Das griechische Alexandroupoli bietet nicht nur Einheimischen viele Restaurants, Cafés und Einkaufsmöglichkeiten. Foto: /imagebroker

Seitdem in der Türkei die Preise explodieren, reisen Millionen von Türkinnen und Türken zum Shopping nach Griechenland oder machen dort Urlaub.

Früher blickten viele Griechen neidisch in die benachbarte Türkei, wo fast alles günstiger war. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt: Der Preisvorteil liegt heute auf griechischer Seite – und damit haben sich auch die Käuferströme gedreht. Täglich überqueren Tausende Türkinnen und Türken die Grenze, um in Griechenland einzukaufen und der Inflation in ihrer Heimat ein Schnippchen zu schlagen.

 

„Günaydin“ – dieser türkische Morgengruß ist in der nordostgriechischen Stadt Alexandroupoli längst ebenso geläufig wie das griechische „Kalimera“. Ob in Supermärkten, Straßencafés, Hotels oder Boutiquen – die Stadt ist auf Gäste aus dem Nachbarland bestens eingestellt.

Nur 20 Kilometer östlich verläuft im Delta des Flusses Evros (türkisch: Meric) die Grenze zur Türkei. Viele Restaurants führen Speisekarten auf Türkisch. Die Küche unterscheidet sich ohnehin kaum: Was türkische Besucher als Köfte kennen, heißt in Griechenland Keftedakia; Tarama wird zu Taramas und die Dolma, gefüllte Weinblätter, heißen hier Dolmadakia.

Tatsächliche Teuerung in der Türkei bei 89,8 Prozent?

Doch die Gäste aus der Türkei kommen nicht nur wegen des guten Essens nach Alexandroupoli. Sie wollen einkaufen. In den Filialen großer griechischer Supermarktketten wie Sklavenitis, Vasilopoulos und Masoutis oder beim Discounter Lidl stellen türkische Kundinnen und Kunden inzwischen einen beachtlichen Teil der Käufer. Fleisch und Käse sind hier rund 20 Prozent günstiger als in der Türkei, viele Markenartikel kosten sogar nur die Hälfte. Auch Wein und Spirituosen sind erheblich billiger. Unter dem Strich lasse sich beim Einkauf in Griechenland rund ein Drittel sparen, berichtet ein türkischer Kunde der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Türkische Reisebüros bieten inzwischen sogar organisierte Shopping-Touren mit Reisebussen nach Alexandroupoli an. Während die Inflationsrate in Griechenland im Oktober bei zwei Prozent lag und sich Lebensmittel im Jahresvergleich lediglich um 1,4 Prozent verteuerten, schnellen die Preise in der Türkei weiter in die Höhe. Die offizielle Jahresinflation betrug im Oktober laut der staatlichen Statistikbehörde 32,9 Prozent . Doch die gefühlte Inflation liegt nach dem Empfinden vieler Verbraucher deutlich höher. Auch viele Ökonomen zweifeln an den offiziellen Zahlen. Die unabhängige Inflationsforschungsgruppe Enag berechnete die tatsächliche Teuerung im Oktober auf 89,8 Prozent.

Den Hoteliers in Alexandroupoli beschert der Besucherzustrom aus der Türkei glänzende Geschäfte. Selbst jetzt, im Herbst, liegt die Auslastung der Hotels bei rund 80 Prozent. „Vier von zehn Gästen kommen inzwischen aus der Türkei“, sagt Petros Kyriakidis, der stellvertretende Bürgermeister und Tourismusbeauftragte der Stadt. Besonders an den Wochenenden ist Alexandroupoli ein gefragtes Reiseziel. Die Grenzstadt Edirne, das historische Adrianopel, liegt nur eineinhalb Autostunden entfernt, die Fahrt von Istanbul dauert etwa vier Stunden – ideal für ein verlängertes Wochenende mit attraktiven Einkaufsmöglichkeiten.

