Tränen, Dankbarkeit, neue Nähe: Drei Bewohner erzählen, wie sie die Feiertage im Pflegeheim erleben – zwischen Abschied vom alten Leben und Trost in Gemeinschaft.
Die „Neuen“ weinen, bis das Kissen feucht ist, andere freuen sich auf die kommenden Feiertage. Was geht älteren Menschen durch den Kopf, wenn sie nicht in der vertrauten Umgebung und mit ihren Liebsten die Weihnachtszeit erleben, sondern in einem Pflegeheim?
Das Foyer im Heilig-Geist-Spital in Villingen ist festlich geschmückt, eine Krippe hinter der Sitzecke erinnert an die kommenden Feiertage. Doch mit welchen Empfindungen sehen Bewohner von Altenpflegeheimen jenen Tagen entgegen, die für viele Menschen bedeutet, Zeit mit der Familie zu verbringen, gemeinsam zu essen und sich auszutauschen? Zwei Bewohnerinnen und ein Bewohner erzählen im Gespräch mit unserer Redaktion von ihren Emotionen.
Ganz viel Dankbarkeit
Ob sie nun offen über ihre Tränen sprechen oder über ihre schwierige Zeit des Ankommens: Eines ist den Dreien gemeinsam: Die Dankbarkeit, die sich mittlerweile über den Abschiedsschmerz vom alten Leben gelegt hat. Die tröstliche Sicherheit, in Gemeinschaft feiern zu dürfen, auch wenn die Gemeinschaft nicht mehr ihre eigene Familie ist.
Werner Bauer hat zu Beginn des Austauschs noch ganz andere Sorgen. Als der 72-Jährige hört, dass auch ein Foto gemacht werden soll, fragt er in die Runde hinein: „Sehe ich gut aus?“ Doris Zimmermann lacht und beruhigt ihren Mitbewohner: „Das tust Du!“ Im Gespräch kämpft sie aber immer wieder mit Tränen, viel habe sie mitgemacht in ihrem Leben. Von Geburt an gehandicapt, habe sie viele Jahre in Heimen zugebracht, aber auch fast 20 Jahre alleine gelebt, bis es nicht mehr ging, erzählt sie. Sie beugt sich aus ihrem Rollstuhl etwas nach vorne, um ihren Worten noch mehr Gewicht zu geben: „Ich habe in manchen Einrichtungen die Hölle erlebt.“
„Hotelzimmer bis zum letzten Atemzug“
Seit November 2024 lebt sie im Pflegeheim am Warenbach und bezeichnet das Haus als „Pflegehotel“. Sie stockt kurz, als es um ihre Gedanken zu den Weihnachtstagen geht: „Das hier ist nicht mein Zuhause, aber eine Art Hotelzimmer bis zum letzten Atemzug, ein beschützter Raum, für den ich sehr dankbar bin.“ Hier könne sie loslassen, sagt die 68-Jährige leise, Angehörige hat sie keine. Ihre Miene hellt sich plötzlich auf, als sie im Hintergrund leise Musik hört. Sie wiegt den Kopf: „Wenn ich tanzen könnte, würde ich den ganzen Tag tanzen.“
„Ich bin jetzt nicht mehr alleine“
Nicht nur die Einrichtungsleiterin Ildiko Nyari und Geschäftsführer Günter Reichert schmunzeln, auch Renate Hasler. Die 78-Jährige aus Villingen-Schwenningen hat Zeiten hinter sich, in denen das Lächeln aus ihrem Gesicht verschwunden ist. Ihr Mann starb vor fünf Jahren, nun erlebt sie die dritte Weihnachtszeit im Heilig-Geist-Spital.
Die erste Advents-die erste Weihnachtszeit im Jahr 2022, „die war sehr schwer für mich“, erinnert sie sich. „Ich war sehr traurig.“ Nun sieht sie entspannt und fröhlich den Festtagen entgegen, genießt die Feiern, das gemeinsame Singen und Backen oder die Vorlesungen im Haus. Was hat sich verändert? „Mein Leben hat sich verändert“, erzählt sie. „Ich bin jetzt nicht mehr alleine.“
Ihren Haushalt, so sinniert sie, „hätte ich sowieso nicht mehr alleine schaffen können.“ Sie lächelt. Wie lange sie gebraucht haben, um sich an die neue Umgebung weg von ihren einst so vertrauten Räumen zu gewöhnen? Zwischen drei und sechs Monaten, so die Antwort. Dies widerspiegelt auch die Erfahrungen von Günter Reichert und Ildiko Nyari: Dies sei die Zeitspanne, die die meisten Bewohner benötigen, um in ihrem neuen Zuhause anzukommen. Mit einer Ausnahme: Wer im Spätherbst das Zimmer bezöge, benötige meistens länger, um sich einzugewöhnen. In der Vorweihnachtszeit tun sich Menschen schwerer damit, ihre eigenen vier Wände hinter sich zu lassen. „In dieser Zeit sind die Leute einfach sensibler.“ In der Zeit vor dem wohl emotionalsten Fest im Jahresverlauf.
Was wirklich zählt
Werner Bauer räuspert sich, bevor er seine Geschichte erzählt, eine Lebensgeschichte mit viel Schatten, aber auch sehr viel Licht, seitdem er im Mai nach einem Schlaganfall seine Wohnung aufgeben musste. Offen redet er über seine Gefühle in dieser doch so besonderen Zeit. „Es ist das erste Mal, dass ich an Weihnachten weg von Zuhause bin.“ Er erinnert sich an Nächte, in denen er seine Tränen nicht unterdrückt habe: „Ich habe geweint, mein Kissen war nass“, erzählt er, während die anderen aufmerksam zuhören und Gesten des Mitgefühls zeigen. Doch seine Traurigkeit sei einem anderen Gefühl gewichen: „Ich bin jetzt gerne hier, kann in Gemeinschaft leben“, beschreibt der 72-Jährige seine Stimmung. „Und ich habe hier auch wieder neue Kraft bekommen.“
Günter Reichert kann sich einen Kommentar nun nicht verkneifen, denkt er daran, wie Werner Bauer den Weihnachtsbaum so schön dekoriert habe. „Wenn etwas zu tun ist, dann ist Werner da.“ Renate Hasler und Doris Zimmermann tauschen Blicke aus und nicken anerkennend. Und der Gelobte strahlt.
Ob sie nun sechs Enkel haben wie Renate Hasler oder drei wie Werner Bauer: Ihre Wünsche für 2026 kreisen um ihre Liebsten, ihre Kinder, ihre Enkelkinder. Und um das, was für sie zudem wirklich zählt: „Mögen wir alle gesund bleiben und noch ein wenig Lebenszeit haben.“