Seniorin erzählt Für 1500 Euro pro Abend - Elke bucht mit 80 einen Callboy
Elke aus dem Rhein-Neckar-Kreis bucht regelmäßig einen Callboy. „Ich versuche halt, mein Leben schön zu machen“, sagt sie. Was gibt ihr diese spezielle Beziehung?
Elkes erstes Mal mit Kevin liegt etwa ein Jahr zurück. Sie gehen essen: Er wählt Fisch, sie eine vegetarische Bowl. Dann machen sie es sich bei ihr in der Wohnung gemütlich, hocken am Tisch, trinken Wein, unterhalten sich über Gott und die Welt. Elke ist nervös – sie hat noch nie einen Abend mit einem Callboy verbracht. Doch Kevin nimmt ihre Hand, zieht sie und sich selbst aus, die Kleidung fliegt in Sekunden. Sie landen im Bett. An den Rest des Abends erinnert sie sich kaum, so erzählt es Elke. Die Lust und die Aufregung haben die Details weggespült. Aber eines weiß Elke, die hier nicht mit ihrem echten Namen genannt werden will: Das Grundgefühl war gut.
1500 Euro kostet ein Abend mit Übernachtung, Sex inklusive
Elke ist 80 Jahre alt, Kevin 45. Aber auch sie fühle sich nicht so alt, wie sie auf dem Papier ist, sagt Elke. Seit ihrem ersten Treffen sehen sich Elke und Kevin regelmäßig: Abende mit Übernachtung, Sex inklusive. Sweet Time, süße Zeit, heißt diese Variante auf Callboyz.net. Auf der Plattform kann man Callboys buchen, mehr als 50 stehen zur Auswahl. Dort ist Elke auf Kevin gestoßen, er betreibt die Seite zudem.
Ein solcher Abend mit Kevin kostet 1500 Euro, in der Regel bucht ihn Elke zwei Mal pro Monat, seit einem Jahr kennen sich. Man muss nicht gut in Mathe sein, um zu verstehen: Elke hat schon einiges an Geld bei Kevin gelassen. „Ich versuche halt mein Leben schön zu machen. Und für irgendwas muss ich mein Geld ja ausgeben“, sagt Elke.
Früher war Elke Unternehmerin, was sich über die Jahre an Wohlstand angesammelt hatte, hat sie großteils verkauft. Sie brauche nicht viel Materielles, sagt sie. Elke war zudem jahrzehntelang verheiratet, eine gute Ehe, wie sie sagt. Sie und ihr Mann hätten sich gegenseitig wertgeschätzt, auch sexuell hätten sie eine gute Zeit gehabt. Er sei immer für sie dagewesen.
Nachdem der Partner stirbt, erinnert sie sich an den Callboy
Elke sieht Kevin erstmals vor ein paar Jahren in einer Fernsehsendung. Ein Callboy, sie habe damals gar nicht wirklich gewusst, was das ist, sagt Elke. Und in ihrem Leben ist damals auch kein Platz dafür, sie pflegt ihren Mann, ist auch selbst gesundheitlich angeschlagen. Es geht darum, irgendwie durchzukommen. Als der Partner stirbt und sich eine Weile danach das Chaos im Kopf wieder lichtet, sagt sie sich: Du könntest mal wieder raus, die Nähe eines Mannes suchen. Aber Online-Dating ist ihr suspekt, außerdem will sie keinen fremden Mann in ihre Wohnung lassen. Sie hadert auch damit, dass diese Idee wenige Monate nach dem Tod ihres Partners kommt. Andererseits ist sie eine Frau, für die es im Leben immer weiter gehen muss. Sie erinnert sich an die Sendung mit dem Callboy – und öffnet den Internet-Browser.
Kevin springt Elke auf den einschlägigen Seiten gleich ins Auge, der Mann aus der Fernsehsendung, er sieht für sie seriös aus. Sie schreibt ihn an, er antwortet schnell, so erinnert sich Elke. Mittlerweile haben sie sich Dutzende Male gesehen, haben Urlaub am Bodensee und in der Pfalz gemacht, der nächste ist schon geplant. Was ist das für eine Art von Beziehung?
Callboy gegen die Einsamkeit?
Eigentlich hätten sie eine Art Geschäftsbeziehung, sagt Elke. Sie bezahle Kevin ja eigentlich für die Zeit, die er mit ihr verbringe. Der Sex stehe dabei für sie nicht im Vordergrund. Im Auto rumfahren, was Essen gehen, es geht dabei auch darum, nicht einsam zu sein. „Manchmal sitzen wir am Esstisch und diskutieren bis 3 Uhr morgens“, sagt Elke, und: „Man kann mit diesem Mann über alles reden.“
Es ist auch eine pragmatische Lösung: Eine Beziehung will sie eigentlich nicht, die Nähe eines Mannes aber schon. „Ich bin auf der sicheren Seite. Ich kann bestimmen, was geht“, sagt Elke. Sie behält die Kontrolle über diese Beziehung – und sie kann nicht enttäuscht werden.
