Siegfried Katz prüft die Festigkeit seines Materials. „Ich wollte nie kopieren, sondern immer meinen eigenen Weg finden“, sagt er. Foto: Marion Brucker

Siegfried Katz aus Nagold ist Korbmacher in dritter Generation. Er setzt immer wieder ausgefallene Projekte um – ob Saunazaun oder die Lounge im Segelschiff.

Siegfried Katz bewegt eine Tür aus Weidengeflecht hin und her. Sie wird später Teil einer Saunalandschaft in Winnenden werden. Wie lange hat er an dieser Tür getüftelt: „Die sieht jetzt so harmlos aus, aber die Flechtstruktur muss von der einen und der anderen Seite durchgehen. Und man muss sie natürlich auch aufmachen können.“ Manchmal kommt ihm die Lösung in schlaflosen Nächten. Er schreibt sie dann entweder auf oder geht gleich runter in die Werkstatt. Die Saunatür ist eine von vielen Einzelanfertigungen, die er im Laufe seiner mehr als 40-jährigen Selbstständigkeit als Korbmacher geschaffen hat. „Es wäre mir zu langweilig, jedes Mal das zu machen, was man schon immer gemacht hat“, sagt der 71-Jährige.

 

Besonders stolz ist der Meister darauf, an einem Projekt des französischen Stardesigners und Architekten Philippe Starck für ein privates Segelschiff beteiligt gewesen zu sein. 2015 erhielt Katz den Auftrag, ein Kopfteil für das Bett auf dem Oberdeck zu flechten. Er entwickelte Starcks Zeichnung weiter und simulierte das Ganze im Modell. Nicht etwa mit CAD-Technik am Computer: „Ein Werk entsteht im Kopf. Und ich bin der Meinung, das fließt in die Hand und in das Werkzeug, das es umsetzt“, sagt Siegfried Katz. Drei Wochen hat er daran mit einem Mitarbeiter gearbeitet. Insgesamt fünf sind sie im Betrieb, darunter seine Frau Karmen und Tochter Rebekka. Manchmal hilft auch Sohn Christian mit, der als Schreinermeister seinen eigenen Betrieb hat.

Großvater Gotthilf fertigte noch traditionell Weidenkörbe

Katz ist auf den Spuren seiner Vorfahren unterwegs. Bereits sein Vater arbeitete mit Innenausbaufirmen und Architekten zusammen. Im Treppenhaus über der Werkstatt hängt eine seiner Deckenverkleidungen, die waren seine Spezialität.

Schon als Kind hat Katz in der Werkstatt geholfen. „Die beiden alten Herren haben mich mit Bastelarbeiten hineingelockt“, erzählt er. Langsam sollte der Älteste von sechs Geschwistern herangeführt werden, die vom Großvater Gotthilf gegründete Firma fortzuführen. Der hatte in den 1920ern seine Korbmacher-Werkstatt in Nagold eröffnet. Er fertigte traditionell Weidenkörbe, die waren damals noch feste Größen in Haushalten. Wenn er sehen könnte, wie sein Enkel das Handwerk heute interpretiert. „Ich habe so eine Mischung aus beiden Berufszweigen weiterentwickelt“, meint Siegfried Katz.

Um einen ramponierten Narrenkorb aus Weiden zu restaurieren, nutzte er das strapazierfähigere Boondoot, eine Rattanvariante. Eine Routinearbeit – wie der Hocker, den er gerade in seiner

Werkstatt aus Peddigrohr flicht. Katz prüft vorher das Material. Er nimmt ein Bündel des Werkstoffes aus einem Regal, fasst es mit beiden Händen und biegt die Stäbe. Einige brechen. So trennt er die Spreu vom Weizen. „Qualität ist uns wichtig“, betont er. Bei ihm knarze und wackele kein Stuhl, Sessel oder Sofa – im Gegensatz zu Produkten aus Asien. Alles ist Handarbeit. Zweieinhalb Tage arbeite er an einem Stuhl.

Wer in seine Werkstatt kommt, will etwas Bleibendes. Jürgen Roenn und seine Lebensgefährtin Monika Hartmann sind an diesem Tag aus Hülfingen im Schwarzwald-Baar-Kreis angereist. Sie suchen zwei schöne Stühle für ihren Wintergarten. Mal sehen, ob sie was finden. Jürgen Roenn kennt die Firma Katz schon, er hatte vor seiner Rente ein Möbelstudio. „Hier wird etwas aus ehrlichem Herzen gemacht“, sagt er.

Die Kunden reisen aus ganz Deutschland an

Aus ganz Deutschland kommen die Kunden. „Manche legen ihre Ferienroute so, dass sie bei uns in Nagold vorbeikommen“, sagt Rebekka Katz. Sie ist seit vergangenem Jahr zweite Geschäftsführerin. Auf 600 Quadratmeter wird Selbstgefertigtes und Zugekauftes präsentiert. „Die Leute sollten hier die Welt und die Vielfalt des Flechtens erleben und empfinden können“, sagt ihr Vater.

