Stephan Heesen von der Psychologischen Beratungsstelle in Albstadt erklärt, wie Erfahrungen aus der Kindheit unsere Beziehungen prägen.
Klassische Anzeichen für eine Beziehungskrise? „Fehlende Nähe, keine gemeinsame Freizeitgestaltung und Desinteresse am Partner“, zählt Stephan Heesen ein paar Beispiele auf.
Er ist Leiter der Psychologischen Beratungsstelle in Albstadt und bietet emotionsfokussierte Paarberatung an – das Angebot nehmen überwiegend heterosexuelle Paare an.
„Wenn Paare sich in der Beziehung nicht sicher gebunden fühlen, kann die Beziehung nicht harmonisch sein“, erklärt der Psychologe.
Alte Muster durchbrechen
„Unsere Bindungsfähigkeit bildet sich in den ersten drei Lebensjahren heraus“, sagt Heesen. „Wenn ich mich in der Kindheit nicht sicher geborgen gefühlt habe, schwanke ich im Erwachsenenalter, bin nicht einschätzbar. Dann können Kleinigkeiten zum Streit führen.“ Die gute Nachricht: Mit jedem Menschen lassen sich neue Bindungserfahrungen machen und alte Muster durchbrechen.
Die grundlegenden Bindungsbedürfnisse sind bei allen Menschen gleich: „Ich möchte mich von meinem Partner gesehen und gewertschätzt fühlen, er soll mich trösten, wenn es mir schlecht geht, mich durch schwere Zeiten tragen, mir zuhören“, sagt Heesen. „Kurz gesagt: Ich möchte für meinen Partner die Nummer eins sein.“ Die Schwierigkeit daran: Jeder Mensch hat andere Wünsche und Sehnsüchte, die für ihn oder sie wichtig sind. Eine offene Kommunikation ist essenziell, um die Bedürfnisse seines Partners zu kennen.
„Manchmal entsteht ein Streit und wir wissen gar nicht, was der Auslöser war“, sagt Heesen und gibt ein Beispiel: Ein Mann bittet seine Frau, ihm Lyoner vom Metzger mitzubringen. Die ist ausverkauft, also bringt sie ihm Bierschinken mit. Der Mann wird wütend und wirft seiner Frau vor, sie nehme seine Bedürfnisse nicht ernst. „Das Problem ist nicht die Wurst“, erklärt Heesen. „Der Fall hat einen alten Schmerz in dem Mann reaktiviert. Vielleicht hat er als kleines Kind zu wenig Aufmerksamkeit von seinen Eltern bekommen.“
Diese Streits können immer wieder auftreten, ohne je eine Lösung zu finden – weil das Problem viel tiefer liegt. In einem solchen Fall kann Paarberatung helfen. Heesen hört sich die Situation an und hilft bei der Suche nach der Ursache – die führt oftmals bis in die Kindheit zurück. Angriff und Rückzug sind häufige Reaktionen in Streits. „Pauschal gesprochen wollen Frauen eher über ihre Emotionen sprechen, während Männer eher die körperliche Nähe suchen“, sagt Heesen.
Keine Lust auf Sex
Körperliche Nähe und Sex unterscheiden eine romantische Beziehung von einer freundschaftlichen. „Ich sage immer: Das Vorspiel fängt in der Küche an. Der Mann hat auch Verantwortung außerhalb des Schlafzimmers. Zum Beispiel, sich gemeinsam um Aufgaben im Haushalt zu kümmern“, sagt Heesen. Und auch den Liebesakt selbst sollten Paare besprechen: „Sex muss nicht immer gleich ausfallen“, erklärt der Sozialpädagoge. „Ich vergleiche das gern mit einem Abendessen. Die Paare können sich überlegen, ob ihnen nach einem 5-Gänge-Menü oder doch nur nach einem Vesper zumute ist.“
Vor allem nach der Geburt des zweiten Kindes könne es passieren, dass Probleme in der Beziehung auftreten: „Die Frau hat den ganzen Tag Kinder an sich dranhängen, stillt vielleicht noch. Da lässt das Bedürfnis nach körperlicher Nähe stark nach.“ Die Folge: Der Mann fühlt sich zurückgewiesen, versteht nicht, warum die Frau plötzlich keine Lust mehr auf Sex hat. Dann ist die direkte Kommunikation wichtig: „Der Mann kann seine Frau fragen: Was belastet dich gerade? Was kann ich dir abnehmen?“
Codewort „Mondschein“
Es komme vor, dass sich Paare in der Beratung richtig streiten. Das duldet Heesen allerdings nicht lange: „Inzwischen gehe ich zügig dazwischen. Wenn die Emotionen überkochen, wird es schnell destruktiv.“ Ein Codewort kann Paaren auch zu Hause helfen, sehr starke Streits zu unterbrechen. „Das kann beispielsweise das Wort ‚Mondschein‘ sein“, sagt Heesen. Sobald eine Person das Codewort sagt, muss die Diskussion gestoppt und auf einen anderen Zeitpunkt verschoben werden – der sollte gleich festgelegt werden. „Und dann ist es das Beste, wenn sich die Personen eine Weile voneinander entfernen, damit sich die Gemüter beruhigen können.“
Nicht jedes Paar schafft es, das Gefühl von Gebundenheit in der Beziehung wiederherzustellen, insbesondere, wenn eine Person fremdgegangen ist. „Manchmal ist der Vertrauensverlust so groß, das Misstrauen so stark, dass es sich nicht mehr reparieren lässt“, sagt Heesen. Diesen Paaren bietet er eine Trennungsberatung an. Vor allem, wenn Kinder involviert sind, sei es wichtig, respektvoll auseinanderzugehen.
Hat sich im Laufe der Jahre etwas verändert? „Jüngere Menschen haben einen höheren Anspruch an ihre Beziehung“, sagt Heesen. Vor allem bei Frauen könne er das beobachten: „Dann heißt es: Ich bin zu jung, um mich in meiner Beziehung emotional unterversorgt zu fühlen.“