Auch als Ferienziel gewinnt Griechenland bei türkischen Urlaubern an Beliebtheit. Nach Berechnungen des Global Tourism Forums (GTF) kostete im vergangenen Sommer eine Woche Urlaub in einem Mittelklassehotel für eine vierköpfige Familie in den türkischen Ferienorten Bodrum oder Antalya rund 150 000 Lira, umgerechnet etwa 3000 Euro. Auf den griechischen Ägäisinseln kommt man dagegen mit rund 2000 Euro aus. Auch beim Essen und Trinken lässt sich sparen, erklärt Manos Valis, Vorsitzender des Hotelverbands von Samos: „Für eine Flasche guten Wein zahlt man bei uns etwa 20 Euro – in Bodrum werden dafür 50 bis 60 Euro fällig“, so Valis.

Ein weiterer Grund für den Zustrom ist das sogenannte Express-Visum. Türkische Staatsbürger können damit zwölf griechische Ägäisinseln ohne das teure und schwer erhältliche Schengen-Visum besuchen. Das Express-Visum wird bei der Ankunft ausgestellt, kostet 60 Euro und gilt für einen Aufenthalt von sieben Tagen. Auf das griechische Festland oder in andere EU-Staaten kann man damit allerdings nicht weiterreisen. Im vergangenen Jahr nutzten rund 104 000 Türkinnen und Türken Express-Visa, um Inseln wie Rhodos, Kos, Lesbos oder Chios zu besuchen.

In Griechenland sind die türkischen Besucher gern gesehen. Von der sprichwörtlichen Erbfeindschaft zwischen beiden Völkern ist im Alltag nichts zu spüren – im Gegenteil: Wenn sich die Menschen aus beiden Ländern begegnen, entdecken sie, wie viel sie verbindet.

Türkei: stärkste Preissteigerung für touristische Dienstleistungen in Europa

Nach Angaben der griechischen Zentralbank reisten im vergangenen Jahr 1,21 Millionen Besucherinnen und Besucher aus der Türkei nach Griechenland. In diesem Jahr erwartet man 1,4 Millionen. Experten schätzen das Potenzial sogar auf bis zu drei Millionen Reisende.

Für die türkische Tourismusindustrie wird der Griechenland-Boom zum Problem. Die Branche steckt ohnehin in einer Krise. Die Inflation treibt die Kosten in die Höhe, viele Betriebe stehen unter Druck. Die einst preiswerte Türkei entwickelt sich immer mehr zu einem teuren Reiseland. Laut dem Tourismusportal „Counter vor 9“ verzeichnet die Türkei mit 41,9 Prozent die stärkste Preissteigerung für touristische Dienstleistungen in Europa. Zum Vergleich: In Spanien liegt die Tourismusinflation bei 4,8 Prozent, in Frankreich bei 1,9 Prozent, in Griechenland bei 6,1 Prozent. Für viele ausländische Urlauber ist die Türkei inzwischen zu teuer geworden. „Die Gäste sagen, dass sie die Türkei sehr lieben, sich die Preise aber nicht mehr leisten können“, sagte der Hotelier Okan Kücükmustafa der türkischen Nachrichtenseite „Turizm News“.

Türkische Hotels kämpfen ums Überleben

Bodrum an der Ägäisküste gilt als das türkische St. Tropez – auch wegen der hohen Preise: Die Strandgebühren stiegen diesen Sommer gegenüber dem Vorjahr um 300 Prozent. Manche Reisende bleiben ganz fern, andere verkürzen ihren Aufenthalt. Die Buchungszahlen gingen im vergangenen Sommer je nach Region um fünf bis zehn Prozent, an der türkischen Riviera sogar um zwölf Prozent zurück.

Zahlreiche Hotels kämpfen angesichts der hohen Inflation ums Überleben. Und nun zieht es auch immer mehr Türkinnen und Türken für ihren Urlaub ins benachbarte Griechenland – wo man für sein Geld einfach mehr bekommt.