Sharon Dodua Otoo will ihre Leser aufrütteln. Foto: Talif Della

Nach dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises 2016 und verschiedenen Prosatexten und Essays ist „Adas Raum“ Sharon Dodua Otoos erster auf Deutsch geschriebener Roman. Im Stuttgarter Literaturhaus hat sie ihn vorgestellt.

Stuttgart - In den Fußballstadien gibt es nur Geisterspiele ohne Zuschauer, in den Literaturhäusern Geisterlesungen ohne ein Publikum, das lediglich per Livestream die Auftritte der Gäste verfolgen kann. Das Ganze lässt sich kaum mehr von einem Gespräch im gesicherten Raum eines Hörfunkstudios unterscheiden. Bei der Lesung von Sharon Dodua Otoo im Literaturhaus Stuttgart, die dort zusammen mit der Kritikerin Insa Wilke ihren Roman „Adas Raum“ vorstellte, wurde dieser Eindruck durch das vertrauliche Du zwischen Kritikerin und Autorin verstärkt, wo erst kritische Distanz statt vorauseilendem Einverständnis die Szene zwischen beiden nach außen geöffnet hätte.

 

Dabei ist es gerade das Ziel von Sharon Dodua Otoo, nicht um der eigenen Selbstverständigung willen zu schreiben, sondern um ihre Leser anzusprechen, ja aufzurütteln: „Erst durch die Rezeption wird das, was ich schreibe, zur Literatur. Vorher ist es bestenfalls ein Monolog, und ich möchte mit meinem Schreiben auf gesellschaftliche Missstände hinweisen“. Die 1972 als Kind von Einwanderern aus Ghana in London geborene und seit 2006 in Berlin lebende Autorin versteht sich als Literatin und politische Aktivistin. Nach dem Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises 2016 und verschiedenen Prosatexten und Essays ist „Adas Raum“ ihr erster auf Deutsch geschriebener Roman.

Gegenstände beginnen – wie im Märchen – zu sprechen

„Was für ein Durcheinander!“ sei ihr erster Eindruck nach der Lektüre des Buches gewesen, gestand Insa Wilke. Das bezog sich auf die Figuren und Handlungsstränge des Romans, die sich über sechs Jahrhunderte erstrecken. Seine vier Protagonistinnen verbindet zunächst nur der Name Ada, während die Milieus, in denen sie sich bewegen, kaum unterschiedlicher sein könnten. Ada I ist eine Mutter, die 1459 im westafrikanischen Totope ihr kurz nach der Geburt gestorbenes Kind betrauert; Ada II die Mathematikerin Ada Lovelace im London des Jahres 1848, die eine Affäre mit dem Schriftsteller Charles Dickens hat; Ada III eine polnische Zwangsprostituierte 1945 in einem deutschen Konzentrationslager; und Ada IV eine junge schwarze Frau 2019 in Berlin. Zu diesen vier Frauen kommen noch Gegenstände, die wie im Märchen zu sprechen beginnen, ihre Geschichten erzählen und die Welt kommentieren: ein Reisigbesen, ein Türklopfer oder ein Reisepass.

Eine ähnliche Romankonstruktion wie Otoo hat Virginia Woolf in ihrem 1928 erschienenen Roman „Orlando“ verwendet, der seine Hauptfigur mal als Mann, mal als Frau durch die Epochen flanieren lässt. Dass Otoo das bei Woolf verhandelte Thema der Geschlechtsidentität nicht fremd ist, bewies sie im Literaturhaus mit locker eingestreuten Vokabeln wie „cis-heterosexuell“, „nicht-binär“ oder „divers“, die dem neuesten Lexikon gendergerechter Sprachverwendung entsprungen sind. Aber die Ambitionen der Autorin reichen weiter: Was ihre vier Ada-Figuren durch die Jahrhunderte verbindet, sind die traumatischen Erfahrungen, unter denen sie leiden – und gegen die sie rebellieren.

Ist das alles wirklich dasselbe?

So traumatisch diese Erlebnisse sind, so harmlos ist die Sprache, in der sie bei Otoo verhandelt werden. Hier herrscht keine Ästhetik des Schreckens, sondern man trifft auf Sätze wie: „Die Kerzen weinten“. Und ist wirklich alles dasselbe: die Versklavung von Afrikanern im 15. Jahrhundert, die gönnerhafte Herablassung von Männern gegenüber gebildeten Frauen im viktorianischen England, die Gewalt in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern und der Rassismus im zeitgenössischen Berlin? Man kann das wie Insa Wilke als ein Schreiben deuten, das keine Hierarchien unter den Opfern der Geschichte mehr herstellt. Oder dagegen einwenden, dass, wo alles gleich gültig ist, alles gleichgültig ist, weil nur die Vertiefung in den exemplarischen Einzelfall über diesen hinausweist.

Sharon Dodua Otoo: Adas Raum. Roman. S. Fischer Verlag, 320 Seiten, 22 Euro.