Bei der Norwegerin Eirin Maria Kvandal reißen bei diesem Sturz am 7. Februar in Hinzenbach Kreuzband, Innenband und Meniskus. Foto: imago//Manfred Binder

In den vergangenen Jahren wurde jede Weltcupsaison im Skispringen von Kreuzbandrissen im zweistelligen Bereich getrübt. Eine kleine Korrektur sorgt nun für viel mehr Sicherheit bei der Landung.

Oberstdorf - Wer bei einer Weltmeisterschaft etwas gewinnen will, muss das System komplett ausreizen. Körper, Kopf, Material, Betreuung – alles muss passen. „Das ist Leistungssport auf oberstem Level“, sagt Skispringer Severin Freund, „da schenkt keiner etwas her.“ Nicht selten allerdings auf Kosten der Gesundheit.

 

Olympiasieger Freund, der sechs WM-Medaillen gewann, kämpft nach zwei Kreuzbandrissen im rechten Knie um den Anschluss, und er ist dabei nicht alleine. Den Deutschen fehlen bei der Heim-WM in Oberstdorf auch Doppel-Olympiasieger Andreas Wellinger, Team-Weltmeister Stephan Leyhe sowie David Siegel – alle sind nach Kreuzbandrissen noch nicht wieder fit.

Auch im deutschen Team gehören Kreuzbandrisse zum Alltag

Die Situation bei den Frauen ist ähnlich schmerzhaft. Nur Anna Rupprecht schaffte nach ihrem Kreuzbandriss den Sprung zurück, am Sonntag holte sie mit dem Mixed-Team Gold. Carina Vogt, Olympiasiegerin und mit fünf Titeln die Rekordweltmeisterin, ist zwar bei der WM dabei, allerdings noch nicht wieder gut genug in Form. Team-Weltmeisterin Ramona Straub befindet sich im Aufbautraining, Gianina Ernst beendete im Oktober nach zwei Kreuzbandrissen ihre Karriere – mit 21 Jahren.

Ähnliche Horrorlisten gibt es in anderen Nationen, allen voran bei den Norwegern. Kenneth Gangnes zum Beispiel machte nach vier Kreuzbandrissen den Absprung. Er arbeitet jetzt als Servicemann.

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„Wir mussten dringend etwas unternehmen“

Hinter jedem Namen steckt eine eigene Geschichte, ein anderer Sturz, eine individuelle Rehabilitation. Umso wichtiger ist es, das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren. Der Ski-Weltverband (Fis) erhebt seit 2006 Daten über Verletzungen, zunächst allerdings nur aus den alpinen Disziplinen. Im Skispringen werden Statistiken seit der Saison 2014/15 geführt, die Zahlen sind allerdings erschreckend. Mit dem negativen Höhepunkt im Winter 2017/18. „Damals hat jede fünfte Skispringerin im Weltcup eine schwere Knieverletzung erlitten“, sagt Hubert Hörterer, Chef der medizinischen Kommission der Fis, „und fast immer war das Kreuzband betroffen.“ Neuere Daten gibt es noch nicht, der Trend hat sich in den beiden folgenden Wintern aber nicht umgekehrt. „Vor einem Jahr“, erinnert sich Andreas Bauer, „hatten wir zu diesem Zeitpunkt der Saison bei Männern und Frauen schon wieder um die 15 Kreuzbandrisse. Wir mussten dringend etwas unternehmen.“

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Vorlagenkeile als Ursache des Übels erkannt

Bauer war von dem Verletzungsfiasko nicht nur als Bundestrainer der Skispringerinnen betroffen („Ich kann ja nicht auf den Transfermarkt gehen und mir jemand Neues kaufen“), er ist zugleich als Mitglied der Fis-Materialkommission auch für die Rahmenbedingungen verantwortlich. Und die Regelhüter gingen das Problem an. Bis dahin zielte die Ausrüstung allein auf einen weiten Flug ab, die sichere Landung war eher zweitrangig. Unter anderem wurden durch Keile, die in die Schuhe gesteckt worden sind, die Unterschenkel der Athleten nach vorn innen gedrückt, was enorm dabei half, den Ski in der Luft plan zu legen und die Gefahr, dass er verkantet, deutlich verringerte. Was auffiel: Je dicker die Keile an den beiden Außenseiten wurden, umso stabiler wurde das Flugsystem – und umso größer das anschließende Risiko. „Bei der Telemark-Landung kam es bei Tempo 100 zu einer extremen seitlichen Belastung der Knie, diesem Druck haben die Kreuzbänder oft nicht standhalten können“, sagt Andreas Bauer. Und Hubert Hörterer erklärt: „Aus orthopädisch-biomechanischer Sicht war klar, dass das Knie nicht länger in diese extrem gefährliche Position gebracht werden darf.“

Kleiner Eingriff mit großer Wirkung

Die Lösung war schnell gefunden: Seit dieser Saison müssen die Keile nicht nur dünner sein, sondern auch symmetrisch, also links und rechts im Schuh gleich dick. Es gibt zwar Athleten wie den Japaner Ryoyu Kobayashi, deren Fluggefühl erheblich gelitten hat, weil sie zuvor mit extrem dicken Keilen auf den Außenseiten unterwegs waren. Insgesamt aber loben die meisten Springer, dass nun eine gute Balance zwischen Stabilität in der Luft und Sicherheit bei der Landung gefunden worden sei. „Es war ein kleiner Eingriff mit großer Wirkung und deshalb die absolut richtige Entscheidung. Die Zahl der schweren Knieverletzungen ist extrem zurückgegangen, in dieser Saison sind es vier oder fünf“, meint Bauer, „und trotzdem muss die Entwicklung weitergehen. Als Nächstes werden wir diskutieren, die Schuhe symmetrisch zu machen.“ Das Risiko springt schließlich immer noch mit.

Bei der WM in Oberstdorf gab es bisher glücklicherweise keine schweren Stürze. Eine Athletin, der für die Titelkämpfe einiges zugetraut worden war, hat es allerdings kurz vorher erwischt. Eirin Maria Kvandal (19) stürzte beim Weltcupspringen Anfang Februar in Hinzenbach schwer. Ihre Skier verkanteten, die Beine verrenkten sich unnatürlich, das rechte Knie kapitulierte. Bei Kvandal riss das Kreuzbandriss, das Innenband und der Meniskus. Ein Totalschaden. Und zugleich der schmerzhafte Beweis dafür, was passieren kann, wenn das System ausgereizt wird – und nicht alles passt.