In der Zeit mit Kevin fühle sie sich außerdem gesehen, gemocht, gut aufgehoben. „Kevin hat ein unheimliches Einfühlungsvermögen für Frauen. Er spürt, was einem auf dem Herzen liegt“, sagt Elke. Und Kevin würde zwar keine Komplimente machen, und dennoch fühle sie sich attraktiv. „Jeder sagt, ich wäre ausgeglichener, sehe gesünder aus. Das müssen Welten gewesen sein im Vergleich zu nach dem Tod meines Mannes“, sagt Elke.
Ein Callboy als Alternative zum Online-Dating?
Die Sexualberaterin Heike Niemeier, die mit Callboy Kevin ein Buch geschrieben hat, sagt: Es gehe Frauen häufig darum, gesehen zu werden und Wertschätzung zu bekommen, wenn sie überlegen, einen Callboy zu buchen – Dinge, die man auch in einer Beziehung suche. „Man ist als Frau über 50 in unserer Gesellschaft häufig nicht mehr sichtbar und Sex von Frauen in diesem Alter ist sehr tabuisiert“, sagt sie. Viele würden aber zögern, ob sie sich trauen sollten, einen Callboy zu buchen.
Dabei sei für viele Frauen ein Callboy die bessere Alternative zum Online-Dating, sagt Niemeier: „Wenn Frauen auf Tinder sind und geghostet oder abgelehnt werden, dann ist das immer eine große Verletzung. Da ist Frau, wenn sie einen Callboy bucht, auf der guten und wertschätzenden Seite, denn die Frau mit all ihren Wünschen ist die Kundin“, sagt Niemeier. Es führe auch zur Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit der Frau.
Elke erlebt mit Callboy mehr Lust als früher
Sind Callboys also eine Art Wellness-Programm für die Psyche? In einem früheren Interview mit unserer Zeitung sagte Callboy Kevin Sätze wie: „Ich liebe es, Frauen eine gute Zeit zu bereiten“, und: „Ich wünsche mir einfach, dass jede Frau Sexualität und Liebe, Nähe, Wertschätzung, die Umarmung und die Küsse eines Mannes, egal was, bekommen kann.“ Ein Callboy als Helfer der Frauen, ihre eigene Lust zu entdecken? Auch in den Bewertungen auf dem Portal schwärmen viele Kundinnen, wie gut ihnen die Zeit mit Kevin getan hätte.
Auch Elke schlägt ähnliche Töne an: „Es war völlig ungewohnt, einen fremden Mann hierzuhaben. Er hat mich auch nach meinen Vorstellungen gefragt, aber ich hatte keine“, sagt Elke. Auch habe sie früher einfach nicht gewusst, was es bei der Sexualität so alles gibt. Heute sei sie zudem experimentierfreudiger, schaue auch ab und zu Pornos, sozusagen als Weiterbildung. „Wenn mich Kevin heute fragt, was mir gefällt, fallen mir auch Sachen ein“, sagt Elke. Sie erlebe heute mehr Lust und mehr Orgasmen als früher.
Anfangs spürt Elke die skeptischen Blicke der anderen
Was ist es für ein Gefühl, für das alles zu bezahlen? „Komischerweise fühlt es sich für mich nicht nach Prostitution an. Aber Fakt ist, dass es das ist“, sagt Elke. „Ich habe mir schon überlegt, was macht das jetzt mit mir. Man kennt das ja nur andersrum“, sagt Elke, also: Männer, die Frauen bezahlen. Bei den ersten Treffen macht sie sich viele Gedanken, wie es ist, mit Kevin gesehen zu werden. Eine Bekannte spricht sie auf ihn an, ermahnt sie, ob sie eh nicht auf einen Heiratsschwindler reingefallen sei. „Das ist, was die Leute denken“, sagt Elke. Auch in Hotels bemerkt sie anfangs die Blicke der Anderen: „Die Leute überlegen, wie gehören die Beiden jetzt zusammen?“, sagt Elke. Mittlerweile sei ihr das egal. „Aber es war ein weiter Weg, dahin zu kommen.“
Sexualberaterin Niemeier sagt: „Callboys sollte es auf Krankenschein geben“, eben wegen der positiven Auswirkungen. Auch andere Frauen berichten etwa im „Zeit Magazin“ oder auf dem Schweizer Nachrichtenportal „20 Minuten“ von positiven Erfahrungen mit Callboys. Gibt es keine negativen Aspekte? „Man muss natürlich gucken, dass man Liebe und Sex trennen kann. Sonst besteht die Gefahr, dass Frau sich in einen Callboy verliebt, in eine emotionale Abhängigkeit gerät und so womöglich in finanzielle Schwierigkeiten. Denn es ist und bleibt eine Dienstleistung, die ihren Preis hat“, sagt Niemeier.
„Es tut einfach meiner Seele gut“
Elke sieht die Gefahr bei sich nicht. „Ich kann rechnen und weiß, dass ich mir das noch eine Weile leisten kann“, sagt sie. Bis Ende des Jahres habe sie die Termine mit Kevin bisher vereinbart.
„Wenn ich so zurückblicke: Ich hatte ein schönes ausgefülltes Leben mit vielen Höhen und Tiefen. Jetzt kommt die ruhige Phase – mit der Belohnung“, sagt Elke. „Es tut einfach meiner Seele gut“, sagt Elke. Der nächste Termin ist schon gebucht: Wenn dieser Text erscheint, liegen Elke und Kevin wahrscheinlich gerade im Bett.