Herbert Kirner ist keiner von denen, die sich mit Aufklebern auf dem Briefkasten gegen Werbeprospekte wehren. Im Gegenteil: Er will sie nicht nur haben, er braucht sie geradezu. Und damit ist der Rentner aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis nicht alleine.
Als Herbert Kirner sich mit seiner Beschwerde meldet, ist er ein Exot. Meistens beanstanden Menschen, dass sie trotz eines entsprechenden Hinweises an Zusteller Werbung erhalten haben. Bei dem Tannheimer ist das anders.
Er reklamiert, weil eben keine Reklame bei ihm landet. Und im Laufe seiner Schilderungen wird klar: Mit dieser Sorge ist er nicht alleine.
„Es war mir fast peinlich“
Daheim bei Herbert Kirner im Schwarzwald-Baar-Kreis. Auf seinem Tisch liegen Supermarktprospekte aller Art von Geschäften im Oberzentrum. „In Tannheim kriege ich ja nichts mehr.“ Eine Wirtschaft habe zeitweise auf, „das Lamm“. Darüber hinaus: Pustekuchen. Nüchtern beschreibt der Rentner die Situation in seinem Dorf im Schwarzwald-Baar-Kreis, das stellvertretend für so viele Orte der Region steht. Drei Lebensmittelläden, eine Metzgerei, zwei Bäckereien und fünf Wirtschaften in Tannheim, das war einmal. Ist-Zustand: zwei Bauernläden und ein Gasthaus. „Hierher zieht man nur noch, wenn man mindestens zwei Autos und Kinder hat“, stellt Kirner fest.
Zum Einkaufen für den täglichen Bedarf fahren die Dorfbewohner längst in die Stadt. Auch er selbst bildet da keine Ausnahme. Aber: Wenn die Prospekte nicht wie gewohnt in seinem Briefkasten landen, dann hat er ein Problem. Denn die Werbeblätter mit den Sonderangeboten der Discounter und Vollsortimenter in der Stadt sind für viele Rentner längst unverzichtbar geworden. Dabei habe er sich am Anfang dagegen gewehrt, „es war mir fast peinlich“, erzählt er zu Hause am Esstisch.
Rentner müssen rechnen
Der 72-Jährige will nicht jammern. Aber rechnen, das muss er. Als er sich gegen Ende seiner beruflich erfolgreichen Karriere als Entwicklungsingenieur für die Altersteilzeit und vorgezogene Altersrente entschieden hat, war das noch nicht in dieser Dimension absehbar. Er hatte ja einen guten Job, gespart, nie auf wirklich großem Fuß gelebt, und sich sein eigenes Zuhause in Tannheim geleistet. Von dem zehrt er zwar noch heute, doch viel Spielraum ist da nicht mehr. Das hatte er sich nach erfolgreicher beruflicher Laufbahn eigentlich anders vorgestellt. „Im Nachhinein bedauere ich, damals in Altersteilzeit gegangen zu sein“, gibt er zu. Und auch mit dem freiwilligen Eintritt in die Private Krankenversicherung hadert er „wegen der Beitragskosten und der anfallenden Krankheiten im Alter“ längst.
Zwischenzeitlich nämlich kamen Kostenexplosionen an allen Ecken und Enden, nicht nur im Energiebereich. Lebenshaltungskosten, die unaufhaltsam steigen. Und eine Rente, die genau das nicht tut. Und einfach einen der vielen Null-Prozent-Kredite aufnehmen, für die so stark geworben hat, das ist als Rentner nicht drin – ein Risikoaufschlag wäre fällig, der das Kartenhaus in sich zusammenfallen lässt.
Senioren müssen heute also erfinderisch sein. Vieles selbst machen, das hilft, wie der patente Rentner aus Tannheim als findiger Hobby-Handwerker weiß. Und eben auch ein wachsamer Blick auf Sonderangebote und Rabatte.
Einst lästig, jetzt relevant
Darin hat Herbert Kirner Routine. Gezielt durchforstet er die Werbeflyer, zweimal in der Woche fährt er nach Villingen zum Einkauf. „Ich schaue immer, welchen Fisch Edeka gerade im Angebot hat“, erzählt er. Und wenn sein Lieblingswein oder der Favorit im Bierregal zum Sonderpreis zu haben ist, gönnt er sich davon eine Kiste auf Vorrat. Zum Normalpreis würde er sich das nicht leisten.
„So kann ich im Monat schon mal einen Hunderter einsparen“, schätzt Kirner. „Früher wollte ich mal ein Schild an den Briefkasten kleben mit der Aufschrift ’Keine Werbung’“, gibt er zu. Jetzt aber sind die Prospekte für ihn wirklich wichtig. So sehr, dass er sie schmerzlich vermisst, wenn sie einmal nicht im Briefkasten landen.
Willkommene Abwechslung
Dass er kein wunderlicher Sonderling ist, zeigt sich beim Blick auf die Kundschaft: „Auffallend viele rennen mit dem Handy durch den Laden“, um auch noch die letzten Rabatte einzusammeln, stellt Herbert Kirner fest, wenn er selbst den aus dem Discounter-Prospekt herausgerissenen Zettel aus der Tasche zieht. „Die Leute kaufen gezielt ein.“ Und ja, auch das ist ein Phänomen des fortgeschrittenen Alters, das Herbert Kirner mit vielen Rentnern, vor allem, aber nicht nur auf dem Land, teilt: Die Einkaufstouren sind eine willkommene Abwechslung und Gelegenheit, unter Leute zu kommen.
Denn nicht nur das Geld werde im Alter weniger, auch die früher so zahlreichen beruflichen sozialen Kontakte fehlen. Das private Umfeld sei ja ebenfalls gealtert mit allen Konsequenzen, stellt der Senior fest. Einen Wirtshausbesuch oder Freizeitaktivitäten können sich viele Rentner kaum noch leisten. Da tut es doppelt gut, wenn nach sorgfältiger, kostenbewusster Einkaufsplanung mit Hilfe der Prospekte dann und wann wenigstens noch ein kleiner Restaurantbesuch drin ist.