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Sicherheit Todbringende Fracht lauert im Boden

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Bomben und Granaten - sie werden für den Abtransport zur endgültigen Vernichtung vorbereitet. Foto: Schulz

Sindelfingen - Dem Kampfmittelbeseitigungsdienst geht auch 75 Jahre nach Kriegsende die Arbeit nicht aus. Jeden Tag sind Teams im Land unterwegs, um Granaten, Bomben und Minen zu bergen, zu sichern und zu vernichten. Zigtausende Bomben wurden bereits vernichtet. Oftmals ein gefährlicher Job.

Wer wissen will, wozu Menschen in der Lage sind, der müsste dem Kampfmittelbeseitigungsdienst einen Besuch abstatten und einen Blick in die Lehrmittelsammlung werfen. Die Dienststelle mit den 34 Mitarbeitern befindet sich mitten in der Natur, in einem Wald bei Sindelfingen. So viel Idylle und zugleich so viel Vernichtung. Öffentliche Besuchszeiten gibt es nicht.

Relikte aus vergangenen, dunklen Zeiten

Zu sehen ist in der Sammlung, die in einer Halle untergebracht ist, tod- und zerstörungbringendes Material aus den beiden Weltkriegen und aus der Zeit davor: Bomben, Granaten und andere Munition in verschiedenen Größen – geordnet und gekennzeichnet wie in einem Museum. Es sind Relikte aus vergangenen, aus dunklen Zeiten, die über die Jahre aus dem Boden gezogen und zusammengetragen wurden. Auch Reste einer Hülse eines Dora-Geschützes, der größten in Nazi-Deutschland hergestellten Waffe, ist untergebracht. Sie verfügte über eine 80-Zentimter-Kanone. Um sie in Stellung zu bringen, waren tausende Menschen notwendig.

Genutzt wird die Sammlung nicht zu musealen Zwecken, sondern um Mitarbeiter zu schulen, berichtet Ralf Vendel. Er ist seit Mitte der 80er-Jahre beim Kampfmittelbeseitigungsdienst in Baden-Württemberg tätig. Vor sechs Jahren wurde der 55-Jährige zum Dienststellenleiter ernannt.

Anschaulich dargestellt wird beispielsweise, wie ein Langzeitzünder funktioniert. Bomben mit solchen Zündern zu bergen, ist mit das gefährlichste, was einem Feuerwerker, also jemand, der Munition unschädlich macht, unterkommen kann.

Jede 100. Bombe war mit Langzeitzünder bestückt

Britische und amerikanische Kampfgeschwader warfen bei Flächenbombardements deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs auch Sprengkörper mit Langzeitzündern ab. Ungefähr jede 100. Bombe war damit bestückt, erklärt Vendel. Diese sollten zeitversetzt explodieren, um die Lösch- und Rettungsarbeiten zu stören.

Ein gemeines Unterfangen. Noch gemeiner ist, dass nicht alle Bomben hochgingen – sie liegen als Blindgänger in der Erde oder im Wasser. Manches Mal mehrere Meter tief, seit den 40er-Jahren. Bei Baggerarbeiten kommen sie an die Oberfläche – höchste Zeit, um die Polizei zu rufen, die wiederum den Kampfmittelbeseitigungsdienst informiert. Denn jede weitere Berührung kann die inzwischen gealterte Bombe plötzlich zur Detonation bringen. Das macht die Lage so gefährlich.

Jeden Tag im Land unterwegs

Jeden Tag sind Teams des Kampfmittelbeseitigungsdiensts im Land unterwegs, um aufgefundene und von den Polizeidienststellen gemeldete Bomben, Granaten und Minen aus den beiden Weltkriegen und aus der Zeit davor zu beseitigen. So hat vor Kurzem ein Pärchen an einem Baggersee im Raum Stuttgart eine Handgranate entdeckt und die Polizei verständigt. Die Kampfmittelräumer nahmen den gefährlichen Fund mit.