Als Siegfried Katz 1979 die Meisterprüfung mit Auszeichnung an der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung im oberfränkischen Lichtenfels bestanden hatte, war es schon schlecht um das Handwerk bestellt. Wie mit dem Vater vereinbart, kehrte er nach Nagold zurück, um den Familienbetrieb weiterzuführen, der aber bei weiten nicht genügend Geld abwarf. Der junge Meister machte sich selbstständig mit seiner Frau, die er in Lichtenfels kennengelernt hatte. Die Hauswirtschafts- und Handarbeitslehrerin unterstützt ihn bis heute.

„Ich habe in einer Garage im Hinterhof angefangen“, erzählt er. Es war die Zeit der Rattanmöbel. Der junge Korbmachermeister nahm den Trend auf, aber ihm war klar: „Ich wollte nicht etwas kopieren, sondern meinen eigenen Weg finden.“ Er entwickelte seine zeitlose Formensprache. Bald erhielt er erste Auszeichnungen für seine Werke.

Die älteste handwerkliche Kulturtechnik der Menschheit – in den Trockengebieten des Nahen Ostens fand man 12 000 Jahre alte Körbe – hat hierzulande seit dem Aufkommen von Plastik, Draht und Billigprodukten aus Fernost ums nackte Überleben zu kämpfen. Dies spiegelt sich allein in der Zahl der Innungsmitglieder wider – nur noch knapp 50 Vollmitglieder zählt der Verband der Korbmacher, 15 aus Baden-Württemberg. In Lichtenfels gibt es die einzige Berufsfachschule in Europa, gegründet 1904 als „Königliche Fachschule für Korbflechterei“. 1980 hatte der Ausbildungsjahrgang nur noch 15 Schüler, in diesem Jahr sind es sieben.

Er machte das Flechthandwerk zum immateriellen Kulturerbe

Die dreijährige Ausbildung startet mit einer Probezeit von sechs Monaten und endet mit einer staatlich anerkannten Abschlussprüfung. Voraussetzung dafür sind neben einem Hauptschulabschluss handwerkliche Begabung, Spaß am kreativen Arbeiten und vor allem auch „Bereitschaft zu außerschulischem Engagement“.

Katz versucht das Handwerk wieder ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. 2014 startete der langjährige Bundesinnungsmeister den Versuch, das Flechthandwerk in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufzunehmen. 2016 gelang es ihm schließlich – „mit Unterstützung anderer“, wie er betont. Die Kommission würdigte es als „weltweit verbreitete Handwerkstechnik mit innovativen und kreativen Aspekten“.

Katz fertigt zusammen mit Designern moderne Sofas und andere Möbel. Er flicht Carports und gewachsene Schutzwände gegen Wind und Sonne. Auf einem Kreisverkehr in Iselshausen wachsen seine Weiden-Werke. „Sie absorbieren die Energie“, erklärt er. Ob wetterfeste Balkonumrandungen wie in Tübingen oder Gartentheken aus Weiden und Multiplex: Der alte Meister wagt sich an immer neue Projekte.

„Die volle Bandbreite wird mit meinem Vater zu Ende gehen“, sagt Rebekka Katz. Auch sie hat als Kind in der Werkstatt zu flechten angefangen, erkannte aber bald, dass es nicht ihr Handwerk ist. „Ich bin dann mehr in die Richtung meiner Mutter gegangen, habe viel mehr Spaß an der Nähmaschine.“ Nach einer Damenschneiderausbildung ging sie auf die staatliche Modeschule in Stuttgart, arbeitete als Entwurfs-Directrice. Als sie dann als Trainerin für Schnittprogramme in die Bekleidungsindustrie wechselte, fehlte ihr irgendwann das Kreative.

„Dann dachte ich mir, dass es hier so was Tolles gibt“, sagt sie und blickt dabei ihre Eltern an. Als Betriebswirtin, Fachrichtung Möbelhandel, kehrte sie im April 2024 ins Familienunternehmen zurück. „Ich habe mich bewusst für die Nachfolge entscheiden“, sagt die 51-Jährige. Aber sie werde sich, wenn ihr Vater einmal ausscheide, viel mehr auf den Einzelhandel konzentrieren – wie ihr Großvater. Der hatte sich später mit zugekauften Produkten und einem Kinderwarengeschäft in Nagolds Innenstadt etabliert, nur noch nebenbei Körbe geflickt. „Reparaturen werden unser Hauptthema bleiben,“ sagt Rebekka Katz.

Er hofft, dass ein Enkel das Handwerk weiterführen will

Und sie wolle besondere Sachen weiterentwickeln, mit ihrem Heimarbeiternetzwerk. „Accessoires und auch Möbel kaufen wir zu“, sagt sie. Maßgeblich sei dabei das Qualitätsniveau. „Wir suchen nach den Spezialitäten und arbeiten mit Herstellern zusammenarbeiten, die Leute – egal wo auf der Welt – gut entlohnen.“

Wie lange Siegfried Katz noch weitermachen wird, kann er nicht sagen. Bis 75 schon, wenn es die Gesundheit erlaube, meint er. Ob sich vielleicht eines seiner fünf Enkelkinder für das Handwerk begeistern lässt?