Wetzlar (Donnerstag, 19.05 Uhr) schätzt der Torwart die Lage ein.
Herr Heinevetter, warum ist beim TVB nach den 0:10 Punkten der Knoten geplatzt?
Der Hauptgrund ist, dass eine ganz klare Leistungssteigerung bei der Mannschaft festzustellen ist.
Welche Rolle hat dabei der Trainerwechsel gespielt?
Ich will das gar nicht immer am Trainer festmachen. Das wäre unfair und würde unsere schlechten Leistungen zu Beginn rechtfertigen. Ich glaube vielmehr, dass uns die Rückkehr von Jerome Müller und Ivan Sliskovic als Alternativen im Rückraum sehr geholfen hat. Die frischen Kräfte von der Bank sind ein ganz entscheidender Vorteil, so konnten wir die beiden letzten Spiele drehen.
Also keine befreiende Wirkung durch den Wechsel auf der Bank?
Die musst die Birne frei kriegen, klar. Aber da kann dir kein Trainer, kein Betreuer, kein Manager helfen – das musst du selbst hinbekommen. Du musst so gestrickt sein, dass du dir sagst: Neues Spiel, neues Glück. Das gelingt erfahrenen Spielern vielleicht besser als Jüngeren.
Hat Roi Sanchez vielleicht nicht zur Mannschaft gepasst?
Das glaube ich nicht, denn er hat diese Mannschaft ja zusammengestellt.
Sie selbst hatten auch im Spiel mal Meinungsverschiedenheiten mit dem Coach, was auch von der Tribüne aus zu erkennen war.
Dass du mal eine Meinungsverschiedenheit hast, das kommt im Rausch der Emotionen vor, das ist das Normalste der Welt. Das will ich nicht zu hoch hängen.
„Michael kennt die Charaktere“
Emotionen zeigten Sie auch, als Sie im Interview die Leistung nach der desaströsen ersten Halbzeit in Gummersbach wörtlich als Beleidigung für jeden bezeichneten, der sich hier den Hintern aufreißt. Waren Sie in der Kabine genauso deutlich?
Inhalte aus der Kabine werde ich nicht widergeben. Aber ab und zu muss man mal was sagen.
Jetzt hat Michael Schweikardt das Sagen. Was macht er anders?
Michael war zwar noch nicht Cheftrainer in der Bundesliga, aber er war 16 Jahre lang Profi und kennt das Geschäft schon so lange. Die Mannschaft konnte er sich lange genug von außen anschauen, das ist ein Riesenvorteil. Er kennt die Charaktere, weiß wie man die einzelnen Spieler anpacken muss.
Er wirkt sehr unaufgeregt.
Michael geht sachlich an die Geschichte ran, macht das super und bringt frischen Wind rein – aber noch einmal: Ich will das Thema Trainer gar so sehr in der Vordergrund rücken. Es gibt nicht nur den Trainer, es gibt nicht nur die Mannschaft, es gibt nur Trainer und Mannschaft. Das ist ein Haufen, eine Einheit – und die hat in den vergangenen beiden Spielen Erfolg gehabt, weil die Leistungen viel besser waren als in den fünf Spielen davor.
Gegen den Bergischen HC war auch viel Dusel dabei.
Absolut, wir haben den BHC nicht gerade an die Wand gespielt, sondern wir hatten das nötige Glück, dass wir die zwei Punkte einfahren konnten.
Spricht aus Ihrer Sicht nun alles für eine dauerhafte Lösung mit Michael Schweikardt als Cheftrainer?
Als normal denkender Mensch sollte man sagen: Ja. Ich weiß nicht genau, welche Gremien die Entscheidung treffen, aber ich gehe davon aus, dass uns Michael die nächsten Wochen, Monate oder über noch viel längeren Zeitraum hinweg begleiten wird und Trainer bleibt.
Sie sind neu in Stuttgart. Wie haben Sie den TVB bisher erlebt?
Ein Unterschied zu anderen Vereinen ist, dass man hier nicht die Nerven verliert.
„Es herrscht Stabilität im Verein“
Das wird Roi Sanchez anders sehen.
Das mag sein und ist Ansichtssache. Aber gegenüber der Mannschaft war hier selbst nach den teils deftigen Klatschen nie ein stupides Draufhauen, da wurde sachlich geredet und analysiert. Das zeigt auch eine gewisse Stabilität, die in diesem Verein herrscht.
Kommen wir noch zu einem anderen Thema. Der Leipziger Handballer Lucas Krzikalla hat seine Homosexualität öffentlich gemacht. Wie kam dieser Schritt bei Ihnen an?
Das ist schon eine Riesengeschichte, weil es der erste aktive Mannschaftssportler ist, der sich geoutet hat. Aber eigentlich dürfte es gar keine Geschichte sein. Ich finde es gut, dass er den Schritt gemacht hat. Ich kenne ihn ja auch persönlich. Dass er bewusst über die Presse den Weg an die Öffentlichkeit geht, finde ich schon bemerkenswert und ist ein großes Ding für ihn selbst. Er hat damit riesige Eier gezeigt.
Glauben Sie, dass andere Sportler nachfolgen?
Das weiß ich nicht, ist auch nicht entscheidend. Ich bewundere einfach nur den Mut von Lucas.
Ex-Fußball-Nationalspieler Philipp Lahm hatte vor einem Jahr davon abgeraten, sich zu outen.
Ganz ehrlich, Lucas ist glücklich mit seinem Freund, er bringt in der Bundesliga seine Leistung, er ist so gefestigt, dass er sich von solchen Aussagen nicht beeinflussen lässt, mittlerweile sollte das kein Thema mehr sein.
Den Frauenhandball bewegte zuletzt die Kündigung von zwei Nationalspielerinnen bei Borussia Dortmund. Sie hatten sich via soziale Medien eingemischt und ein Foto von deren Ex-Trainer mit einem Clown- und einem Schwein-Emoji versehen. Haben Sie das bereut?
Das Thema befindet sich in einem laufenden Prozess. Deshalb nur so viel: Ich habe nichts bereut.
Sie persönlich befinden sich in richtig guter Form. Kommen zu den 204 Länderspielen noch welche hinzu?
Ach, wissen Sie: Ich konzentriere mich auf das Spiel am Donnerstag in Wetzlar, dann genieße ich mal ein paar freie Tage, alles ist gut.
Zur Person
Vita
Silvio Heinevetter wurde am 21. Oktober 1984 in Bad Langensalza geboren. Nach der Jugend spielte er bis 2005 für den 1. SV Concordia Delitzsch. Danach vier Jahre für den SC Magdeburg und von 2009 bis 2020 für die Füchse Berlin, wo er zu einer Identifikationsfigur wurde. Von 2020 bis zum Ende der vergangenen Saison stand er bei der MT Melsungen im Tor, seit 1. Juli läuft sein Zweijahresvertrag beim TVB Stuttgart. Heinevetter absolvierte 204 Länderspiele für Deutschland, sein größter Erfolg war die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016. 2007 (mit dem SC Magdeburg) sowie 2015 und 2018 jeweils mit den Füchsen Berlin gewann er den EHF-Pokal. Mit Berlin feierte er auch 2015 und 2016 die Vereinsweltmeisterschaft.
Privates
Silvio Heinevetter mag Schlager, insbesondere auch von Andrea Berg. Er ist Fußballfan und unterstützt Union Berlin. Von 2009 bis 2021 war der Torwart mit der Schauspielerin Simone Thomalla liiert. (red)