Als Anna Wintour gefragt wird, ob sie die dunkle Sonnenbrille für die Doku-Aufnahmen abnehmen könne, sagt sie: „Nein, die werde ich tragen.“ Foto: Disney+, Vogue/Photography by Tyler Mitchel, dpa/Rousseau

Kate Moss, John Galliano, Naomi Campbell und natürlich Anna Wintour: Eine neue Serie lässt mithilfe großer Namen hinter die Kulissen der Modewelt der Neunzigerjahre blicken.

Anna Wintour ist eine Autorität. Verehrt und gefürchtet zugleich prägt sie seit 1988 als Chefredakteurin der amerikanischen „Vogue“ die internationale Modeindustrie. Die Frau mit der ikonischen Bobfrisur kann Designerinnen und Designern zum Aufstieg verhelfen – oder sie ins Nichts stoßen.

 

Ihre kühle Art, für die sie bekannt ist, zeigt schon eine der ersten Szenen der Doku-Serie „In Vogue: The 90s“, deren ersten drei Folgen ab diesem Freitag auf Disney+ zu sehen sind. Anna Wintour nimmt an einem großen Schreibtisch Platz. Als sie gefragt wird, ob sie die dunkle Sonnenbrille für die Aufnahmen abnehmen könne, sagt sie: „Nein, die werde ich tragen.“ Keine Widerrede. Und doch ist die Widerrede das, was sie in ihrem Arbeitsalltag schätze, sagt sie später in der Serie: „Wenn man umgeben ist von Menschen, die dir immer zustimmen, ist das ein Desaster.“

Es gibt schon einige Dokumentationen, die einen Blick hinter die Kulissen der einflussreichsten Modezeitschrift der Welt werfen. In „The September Issue“ wird Anna Wintour bei der Ausarbeitung der wichtigen Septemberausgabe begleitet, die traditionell die Trends für das kommende Jahr vorgibt. Die Dokumentation „The First Monday in May“ zeigt die Vorbereitungen zur Met Gala 2015 in New York, die von Anna Wintour mitbetreut wurde. In der neuen Dokumentation spielt die britische Journalistin zwar auch eine wichtige Rolle, die Hauptrolle hat darin aber gleich ein ganzes Jahrzehnt: Die Neunzigerjahre.

„Die Neunziger haben einfach alles verändert“, sagt Hamish Bowles. Der „Vogue“-Redakteur ist seit 1992 Teil des Modemagazins und kramt genauso wie andere Mitarbeitende sowie einige einflussreiche Persönlichkeiten aus Mode, Film, Musik und Politik für die Doku in der persönlichen Erinnerungskiste. Jede der sechs Folgen dreht sich um eine bedeutende Phase des Jahrzehnts. Gezeigt wird eine lebendige und revolutionäre Zeit, in der sich die Modeindustrie neu erfunden hat und in der Musik, Film und Mode immer näher zusammen gerückt sind.

Und das nicht immer zur Freude von Anna Wintour und deren Team. „Grunge, hm, ja“, sagt Hamish Bowles mit leichtem Ekel im Blick, wenn er sich an die Zeit von Nirvana-Sänger Kurt Cobain und Courtney Love erinnert. Auch Wintour hält nichts vom neuen Trend, der Frauen in übergroße, karierte Flanellhemden, zerrissene Jeans und derbe Boots steckt. Die schillernden Supermodels wie Naomi Campbell, Cindy Crawford, Linda Evangelista oder Christy Turlington, die Anfang der Neunziger zu Berühmtheiten wurden, wollen ebenfalls nicht so recht zur neu aufkommenden Ära passen.

Naomi Campbell war eines der ersten Supermodels. Foto: Disney+

Ein anderes Model hingegen schon: Kate Moss. Die Britin ist etwas kleiner als die üblichen Models, dünn und kaum geschminkt. Calvin Klein verhilft ihr zum Durchbruch, als er sie zusammen mit Rapper Marky Mark als Model für seine Unterwäschekampagne bucht. Auf dem Musiksender MTV in der Werbepause, auf den riesigen Billboards am Times Square in New York: Kate Moss ist plötzlich überall. „Sie war Anti-Supermodel, Anti-Fashion, sie war hundert Prozent natürlich und hundert Prozent Neunziger“, sagt Art Director Fabien Baron, der als einer der ersten Kate Moss entdeckt hat. Sie änderte den Maßstab für das, was als schön galt, und bald waren auf den Laufstegen andere Typen und Körperformen als zuvor gefragt.

Bald gibt es aber auch Kritik am neuen Trend, Models mit sehr dünner Figur, blasser Haut und strähnigem Haar abzubilden, eine Ästhetik, die als Heroine Chic bezeichnet wurde. Durch Filme wie „Trainspotting“ oder den Hype um Kurt Cobain war Heroin in der Popkultur angekommen. Heroine Chic war schließlich sogar Thema im Weißen Haus. Bei einer Veranstaltung, zu der Anna Wintour eingeladen war, kritisierte Bill Clinton die Modeindustrie dafür, Heroinkonsum als glamourös, cool und sexy darzustellen. „Der Trend besorgte uns“, sagt auch Wintour.

Hamish Bowles arbeitet seit 1992 für die amerikanische Vogue. Foto: Disney+

Die Ästhetik änderte sich schließlich, als Designer wie Tom Ford, der für Gucci arbeitete, wieder glamouröse Designs auf die Fashion Weeks von Mailand bis New York brachten. „Grunge ist tot, Glamour ist wieder da“, erinnert sich Edward Enninful, ehemaliger Chefredakteur der britischen „Vogue“. Luxus war wieder gefragt, und das noch mehr, als Hip-Hop und die Modeindustrie aufeinandertrafen und „sich verliebten“, so Enninful.

„In Vogue: The 90s“ zeigt den Aufstieg der Supermodels und zahlreicher bis heute bekannter Designerinnen und Designer wie Stella McCartney, John Galliano und Tom Ford – und ist vor allem eine sehenswerte popkulturelle Zeitreise in ein turbulentes Jahrzehnt.

In Vogue: 90s. Die ersten drei Folgen erscheinen am 13. September zur London Fashion Week, die letzten drei Folgen am 20. September zur New York Fashion Week auf Disney+

Die Autoritäten der Modewelt

Die Zeitschrift
Vogue ist die einflussreichste Modezeitschrift weltweit. Die erste Ausgabe erschien 1892 in den USA. Der Herausgeber war Arthur Baldwin Turnure. Seit 1909 gehört die Zeitschrift zum Verlag Condé Nast. Als wichtigste Ausgabe gilt die September-Ausgabe, die die Modetrends für das kommende Jahr festsetzt. Mit 916 Seiten ist im Jahr 2012 das bisher umfangreichste Werk erschienen.

Die Chefin
Anna Wintour wird als einflussreichste Frau der Modebranche bezeichnet. Sie ist 1949 in London geboren. Ihr Vater ist Charles Vere Wintour, ehemaliger Herausgeber des „Evening Standard“, ihr Bruder Patrick Walter ist Politikjournalist und politischer Herausgeber des „Guardian“. Anna Wintour ist seit 1988 Chefredakteurin der amerikanischen Vogue.