Das Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt und zur Intervention in Krisenfällen soll Betroffene schützen und klare Regeln für alle Mitarbeitenden schaffen.
„Ich nenne alle, die ich gern habe, Schatzi“, hört sich für manche vielleicht erstmal harmlos an, ist es aber nicht. Denn es ist bereits eine klare Grenzüberschreitung, welche trotz vorangegangener Zurechtweisung nicht respektiert wird.
Ein Verhalten, das zunehmend als problematisch wahrgenommen wird. So auch in der evangelischen Kirchengemeinschaft in Balingen.
Bei der Erstellung eines Schutzkonzepts wurden verschiedene Aspekte rund um das Thema „sexualisierte Gewalt“ analysiert und ein entsprechender Handlungsrahmen festgelegt. Es beschreibt den Umgang mit Grenzverletzungen – von vermeintlich harmlosen Situationen bis hin zu schwerem Missbrauch – und legt fest, wie der Schutz von Kindern, Jugendlichen und schutzbedürftigen Erwachsenen gewährleistet werden soll.
Mit großer Mehrheit hat die Bezirkssynode des evangelischen Kirchenbezirks Balingen das Schutzkonzept verabschiedet.
Schweigen schützt Täter
„Wir begreifen inzwischen, dass sexualisierte Gewalt, Grenzverletzungen und Missbrauch überall geschehen, in einer Kultur des Schweigens und des Verleugnens aber ‚gedeihen‘ können. Sexualisierte Gewalt kommt in allen Bereichen der Gesellschaft vor.“ Es sei in der Regel keine spontane Tat, sondern sich allmählich anbahne, Vertrauen ausnutze und sich in unterschiedlicher Ausprägung von Grenzverletzungen über sexuelle Übergriffe bis hin zu strafrechtlich relevanten Formen von sexualisierter Gewalt zeige.
Arbeitsgruppe aus Experten
Vor knapp drei Jahren wurde dazu eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Co-Dekanin Dorothee Sauer eingesetzt, um das Schutzkonzept auszuarbeiten. Bei der Vorstellung in der Bezirkssynode betonte sie: „Als Kirche wollen wir ein Schutzort für Menschen sein, darum ist eine Kultur des Hinschauens, der Sensibilisierung und Achtsamkeit notwendig.“
Beteiligt an der Erstellung des Schutzkonzept waren hauptamtliche Mitarbeitende aus den Diensten und Werken des Kirchenbezirks: Jugendwerk, Diakonische Bezirksstelle, Sozialstation, ökumenische Psychologische Beratungsstelle, Kindergartenfachberatung, Erwachsenenbildung, Pfarrdienst, Kinderkirche, Verwaltung und Kirchenmusik, die alle kirchlichen Arbeitsbereiche in den Blick nahmen. Auch Erkenntnisse aus der ForumStudie, die im Januar 2024 veröffentlicht wurde, flossen ein.
Umfangreiches Konzept
Das Schutzkonzept enthält neben den Teilen Prävention, Intervention und Aufarbeitung eine Grundlegung zur Haltung und zum christlichen Menschenbild sowie umfangreiche Begriffsbestimmungen und Umsetzungsvorschläge für die Kirchengemeinden. Relevante Telefonnummern und Hilfestellen und alle notwendigen Formulare runden das Schutzkonzept ab. Die Arbeitsgruppe betonte: „Wir wollten ein Schutzkonzept erstellen, mit dem man im Krisenfall alle relevanten Informationen mit einem Griff in der Hand hat und das auch eine Hilfe für die Kirchengemeinden ist.“
Kirche solle ein Ort der Zuflucht sein. Grenzverletzungen, Missbrauch, Diskriminierung und Gewalt jeglicher Art – in Wort und Tat oder durch Unterlassen – haben dort keinen Platz. Vielmehr sollten Menschen in kirchlichen Räumen Wertschätzung und gegenseitige Achtsamkeit erfahren, heißt es im Schutzkonzept.
Machtgefüge anerkennen
Auch im Raum der Kirche gebe es jedoch asymmetrische Beziehungen und ungleiche Machtverhältnisse. „Wir erwarten von allen Mitarbeitenden im Haupt- und Ehrenamt, dass sie sich dessen bewusst sind und sorgsam mit ihrer Position in diesem Machtgefüge umgehen“, fordert die Arbeitsgruppe daher. Dazu gehöre, das Verhältnis von Nähe und Distanz regelmäßig zu reflektieren, eine Sensibilität für Grenzen und Grenzverletzungen zu entwickeln, und eine Kommunikationskultur zu pflegen, die konstruktive Kritik ermöglicht.
Ebenso gehöre dazu auch, auf diejenigen besonders zu achten, die aufgrund der Asymmetrie unterlegen sind, und sie soweit irgend möglich vor jeder Form von Gewalt zu schützen. Betroffene sollen jederzeit die Möglichkeit haben, auf Grenzverletzungen oder gar erfahrene Gewalt hinzuweisen. Anlaufstellen, Zuständigkeiten und Abläufe werden klar benannt und bekanntgemacht. Solchen Hinweisen werde künftig unverzüglich entsprechend dem im Schutzkonzept dargelegten Verfahren nachgegangen.
Das Schutzkonzept ist für jeden zugänglich über die Homepage des Evangelischen Kirchenbezirk Balingen unter www.kirchenbezirk-balingen.de/ueber-uns/schutzkonzept einzusehen.