Angereiste Impfwillige in einem Belgrader Impfzentrum Foto: AFP/ANDREJ ISAKOVIC

Serbien hatte tausende Bürger aus Nachbarländen wie Bosnien und Montenegro zum Impfen ins eigene Land geholt. Warum sich nun Kritik an der Aktion regt.

Belgrad - Eine relativ günstige Geste mit großem Effekt: Weltweit flimmerten die Bilder von Tausenden von Albanern, Bosniern, Mazedoniern und Montenegrinern über den Äther, die sich am Wochenende zur kostenlosen Gratisimpfung in Serbiens Großstädte Belgrad, Nis oder Novi Sad aufmachten. Viele der rund 22 000 mit Astrazeneca geimpften Bürger aus den Nachbarstaaten bedankten sich vor den Kameras bewegt für die großzügige Geste des Nachbarlands und beim allgewaltigen Staatschef Aleksandar Vucic.

 

Es freue sie, „dass wir solidarisch gewesen sind“, verkündete hernach auch Serbiens Regierungschefin Ana Brnabic, die auf die Kuriermissionen von Staats- und Parteichef Vucic in die Nachbarstaaten verwies: Persönlich hatte der Meister der Selbstvermarktung in den letzten Wochen im Blitzlichtgewitter der Fotografen Impfdosen nach Bosnien und Nordmazedonien gebracht. Dies sei „keine Politik“, so Brnabic: „Wir wollten den Bürgern in der Region helfen.“

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Es war nicht nur selbstlose Nächstenliebe

Doch es war nicht nur selbstlose Nächstenliebe, sondern auch pragmatisches Kalkül und das erlahmende Impfinteresse im eigenen Land, das Belgrad am Wochenende tausende von Unternehmern aus den Nachbarstaaten zur Impfung laden ließ. 20 000 bis 25 000 Dosen Astrazeneca hätten sonst wegen des ablaufenden Haltbarkeitsdatum Anfang April vernichtet werden müssen, so Brnabic.

„Die Regierung sorgte für Gedränge, weil die Haltbarkeitsdauer des Impfstoffs ablief“, ätzte am Dienstag die Zeitung „Danas“. Tatsächlich gibt an dem Sinn der von den unterversorgten Nachbarn willig genutzten Restserumsverwertung kaum Zweifel. Doch trotz des Belgrader PR-Erfolgs regt sich an den chaotisch organisierten Impfungen der Nachbarn auch Kritik an der von Belgrad offenbar bewusst inszenierten Impfvölkerwanderung.

Warum wurden die Impfdosen nicht einfach verschickt?

Die Ärztevereinigung „Vereint gegen Covid“ (UPK) fragt sich, warum die Impfdosen zur Minimierung des epidemiologischen Risikos nicht einfach den Nachbarn gespendet worden seien. Stattdessen habe Belgrad Zehntausende ausländischer Staatsbürger „ohne Überprüfung ihres Gesundheitszustands“ quer durchs ganze Land reisen und vor den Impfzentren für ungekanntes Gedränge sorgen lassen. Von einer „Vorstellung“, die die „Überlegenheit“ von Serbiens Regierung auf dem Balkan demonstrieren solle, spricht gegenüber „Danas“ der Soziologe Djokica Jovanovic: „Wenn es sich um aufrichtige Solidarität handeln würde, hätte man den Ländern die Impfdosen auch einfach schicken können.“