„Schwanensee“ in Stuttgart: Für solche Bilder wird im Hintergrund viel gearbeitet. Foto: Stuttgarter Ballett/Stuttgarter Ballett

In der Miniserie „Toi Toi Toi“ – Das größte Dreispartentheater der Welt“ beleuchtet der SWR die Innenwelten der Stuttgarter Staatstheater.

Der hat ‘ne Energie, der Björn! Esther Dierkes staunt. Nicht nur über ihren Mann, den Bariton Björn Bürger, der in Rossinis „Barbier von Sevilla“ den Grafen Almaviva singt. Nein, die Sopranistin, ebenfalls Ensemblemitglied der Stuttgarter Staatstheater, staunt über das, was sie gemeinsam mit den Kameras hinter den Kulissen der Kunst entdeckt. Dierkes und Bürger sind zwei der jungen Protagonisten eines Doku-Fünfteilers, den Sandra Maria Dujmovic und Joachim Lang, Produzenten der Kinofilme „Mackie Messer“, „Führer und Verführer“ und „Cranko“, für den SWR konzipiert haben. Rocio Aleman und Elias Krischke vertreten die Sparten Tanz und Schauspiel. Gemeinsam mit dem quirligen, sympathischen Quartett blicken die Zuschauerinnen und Zuschauer hinter die Kulissen einer „gigantischen Kunstfabrik“ (Bürger) – und werden so Teile eines spannenden Wechselspiels. Hier sind hochemotionale Momente rund um die Vorstellungen: fragile Berührungen und hochriskante Figuren der Tanzenden im Ballett, Anspannungen der Singenden vor der ersten Opernarie. Und dort sind die Bereiche, in denen das Handwerk der Kunst zuarbeitet.

 

Dort geht’s pragmatisch zu. Und sehr sorgfältig. Jeder angenähte Knopf in der Modisterei, jedes einzelne Haar einer Perücke ist Handarbeit. Hier ist der Malsaal, da sind Schneiderei, Rüstmeisterei, Wäscherei, Kunstgewerbe, Schreinerei, Schlosserei, Maske. „Wir auf der Bühne“, sagt Elias Krischke, „sind nur der sichtbare Teil einer ganz großen Maschinerie hoch spezialisierter Fachleute, ohne deren Künste wir unsichtbar wären.“ Auch die Künstler selbst erledigen den größten Teil ihrer Arbeit nicht in den Vorstellungen, sondern davor und daneben. „Ganz perfekt“, sagt die Tänzerin Elisa Badenes über ihre Kunst, „ist es nie. Das Training ist dazu da, dass die Leute das nicht bemerken.“ Wie sagte einst Karl Valentin: Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.

Die Arbeit ist auch schön

Wobei die Arbeit auch schön ist. Mitzuerleben ist die Arbeit an „Cabaret“ im Schauspiel, „Liebestrank“, „Rusalka“ und „Ring des Nibelungen“ in der Oper, „Nussknacker“ und „Kameliendame“ im Ballett. Dort leitet Egon Madsen ein Morgentraining. Elias Krischke kann virtuos steppen. Man küsst und umarmt sich, man weint und lacht. Auf dem Intendantenflur saugt eine Reinigungskraft den Staub weg. Der Generalmusikdirektor macht Handstand. Dragqueens putzen sich auf. Vor der Premiere knistert’s heftig. Und die aufregendsten Momente liefert das Ballett, wenn bei Hebefiguren etwa im zauberhaften Pas de deux von Elisa Badenes und Martí Paixà jeder kleinste Griff genau passen muss. Oder wenn sich – wie beim Gastspiel in Bangkok – ein Tänzer auf der Bühne verletzt. „The Show must go on“, singt die Gruppe Queen im Trailer. Gut, dass man jetzt weiß, wie das gelingen kann. Und sich nicht mehr mit Esther Dierkes wundern muss, warum im Zuschauerraum fast exakt so viele Menschen Platz finden, wie in der Stuttgarter Traumfabrik arbeiten. Kunst macht viel Arbeit. Wie schön!

Toi Toi Toi: 10. Oktober, ab 23.55 Uhr, SWR Fernsehen. In der ARD-Mediathek abrufbar.