Oder an Ostern: Da haben Jugendliche im Weidener Wald (Kreis Rottweil) eine 45 Zentimeter lange Panzergranate gefunden. Die Experten fanden später weitere sieben Sprenggranaten sowie eine Treibladungshülse, die sie sicherstellten und zur Vernichtung abtransportierten.

Bis zu 60 Tonnen jährlich kommen zusammen. 2012 war ein Jahr der Rekorde. Da waren es fast 200 Tonnen. Das hing mit einer größeren Baumaßnahme im Land zusammen.

Verschiedene Verfahren der Entsorgung

Im Zerlegebetrieb bei Sindelfingen wird ein Teil der Geschosse und Sprengkörper vernichtet. Die weitaus größere Menge wird mit einem speziellen Transportfahrzeug zu einer Kampfmittelbeseitigungsanlage nach Munster bei Hamburg transportiert.

Es gibt verschiedene Verfahren zur Entsorgung der Munition: In speziellen Öfen wird sie ausgeglüht, in Panzeröfen zur Detonation gebracht. Bomben werden auf einer Brandplatte ausgebrannt, die Explosivstoffe ausgeschmolzen. Zuvor wurden die Bomben mit Sägen und Schneideanlagen zerlegt. Die Arbeitsschritte werden per Videokamera überwacht.

Der Zweite Weltkrieg

Alliierte Bombengeschwader griffen die großen Industriezentren an und verteilten ihre todbringende Fracht großflächig. Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Heilbronn, Friedrichshafen und Ulm wurden mehrfach angeflogen. Pforzheim dem Erdboden gleichgemacht. Eine nicht unbedeutende Menge der abgeworfenen Munition, so die Einschätzung von Experten, detonierte indes nicht. Es sind tickende Zeitbomben.

Hinzu kommt der chaotische Rückzug deutscher Truppen. Vor den anrückenden alliierten Kräften wurden die deutschen Waffendepots eilig aufgelöst, die Munition beseitigt, damit sie nicht in die Hände der britischen und amerikanischen Streitkräfte fällt: Die Munition wurde lose gesprengt, in Flüsse und Seen gekippt oder vergraben. Dort liegt sie seitdem, wenn sie nicht schon gefunden und weggeschafft worden ist.

Das war wohl auch in Weiden der Fall. Dort, wo die Jgendlichen die Munition fanden, befand sich zu Kriegszeiten ein Militärlager. Wahrscheinlich war die Munition in den Wirren der letzten Kriegstage zur Entsorgung einfach in den Wald gekippt worden.

Nachfrage nach Auswertung von Luftbildern ist groß

Eine weitere wichtige Aufgabe des Kampfmittelbeseitigungsdiensts ist daher die Luftauswertung. Seine Fachleute greifen auf Luftaufnahmen der Alliierten zurück. Zu Aufklärungszwecken wurden von strategisch bedeutenden Einrichtungen – Industrieanlagen, Waffendepots, Bunker, militärische Anlagen – Luftbilder angefertigt, um den Geschwadern die notwendigen Informationen zu liefern. Auch nach der Bombardierung wurden Luftaufnahmen angefertigt, um zu überprüfen, wie "erfolgreich" die Angriffe waren. Stuttgart wurde 80-mal überflogen, erzählt Vendel. Auf den Aufnahmen sind Bombentrichter zu sehen oder kleinere Einschlagstellen – das sind Hinweise auf Blindgänger.

Die Nachfrage nach einer Auswertung von Luftbildern ist zurzeit groß. Anfragen kommen von Architekten, Bauherren, Grundstückseigentümern und Kommunen, die ein größeres Bauvorhaben planen. Die Wartezeit beträgt rund ein halbes Jahr.

Die Arbeit geht dem Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht aus. "Unser Boden steckt immer noch voller böser Überraschungen", sagt der Chef der Kampfmittelbeseitiger. "Und die Munition hat auch 75 Jahre nach Kriegsende nichts von ihrer Gefährlichkeit verloren". Im Gegenteil. "Zersetzungsprozesse machen die Bomben und Granaten noch gefährlicher", erklärt Vendel. Unter der Erdoberfläche lauern weiterhin tödliche Hinterlassenschaften.

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